Fliegende Fische und fliegende Hüften

Die Inseln der Kapverden haben höchst unterschiedlichen Charakter. Die bedingungslose Liebe zur Musik eint die Bewohner.

Die Siedlung Fontainhas auf der Insel Santo Antão leuchtet fröhlich aus bedrohlichen Felswänden. Foto: Peter Adams (Alamy)

Die Siedlung Fontainhas auf der Insel Santo Antão leuchtet fröhlich aus bedrohlichen Felswänden. Foto: Peter Adams (Alamy)

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Irgendetwas flitzt da vorne vor dem Bug der Fähre über das Meer. Minidrohnen mit riesigen Libellenflügeln? Die merkwürdigen Flugobjekte lenken ab von dem verheissungsvollen Blick auf die langsam grösser werdenden kargen Berge und erloschenen Vulkankegel der Insel Santo Antão, der nördlichsten der fünfzehn Inseln der Kapverden. Eine Wolkendecke liegt über den Bergspitzen weiss und leicht wie ein Daunenduvet.

Kurz vor dem Hafen Porto Novo reift die Erkenntnis: Das müssen fliegende Fische sein, die silbern schillernd, mit ihren filigranen Flossen meterweit segelnd vor dem Schiff fliehen. Plötzlich ist der Schwarm wieder verschwunden.

Eine Stunde später nach einem kurvigen Anstieg im Kleinbus über holpriges Kopfsteinpflaster erreichen wir einen Grat. Unterwegs haben wir einen Bauern mit beladenem Esel passiert sowie ein paar Ziegen und magere Kühe, die spärliches Gras von terrassierten Feldern zupften. Der afrikanische Inselstaat, seit 1975 von Portugal unabhängig, zählt heute zu den stabilsten Ländern Afrikas und gilt seit 13 Jahren laut UNO als Schwellen- und nicht mehr als Entwicklungsland. Dennoch arbeiten die meisten Beschäftigten in der Landwirtschaft, und ausgewanderte Kapverdier schicken genauso viel Geld in die Heimat, wie der Tourismus einbringt: 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Tiefenentspannte Hunde

Am spektakulärsten ist der Blick, den die Wolken ab und zu freigeben, vom Delgadim, einer Engstelle, wo es neben der Passstrasse rechts und links dramatisch Hunderte Meter steil in die Tiefe geht. Von hier aus ist die üppige Vegetation der fruchtbaren Täler im Nordteil der Insel sichtbar sowie mit serpentinenreichen Wanderwegen dekorierte Bergflanken. Zwischen kantigen Schluchten blitzt in der Ferne der Atlantik auf. Knapp 20 Kilometer weiter nördlich erreichen wir in Ponta do Sol wieder Meereshöhe. Die Wellen sprühen Gischt über den nahen Strand, während tiefenentspannte Hunde auf der nun asphaltierten, warmen Strasse dösen.

Einheimische Frauen balancieren auf ihren Köpfen Eimer mit Essensresten zu Schweineställen, die wohlweislich ausserhalb des 2000-Einwohner-Dorfes liegen. Hier entlang führt der Wanderweg nach Fontainhas, einer abgeschiedenen Siedlung mit kunterbunten Häusern, die sich schon von weitem fröhlich leuchtend von den bedrohlichen Felswänden abheben. Über der Brüstung einer knallgelben Terrasse erscheint der weisshaarige Kopf von Teofilo. Der Pensionär verkauft Getränke und lässt sich von Reiseleiter Markus Leukel, der hier regelmässig mit seinen Wandergruppen vorbeikommt, nicht lange bitten, auf seiner Gitarre etwas vorzuspielen. «Aber keine traurige Morna», sagt Leukel. Die Morna ist wie der portugiesische Fado ein sentimentaler Gesang, der oft von der Sehnsucht nach geliebten Menschen erzählt. Abschiede kennt hier jeder. Heute leben 800'000 Kapverdier im Ausland, deutlich mehr als die 500'000 auf den neun bewohnten Inseln. Trockenheit und Hungersnöte haben die Auswanderer in die Ferne getrieben.

