Ein Heiligtum voller Unsinn

Sonntagsausflug nach Beromünster, wo der Radio-Mythos in einem Gesamtkunstwerk weiterlebt.

Früher spielte hier das Radioorchester, jetzt wird «Mist» gemacht: Künstler Wetz (Mitte) mit Frau Rist (links) und Herrn Hirschhorn (rechts) in seiner Installation. Foto: Stefano Schroeter

Früher spielte hier das Radioorchester, jetzt wird «Mist» gemacht: Künstler Wetz (Mitte) mit Frau Rist (links) und Herrn Hirschhorn (rechts) in seiner Installation. Foto: Stefano Schroeter

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«Sie, Herr Wetz» oder «Du, Wetz» – unwichtig. Hauptsache, Wetz, kurz und bündig, denn Wetz ist Künstler, und da ist der Name Programm. Wetz öffnet die Tür zu einem Reich, das einst als Landessender Beromünster Strahlkraft über ganz Europa hatte. Heute ist KKLB (Kunst und Kultur im Landessender Beromünster) ein Tipp für kulturbeflissene Insider.

Ein Schlafsaal, 27 Doppelbetten, akkurat in Reih und Glied ausgerichtet, jedes frisch bezogen mit sandfarbener Bettwäsche. Hinten an der Wand ein Landschaftsbild: grüner Hügel mit Sendemast. Das filigrane Gerüst erinnert an den Eiffelturm. Wer genauer hinschaut, erkennt, dass die Nachttischlämpli neben den Betten kein Licht spenden, sondern als Föhn warme Luft produzieren. Das Bild an der Wand entpuppt sich als Fenster, das den Blick freigibt auf ein unumstrittenes nationales Heiligtum: Draussen steht der Sendemast des ehemaligen Landessenders Beromünster. Hier drinnen, wo einst Hans Moeckels Radioorchester aufspielte, hat Wetz ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das der historischen Dimension des Ortes ebenso gerecht werden will wie dem Anspruch, den der Künstler an die Kunst stellt. «Kunst», sagt Wetz, «ist Unsinn, Kunst muss sinnlos sein.»

Im Zweiten Weltkrieg hielt der Sender das Land zusammen

Vor 50 Jahren war er einfach nur der Werner, sieben Jahre alt. Als einer von sieben Buben wuchs er im Haus der Dachdeckerfamilie Zihlmann im Wolhuser Quartier Zihlenfeldlöchli auf. Und jeden Tag um Punkt halb eins, wenn auf Radio Beromünster – «Bib, bib, bib ... biiiiip» – die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur verlesen wurden, sassen alle andächtig am Tisch, die Kinder und die italienischen Arbeiter, die Mutter neben der Grossmutter, die «auch nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte». Wenn einer auch nur einen Mucks machte, kam vom Tischende, an dem der Vater sass, ein Teller geflogen.

1931 hatte sich Radio Beromünster zum ersten Mal zu Wort gemeldet. Während des Krieges, der alsbald Gesamt-Europa in Schutt und Asche legte, erwarb sich der Mittelwellensender seinen legendären Ruf. Nach innen hielt Radio Beromünster die Nation zusammen, nach aussen war er die letzte deutschsprachige Stimme, die frei von Kriegspropaganda über Frontbewegungen berichten konnte.

Vor zehn Jahren, am 28. Dezember 2008, verstummte die Stimme des Landessenders für immer. Zwei Jahre später, nachdem der Sendeturm und die wenige Hundert Meter entfernten Bauten unter Denkmalschutz gestellt worden waren, zögerte Wetz keine Sekunde, als sich die Chance bot, die geschichtsträchtigen Immobilien samt Umschwung zu erwerben – zum symbolischen Preis von einem Franken.

Mit viel Liebe zum Detail und kreativer Fantasie hat Wetz die historischen Mauern reanimiert. Dabei hat sich so viel Unsinn im wetzschen Sinn angehäuft, dass die Namen der Künstler, die im KKLB ausstellen wollen, immer renommierter wurden. In einem Nebenraum hat Wetz die ausgestopfte Kuh Lotti neben einen Ballen Heu drapiert und hält sie mit einem Beatmungsgerät am Leben – eine bitterböse Parabel auf die Milch- und Landwirtschaft.

Die beiden Esel lassen ein Kunstwerk verschwinden

Weniger makaber, dafür quicklebendig interpretieren Frau Rist und Herr Hirschhorn ihre Rollen als Teil des Gesamtkunstwerks. Die beiden Esel – wer bei ihren Namen an die Zweibeiner Pipilotti und Thomas denkt, ist selbst dafür verantwortlich – sind die jüngste Kunstinstallation im KKLB. Wetz betont: «Das darf man durchaus wörtlich verstehen: Frau Rist und Herr Hirschhorn müssen ziemlich viel Mist machen, sie veranstalten aber auch grossartige Kunst-Happenings.» Etwa, wenn sie ein anderes Kunstwerk, einen Rüebliturm, sekundenschnell verschwinden lassen und anschliessend erst in rotem Randensaft waten und dann über weisses Papier trampeln.

Nach so viel Kunst-Unsinn sehnen sich die müden Beine nach Ruhe. Da kommt der grosse Schlafsaal wie gerufen. Raus aus den Schuhen und rein ins Bett; Kopfhörer über die Ohren gestülpt und die Decke über den Schädel gezogen. Wir treten eine Zeitreise an – sie wirft uns um ein Jahrhundert zurück – und eine Seereise von Cuxhaven nach New York. Wir sind Migranten. Das Schiffshorn ertönt, Möwen kreischen. «Entspanne dich», sagt die Männerstimme. «Vertrau der Kraft deiner Vorstellung.» Wetz sitzt am Mischpult und lässt den Wind durch die Wanten pfeifen. Ist er noch Künstler? Oder schon Hypnosetherapeut? Oder einfach nur ein Radiomoderator?

Erstellt: 05.01.2019, 17:25 Uhr

Kunst im Landessender

Anreise: Mit dem Postauto ab Bahnhof Sursee bis Haltestelle Gunzwil, Hasenhusen, zehn Minuten Fussmarsch.

Führung: Sonntags um 14.00 Uhr öffentliche Führung, Dauer 90 Minuten, Privatführungen nach Voranmeldung (Tel. 041 930 38 38) www.kklb.ch

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