Heilkur für Baden

Stararchitekt Mario Botta baut in der Bäderstadt eine Therme. Höchste Zeit für den einst mondänen Kurort, an die glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen.

Um 1900 gab es im Bäderquartier 1500 Gästebetten, heute sind es nur noch 50: Blick über die Limmat auf Badens Altstadt. Foto: Markus Bühler-Rasom

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein riesiger Generator mit Baujahr 1898 in der Hotellobby steht für die Geschichte. Transformatoren und Spannungsumwandler wurden hier einst hergestellt. Das Trafo-Areal und die Kleinstadt Baden AG waren Schauplatz der industriellen Revolution, welche die Schweiz gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfasste. Metallen gleissende Böden, die Leitfarben Kölner Brückengrün und Grauschwarz sowie kupfern schimmernde Wände in den 81 Zimmern des Trafo-Hotels sowie die beeindruckende Eventhalle mit dem Kran erinnern an das Erbe. Draussen ruft die alte Fabrikglocke zu Arbeitspausen und Feierabend – nicht mehr die Malocher, höchstens noch Tüftler, Administratoren und Planer. Baden verliert Arbeitsplätze in der Industrie, nicht nur wegen der Restrukturierung von General Electric

Das vor dreieinhalb Jahren von der Cachet-Collection eröffnete Trafo-Hotel verkörpert aber auch die Zukunft. So fehlt im 3-Stern-Superior-Haus eine eigentliche Réception. Die Gäste checken übers Smartphone oder den Bildschirm ein. Die pionierhafte Technologie hat dem Trafo viel Aufmerksamkeit in der Hotelbranche beschert.

Noch dröhnen die Baumaschinen

Ein paar Hundert Meter entfernt, unmittelbar an der Limmat, liegt ein Schwesterhotel. Der Limmathof-Direktor Lorenz Diebold sitzt am späten Nachmittag auf der Terrasse und muss etwas lauter sprechen. Nicht um das Rauschen des Flusses zu übertönen, sondern weil seit vier Monaten in unmittel­barer Nähe des Limmathofs die Bau­maschinen dröhnen. Unter der Ägide von Stararchitekt Mario ­Botta entsteht eine gigantische Therme. Drei fingerartige Annex­bauten greifen vom grasüberwachsenen Hauptgebäude nach dem Limmatknie.

Auch von der Konkurrenz begrüsst: Das Projekt Botta-Bad. Foto: PD

«Neben der Industrie werden endlich auch Tourismus und Wellness wieder zum wichtigen Standbein von Baden», sagt der Limmathof-Chef.

Wellness-Tempel für 150 Millionen Franken

Um 1900 gab es im Bäderquartier am Kurplatz 1500 Gästebetten, heute sind es noch 50. Neben dem Limmathof mit seiner 2011 eröffneten, hübschen Dépendance auf Ennetbadener Seite pflegt nur nochdas Atrium-Hotel Blume die Bäderkultur, die von römischen Legionären mitgebracht worden war. Das Grandhôtel wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges von der Armee gesprengt, der lange geschlossene Verenahof mit der denkmalgeschützten Fassade wird als Ergänzung des Botta-Bades zum Rehazentrum umgebaut. Der Limmathof empfängt die Badegäste in einem 75 Quadratmeter grossen Thermalbad. Mit dem 150 Millionen Franken teuren Wellness-Tempel und dessen breitem Angebot wird sich das Hotel nie messen können. «Wir bleiben klein, aber fein», sagt General Manager Diebold selbstbewusst. Und er ist überzeugt: «Die ganze Stadt wird ab 2020 vom neuen Thermalbad profitieren.»

Das Heilwasser wirkt auch präventiv

Schon im späten Mittelalter und der Renaissance war Baden ein europäisches Wellness-Mekka, auch die Gesandten, die im Tagsatzungssaal verhandelten, genossen in der heimlichen Hauptstadt der Eidgenossenschaft Badefreuden. Manche Ehegattin aus dem zwinglianisch sittenstrengen Zürich liess eine jährliche Kur im vergleichsweise frivolen Baden in den Ehevertrag schreiben.

Pro Tag schiesst eine Million ­Liter 47 Grad Celsius heisses Thermalwasser aus 16 Badener und zwei Ennetbadener Quellen. Ungewiss ist die Herkunft des mineralienhaltigsten Wassers der Schweiz, das Rheuma, Hautkrankheiten und weitere Gebresten lindert und präventiv wirkt. Zum Teil fliesst es noch in Holzleitungen, für metallene Rohre wäre die Mischung zu aggressiv.

500'000 Besucher pro Jahr erwartet

Oben in der malerischen Altstadt wirbelt Daniel Cortellini durch seine Weinhandlung, die ausschliesslich mit Schweizer Tropfen bestückt ist. Der Sensorik-Experte, der einst mit gefüllten Gläsern von Haus zu Haus zog und Wildfremden seine Weine anpries, ist Badener durch und durch. «An der Stadt und dem stark verwurzelten Gewerbe wird sich nichts ändern», sagt Cortellini, «aber Baden wird nach der Eröffnung des Botta-Bades wohl neu bespielt.»Auguren erwarten eine halbe Million Besucher pro Jahr. «Das wird eine grosse Herausforderung», vermutet der pfiffige Weinhändler, der sich insgeheim mit Sonntagsöffnungszeiten und schwer voraussehbaren Menschenströmen beschäftigt. Philosophisch sagt Cortellini: «Baden steht vor einer Transformation, in der die Chaostheorie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.» Transformation klingt nach Transformator und Trafo, wodurch sich der Badener Kreis wunderbar schliesst.


Die Reise wurde unterstützt vom Hotel Limmathof und Baden Info.

Erstellt: 15.07.2018, 10:41 Uhr

Artikel zum Thema

Neues Thermalbad vor der Haustür der Zürcher

Jetzt wird endlich gebaut im Bäderquartier Baden. 2020 soll das Botta-Thermalbad eröffnet werden. Erwartet werden jährlich eine halbe Million Gäste – viele aus Zürich. Mehr...

Gratisbad im Holzzuber neben Mario Bottas teurem Thermalbad

Parallel zum neuen Thermalbad in Baden sollen auch «Heisse Brunnen» gebaut werden. Mehr...

Baden

Unterkunft
www.trafohotel.ch

Weinhandel
www.cortis.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Monsunregen: Nach heftigen Regenfällen müssen die Menschen im Kurigram-Distrikt in Bangladesh auf Booten ausharren, lediglich die Hausdächer ragen aus dem Hochwasser. (17. Juli 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/Barcroft Media/Getty) Mehr...