Heidi sucht das Weite

Selfie-süchtige Touristen, die in Interlaken vom Wetterpech verfolgt werden, finden Trost – in Heidi’s Photo Chalet.

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Sie heissen zwar nicht Heidi, sondern Christine Hachen und Daria Luebbert, ihre Kluft erinnert mehr an ein Dirndl als an die Berner Tracht, und auch der Laden ist eher ein Pavillon als ein Chalet, aber das alles ist nicht so wichtig: Entscheidend ist die Idee, mit der die beiden im Wettbewerb um eine Konzession für die Nutzung des Lokals an bester Lage zwanzig Konkurrenten hinter sich gelassen haben.

Die meisten Berner Oberland-Touristen haben eine lange Reise aus allen Ecken des Globus auf sich genommen, um die Daheimgebliebenen via Selfie-Stick am Trip ins Swiss Paradise teilhaben zu lassen. Aber ausgerechnet jetzt sind Eiger, Mönch und Jungfrau hinter einem Wolkenschleier verschwunden.

Heidi's Photo Chalet löst das Problem: Die Kundschaft sucht sich im Klamotten-Fundus das passende Heidi-, Geissenpeter- oder Alpöhi-Outfit aus und baut sich vor dem Green-Screen auf, im Hintergrund tricktechnisch einkopiert wahlweise ein Alpaufzug, Kühe, Geissen – oder ein hübsches kleines Chalet. Christine oder Fabia beziehungsweise Heidi oder Heidi drücken auf den Auslöser – und in Sekundenschnelle ist das Foto via Instagram oder Facebook am anderen Ende der Welt.

«Die Amis lieben den Dress-up-Kitsch!»

Beim Schwiegervater, einem Bauern, hat sich Christine Hachen die Requisiten besorgt: Hölzerne Mistgabeln, alte Kuhglocken, ein Reisigbesen. Und von ihrem Lebenspartner, dem US-Amerikaner Toby McGarrey, hat sie sich beraten und inspirieren lassen: «Die Amis lieben den Dress-up-Kitsch!»

Die ausgeklügelte Kombination aus Kitsch, Kommerz und moderner Studio-Technologie lebt vom Green-Screen-Trick. So, wie in den TV-Nachrichten der Washington-Korrespondent über dem Weissen Haus schwebt, wenn er den jüngsten Trump-Teet kommentiert, so kann der Besucher in Heidi's Photo Chalet beispielsweise auf einem Besen vor der mondlichtbeschienenen Eigernordwand reiten, wenn er die Freunde und Verwandten in Tokio, New Orleans oder Mumbai überraschen will.

In den ersten zehn Tagen, zieht Christine Hachen eine vorläufige Bilanz, hätten sich – «da im November kaum ein Tourist den Weg nach Interlaken findet» – vor allem Einheimische ablichten lassen: «Ganze Schulklassen sind gekommen; die haben allerdings nicht das Chalet-Motiv im Hintergrund gewählt, sondern die Skyline von Manhattan!»

www.heidisphotochalet.com

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 08:42 Uhr

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