Grosses Winter-Kino

Saint-Tropez ist auch in der kalten Jahreszeit eine Reise wert. Der Promi-Ort überrascht mit einem ganz besonderen Charme.

Im Winter mit besonderem Flair: Der Hafen von Saint-Tropez. Bild: Robert Palomba/Onlyfrance.fr

Im Winter mit besonderem Flair: Der Hafen von Saint-Tropez. Bild: Robert Palomba/Onlyfrance.fr

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Der Ansturm ist nicht ganz so gross wie zu den wärmeren Jahreszeiten, dennoch herrscht auf der Terrasse des Sénéquier reger Betrieb. Wenige knallrote Tische und Stühle bleiben frei, während draussen die Sonne langsam untergeht. Ein transparenter Windschutz sorgt dafür, dass sich die Gäste im Kultlokal direkt am Hafen von Saint-Tropez auch im Winter wohlfühlen. Es ist Apérozeit, und die immer freundlichen Kellner servieren Cocktails oder Weisswein. Das Sénéquier, an 365 Tagen im Jahr vom frühen Morgen bis nach Mitternacht geöffnet, ist eine Institution in Saint-Tropez. Der Kaffee kostet hier dreimal so viel wie in einer einfachen Bar (4.50 Euro der Espresso, 9 Euro der «Crème»). Aber dafür sitzt zwei Tische weiter Schauspieler Mario Adorf. Und vor allem hat man hier einen Logenplatz mit Blick auf die Jachten und das Treiben am Hafen.Plötzlich hört man «Oh!» und «Ah!» und «Schau mal!». Hinter dem Hafen bietet die Natur gerade grosses Kino: Die untergehende Sonne illuminiert den Himmel, an dem ein paar Wolken hängen, in Farbtönen von Orange und Rot bis Purpur und Violett. Davor ragen Masten von grossen Segeljachten in die Höhe.

Saint-Tropez, einer der beliebtesten Touristenorte an der Côte d’Azur, ist auch im Winter eine Reise wert. Es herrscht eine angenehm ruhige und lockere Stimmung. Im Sommer ist hier die Hölle los, die vielen Hotels, Ferienwohnungen und Villen sind voll besetzt, dazu drängen Zehntausende Tagestouristen in den kleinen Ort und an die Strände. Im Winter dagegen bekommt man eine Ahnung, wie das Fischerdorf war, bevor der Fremdenverkehr zum Hauptgeschäft der Region wurde. Nur: ­Fischer gibt es fast keine mehr.

Die Temperatur liegt im Januar oft im zweistelligen Bereich

Viele der Einrichtungen, die vom Tourismus leben, Hotels, Restaurants, Luxusboutiquen, werden im Winter geschlossen. Die verbleibenden Zimmer sind zu relativ günstigen Preisen zu buchen. Etwa im schmucken Boutiquehotel Pan Deï Palais, einem Relais & Châ­teaux-Haus mit nur einem Dutzend Zimmern und Suiten. Im Januar kann man sich in dem alten Stadtpalais ein 40-Quadratmeter-«Chambre Prestige» leisten, das im Sommer für eine Nacht vierstellig zu Buche schlägt. Es ist gediegen eingerichtet mit indischen Möbeln und Stoffen, an der mehr als drei Meter hohen Decke ein grosser Propellerventilator. In diesem gastfreundlichen Haus fühlt man sich wohl. Tagsüber ist es ganz den Hotelgästen vorbehalten, am Abend öffnen sich die Bar und das hübsche Restaurant auch für das weitere Publikum.

Vom Hotel aus lässt sich der ganze Ort zu Fuss erkunden. Ein paar Schritte nur sind es zur Place des Lices, wo am Dienstag und am Samstag der grosse Markt stattfindet. Der ist zwar im Winter nicht ganz so umfangreich, dafür kann man sich bewegen, ohne alle paar Sekunden angerempelt zu werden. Neben Kitsch und Billigwaren gibt es hier auch Trouvaillen, und Hobbyköchen läuft ob des Gemüseangebots das Wasser im Mund zusammen. Anders als im sommerlichen Gedränge kann man sich jetzt Zeit nehmen, um Kunsthandwerk und Kleider genauer anzuschauen. Am besten ersteht man einen hübschen Einkaufskorb, damit man die Einkäufe bequem mittragen kann.

