Hochwürden lässt sich feiern

Die Welt kennt Brescello in der Po-Ebene nur als Kulisse eines Kult-Klassikers. Don Camillo und Peppone begegnet man hier auf Schritt und Tritt.

Noch immer allgegenwärtig: Fernandel als Don Camillo vor der Kirche von Brescello. Bild: Dino Fracchia/REA/laif

Noch immer allgegenwärtig: Fernandel als Don Camillo vor der Kirche von Brescello. Bild: Dino Fracchia/REA/laif

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In den Schaufenstern baumeln Parma-Schinken, und wie immer, wenn ein Ort einmal den touristischen Gegenwert seiner kulturellen Erbschaft erkannt hat, übertreibt man es ein bisschen. Die zwei Streithähne zieren die Etikette des regionalen roten Cuvée, und überhaupt kleben Camillo und Peppone auf jedem Kaufartikel. An der Piazza liegt das Caffè Peppone, vis-à-vis nennt sich die Konkurrenz nach Camillo, und das neueste Gasthaus im Ort ist – Sie haben es erraten – das Hotel Don Camillo. Immerhin, an filmhistorisch wertvollen Gebäuden sind Hinweisschilder angebracht.

«Eine kleine Welt. Ein Landstädtchen. Irgendwo in Oberitalien.» So führte die Erzählerstimme in die Don-Camillo-Filme ein. Die Heimat des launigen Priesters liegt nicht irgendwo. Sondern in der Emilia-Romagna. Im 3000-Seelen-Dorf Brescello wurde 20 Jahre lang die Don-Camillo-Serie gedreht.

Für die Region, die sich seinerzeit nur von dem ernährte, was der Boden hergab, sind die fünf Filme bis heute Manna vom Himmel. Den typischen Hochmut der Oberitaliener stellen die Dörfler dennoch ganz authentisch zur Schau. Schliesst die Küche, schliesst die Serviererin auch den Sonnenschirm – egal, ob sich noch ein Gast darunter befindet oder nicht. Die Piazza Matteotti hat ihren Namen vom sozialistischen Politiker, der 1924 von Faschisten ermordet wurde. Daran erinnert sich kaum noch jemand. Stattdessen ist vor der Kirche der berühmte Priester in Bronze gegossen, das Gebetbuch in der Hand. Er winkt der Bronzefigur auf der anderen Seite zu, dem Bürgermeister Peppone, das Parteiblatt der Kommunisten, die «L’Unità», eingesteckt. Dass sich Politik und Kirche hier direkt gegenüberstehen, war ausschlaggebend, dass Brescello 1951 zum Drehort auserkoren wurde – diese dramaturgische Vor­aussetzung konnten andere Dörfer nicht erfüllen. Mehrere Ausstellungen würdigen den 50. Todestag, (22. Juli 2018) des Autors der Vorlage, Giovannino Guareschi.

Der Heiland wurde in einen Seitenraum verbannt

Alle in Brescello wissen alles von Don Camillo. Etwa, dass der Schauspieler Fernandel ein Charmeur war, dem die Bresceller Mädchen nicht widerstehen konnten. Die alten Männer, die in Erinnerungen schwelgen, waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten junge Kerle. Sie widersetzten sich dem ausdrücklichen Befehl der kommunistischen Partei, die Dreharbeiten zu boykottieren. Das Tagesgehalt eines Statisten war besser als der Wochenlohn des Landarbeiters.

In den schattigen Arkaden hängt die Kirchenglocke aus «Hochwürden Don Camillo», schwingt sanft hin und her wie ein Parma-Schinken – weil sie aus Pappmaché ist. Aus dem gleichen Material bestand auch der Vorbau, den die Kulissenkonstrukteure der Dorfkirche verpassten. Als der Erfolg nach einer Fortsetzung verlangte, stifteten die Produzenten den Anbau in echt. Ein profanes Requisit wird verehrt wie eine heilige Reliquie: das Kruzifix mit dem Gekreuzigten, an den Don Camillo sich in Notlagen wandte. Das Zwiegespräch mit Jesus war dem Klerus schon in der Buchvorlage ein blasphemischer Dorn im Auge. «Es waren insgesamt fünf Kreuze», klärt der Guide im Ortsmuseum den überraschenden Umstand auf, dass sich die italienische, die französische und die deutsch synchronisierte Fassung unterscheiden. Je nachdem, in welchem Land Don Camillo auftrat, fanden sich mehr oder eben weniger Dialoge mit Jesus. In manchen Fassungen änderte der Gekreuzigte dabei seinen Gesichtsausdruck. «Die anderen vier Kreuze wurden ein Raub der Flammen beim grossen Brand der Cinecittà-Studios.»

Ursprünglich war der Heiland über dem Altar angebracht. Der Fremdenverkehr erwies sich als störend für den Kirchenbetrieb, sodass er in den linken Seitenraum der Chiesa di Santa Maria Nascente verlegt wurde – der «Kirche Don Camillos», wie sie von der Mehrheit genannt wird. Der Kontroverse der Huldigung einer Filmrequisite konnte mit der Segnung des Kreuzes aus dem Weg gegangen werden. Bevor sie ihr Selfie machen, lauschen die Touristen in die Stille hinein – spricht er? Mit Sicherheit sagen lässt sich, dass die Strahlkraft der Filmwerke die literarische Vorlage Guareschis in den Schatten gestellt hat. Guareschi hielt auch Fernandel für eine Fehlbesetzung, musste dann erleben, wie der Franzose mit seinem Pferdelachen dem italienischen Dorfpfarrer ein unvergessliches Gesicht verlieh. «Und so können hier Dinge geschehen» – mit diesen Worten entliess der Erzähler das Publikum jeweils zurück in die Wirklichkeit –, «die nirgendwo in der Welt möglich sind.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.07.2018, 17:22 Uhr

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Tipps

Anreise
Per Zug via Milano und Parma. www.sbb.ch

Unterkunft
Hotel Brixellum ***

Allgemeine Infos
www.visitbrescello.it

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