Kapverdische Klänge begleiten die Reisenden überall – am Morgen auf der Fähre, am Mittag im herzigen Restaurant Música do Mar in Ponta do Sol oder am Nachmittag bei Isa, die im mit Pflanzen überwucherten Paul-Tal lebt. Sie verdient ein kleines Einkommen, indem sie Touristen in ihr Zuhause einlädt. Die 32-Jährige röstet selber Kaffeebohnen und bereitet einen aromatischen Wachmacher zu, indem sie die Bohnen stampft, statt sie zu mahlen. Hühner gackern im kleinen Hof des winzigen, ärmlichen, aber sauberen Steinhauses, das aus einem einzigen Raum besteht. Im Radio läuft Musik.

Haarpracht mit Gitarre

Am Abend zurück im quirligen Mindelo auf der Nachbarinsel São Vicente, bekommen wir an jeder Ecke Livemusik geboten. Auch Reiseleiter Markus ­Leukel ist Musiker. Der 50-Jährige ist vor sieben Jahren aus Deutschland ausgewandert und widmet sich als Schlagzeuger den vielseitigen Rhythmen der kapverdischen Musik. Am Tag zuvor hatte er uns seinen Freund, den Gitarrenbauer Luis Baptista, vorgestellt. In dessen mit Holzstaub bedecktem Atelier hängen die unterschiedlichsten Gitarren an den Wänden, und auch in Baptistas krausem Haar ist der Bezug zur Musik unübersehbar: Er trägt Luish, Perlenzöpfe mit silbernem Schmuck, darunter ein Notenschlüssel und eine Gitarre.

Auf der grössten Insel, Santiago, knapp eine Flugstunde entfernt von São Vicente, dominieren afrikanische Klänge. In der zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Altstadt Cidade Velha erinnert ein Pranger daran, dass hier über 400 Jahre lang Zehntausende afrikanische Sklaven verkauft wurden. Der Sklavenhandel begann, nur wenige Jahre nachdem die vorher unbewohnten Kapverden 1462 durch die Portugiesen besiedelt worden waren. Auch sie liessen Sklaven für sich schuften.

Aus der Durchmischung der Kultur europäischer Siedler und afrikanischer Sklaven entwickelte sich auf den Kapverden eine eigene kreolische Kultur mit der Mischsprache Kriolu – und allgegenwärtiger Musik. Im Restaurant Quintal da Música in der Hauptstadt Praia führt eine Truppe dunkelhäutiger Frauen den typischen Batuko vor, einen Sprechgesang. Dabei erzählt eine ältere Frau im Singsang aus ihrem Alltag, und Trommlerinnen, die zwei sich überlagernde Rhythmen schlagen, antworten im Chor. Während der monotone Gesang die Ohren bald ermüdet, können sich die Augen an den Tänzerinnen nicht sattsehen. Die leicht gebeugten Beine und der Oberkörper der jungen Frauen bleiben fast unbeweglich. Sie lassen lediglich Hüfte und Po vibrieren – aber das in einem so atemberaubenden Tempo, dass ihr um die Hüfte geschlungenes Tuch wild im Rhythmus fliegt.

Die Reise wurde unterstützt von Amin Travel und TAP Portugal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2017, 19:09 Uhr

Kapverden

Tipps und Infos

Anreise: Mit TAP Air Portugal täglich ab Zürich und Genf über Lissabon zu den Kapverden, www.flytap.com; Binter Cabo Verde verbindet die Hauptinseln Santiago, Sal und São Vicente mehrmals täglich mit Flügen. Die Insel Santo Antão ist per Fähre ab São Vicente erreichbar.

Reiseveranstalter: Der Zürcher Portugalspezialist Amin Travel organisiert Rundreisen mit Wander- und Badeferien auf den Kapverden; Tel. 044 492 4266, www.amin-travel.ch

Arrangements: 2 Wochen auf São Vicente, Santo Antão und Santiago inkl. Flügen, Unterkunft im DZ im 3-Stern-­Hotel, Ausflügen und Transfers ab 2595 Fr. p. P. (Amin Travel). 3-Wochen-Rundreise zusätzlich mit den Inseln Sal und Fogo: ab 3500 Fr. p. P.

Hoteltipp: Música do Mar, Santo Antão, hübsche Pension und Restaurant mit ­frischem Fisch und traditionellem Zuckerrohrschnaps in sämtlichen Geschmacks­richtungen, fantastischer Meerblick. www.musica-do-mar.com

Beste Reisezeit: Ganzjährig.

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