Ohne den Markt sieht der Platz im Winter etwas karg aus, da die vielen Bäume keine Blätter tragen. Doch es wird fleissig Pétanque gespielt, die Temperatur liegt auch im Januar tagsüber oft im zweistelligen Bereich. Das bekommt der Eisbahn nicht so gut, die von der Feuerwehr über die Weihnachts- und Neujahrstage auf der geteerten Seite des Platzes aufgebaut wurde. Obwohl hier Generatoren und Kühlmaschinen brummen, läuft mehr als nur ein Bächlein runter auf die Strasse. Doch am Abend dreht die Jugend Runden auf Schlittschuhen.

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Von der Place des Lices geht man hoch zur Zitadelle, die über dem Ort thront, um die Aussicht zu geniessen: auf das Meer und die Gebirgskette der Alpen.

Vielleicht steigt man die lange Treppe hinunter zum Friedhof direkt am Wasser. Obwohl hier Bäume fehlen, ein zauberhafter Ort, nur durch eine Mauer vom Meer getrennt – hier möchte man, wenn es denn so weit wäre, gerne begraben werden! Aber vorher wird die Gegend noch oberirdisch erkundet.

Bauten am Strand müssen im Winter entfernt werden

Für einen Besuch an der Plage de Pampelonne braucht man das Auto. Dieser 4,5 Kilometer lange Sandstrand, an dem die berühmten Lokale wie der Club 55 und Nikki Beach stehen, gehört zur Nachbargemeinde Ramatuelle, die sich über eine riesige Fläche erstreckt, während Saint-Tropez selbst relativ klein ist. Konnte man im Januar 2018 hier noch in einem der vier auch im Winter geöffneten Lokale an der Sonne mit ein bisschen Heizpilz-Unterstützung ein Mittagessen geniessen, herrscht jetzt gähnende Leere. Im Herbst wurde nach jahrelangen Aufschüben die aus Paris verordnete Regel, wonach Strände in Frankreich nur noch beschränkt kommerziell genutzt werden dürfen, durchgesetzt. Die Bauten am Strand müssen nun von Oktober bis April entfernt werden, nur Lokale, die auf privatem Grund hinter dem Strand liegen, sind ausgenommen.

So das Le Migon im Quartier Bonne Terrasse , das täglich von früh bis spät in Betrieb ist. Serviert werden hier vor allem Fisch und Meeresfrüchte. Wenn man schon mit dem Auto unterwegs ist, lohnt sich ein Abstecher hinauf nach Ramatuelle, das auf einem Hügel mit toller Aussicht weit über die Halbinsel von Saint-Tropez hinaus thront. In den schmalen Gassen des malerischen Dorfs findet man verschiedene kleine Läden, die Produkte aus der Region anbieten, von Seifen und Olivenöl bis zu Töpferwaren und Textilien. Am Donnerstag und am Sonntag gibt es auf dem Dorfplatz einen kleinen Markt. An diesem Platz findet man auch das sympathische Café de l’Ormeau, das gleichzeitig auch Postbüro, Kiosk, Tabakverkaufsstelle, Papeterie, Buchhandlung und Spielwarenladen ist.

Um Modisches zu shoppen, geht man jedoch in Saint-Tropez auf die Pirsch. Bei Chanel, Dior, Gucci & Co. bleiben die Rollläden im Winter unten, aber deren Produkte bekommt man bekanntlich überall auf der Welt. Tipp für Fashionistas: Victoire ist ein Multi-Brand-Store mit einem sehr schönen Angebot an Stücken, die man nicht an jeder Ecke sieht. Und von hier liegt der Hafen nur einen kurzen Spaziergang entfernt, um nochmals das Sonnenuntergangsspektakel zu geniessen. Diesmal vielleicht von der charmanten Bar im ersten Stock des Hotels Sube aus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.01.2019, 17:33 Uhr

DIe besten Adressen in und um Saint-Tropez

Anreise: Mit dem Auto ab Zürich via Mailand, Ventimiglia; ab Bern via Genf, Lyon, Aix-en-Provence. Flug: Nonstop mit Swiss von Zürich nach Nizza, ab Basel mit Easyjet, Mietwagen nach Saint-Tropez.

Unterkunft: Hotel Pan Deï Palais, DZ ab 250 Fr.; www.pandei.com

Restaurants:
Am Hafen: Sénéquier; www.senequier.com;
Le Girelier, Fischrestaurant; www.legirelier.fr;
Le Migon, Plage de Pampelonne; www.plage-restaurant-le-migon-golfe-saint-tropez.com

Märkte: Saint-Tropez, Di und Sa, vormittags. Ramatuelle, Do und So, vormittags.

Allgemeine Infos: www.sainttropeztourisme.com; www.cotedazur-tourisme.com

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