Ihr Tatendurst ist noch lange nicht gestillt

Bettina Plattner vermietet ­Ferienwohnungen in Pontresina und setzt dabei auf ­hochwertiges ­einheimisches Schaffen. Auf der Suche nach dem grossen Ganzen engagiert sie sich auch im Dorf.

Von der Zürcher Goldküste ins Engadin: Bettina Plattner ist eine glühende Touristikerin Foto: Nicola Pitaro

Von der Zürcher Goldküste ins Engadin: Bettina Plattner ist eine glühende Touristikerin Foto: Nicola Pitaro

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Ein roter Saum fasst den dunkelbraunen und blauen Läufer ein. Bettina Plattner deutet auf den Teppich und sagt: «Er stammt von Annabel.» So heisst eine Alpaka-Dame drüben im Fextal. Ihre Wolle wurde gefärbt und zu Teppichen verarbeitet, die in der Ferienwohnung in der Chesa a la Punt für warme Füsse sorgen.

Zuletzt hinzugekommen: Die Chesa a la Punt.

Bettina Plattner und ihr Mann Richard haben 19 geräumige Appartements in drei Häusern mit weiteren Zeugen alpinen Handwerks ausstaffiert. Bettina tritt ans Doppelbett und zieht das Kopfkissen aus dem Überzug. Sie öffnet den Reissverschluss, und reine Schurwolle quillt hervor. Hier sind Bündner Schafe die Lieferanten. Die Kissen stammen aus einem Atelier in Savo­gnin, das sich der nachhaltigen Verwertung des kuscheligen Felles der Schafe widmet. Vom Kopfende des Bettes blicken geschnitzte Lämmer auf die Schlafenden; es riecht in der ganzen Wohnung nach Arvenholz. «Der Duft der Berge soll die Ankommenden empfangen», sagt Bettina Plattner. Die Unterkünfte in Pontresina tragen das Label Alpine Lodging. Billigen alpinen Chic findet man aber nicht. Weder schmücken Hirschgeweihe die Wand, noch wurden Milchkessi in Papierkörbe umgenutzt. «Wir ­haben im Engadin eine neue Art von Ferienwohnungen und eine Marke kreiert», bilanziert Bettina Plattner.

Die Appartements sind aus hochwertigen einheimischen Materialien gebaut, die Einrichtung gleicht jener eines Luxushotels, ist aber charmanter. Alessi-Geschirr im Küchenschrank gehört ebenso zum Inventar wie eine Nespresso-Maschine oder Blumenvasen, die auf Wunsch mit Sträussen der Kategorien «basic» oder «opulent» bestückt werden. Die Kundschaft, in der Mehrheit Schweizer und Deutsche, wählen aus zahlreichen Dienstleistungen – eine Kühlschrankfüllung fürs Frühstück, eine Zwischenreinigung oder die Halbtagesbetreuung des Hundes. «Wir arbeiten mit zwölf externen Partnern zusammen», erklärt Plattner das System. «Neben der Wohnung und der Benützung von Sauna und Dampfbad bezahlt der Gast nur, was er wirklich braucht.»

Ihren Mann hat sie im Pyjama kennen gelernt

Die 54-Jährige lernte das Beherbergungshandwerk von der Pike auf: Hotelfachschule Lausanne, Lehrjahre im Dolder Grand Zürich und im Peninsula Beverly Hills in Kalifornien, Führungsaufgaben im Saratz in Pontresina und Direktion im Castell in Zuoz, immer im Duo mit Richard. Die Maturandin und der Südtiroler Jungkoch hatten sich im Spital von ­Scuol kennen gelernt. «Im Pyjama», erinnert sich Bettina Plattner schmunzelnd. Sie war wegen Verdachts auf eine Salmonelleninfektion ins Mini-Krankenhaus eingeliefert worden, er litt an einer Hirnhautentzündung. Seither sind die beiden ein unzertrennliches Paar; die gemeinsame Firma heisst bezeichnenderweise Plattner & Plattner. «Und ich kann mir seit 23 Jahren keinen schöneren Wohnort als das Engadin vorstellen», rühmt die Hotelière. «Wo sonst erlebt man das Auf und Ab der Jahreszeiten so intensiv? Ich liebe das Engadiner Licht und auch den Wechsel zwischen Hochsaison und der Stille im Mai oder November.» Die Kinder, Jill und John, 20 und 18, sprechen Romanisch. «Ich wüsste nicht, was mich vom Engadin wegtreiben könnte», bekennt Bettina Plattner.

Dabei ist sie weder Bergbauernkind noch Hotelierstochter. Sie stammt aus betuchtem Haus, wuchs an der Zürcher Goldküste auf. Der Vater Fritz Gerber war CEO und Verwaltungsratspräsident von Roche und der Zurich-Versicherung. Einer der mächtigsten Wirtschaftsführer des Landes und während Jahren Geldgeber der Grasshoppers, als diese noch in der Champions League spielten und das Mass aller Dinge im Schweizer Fussball waren. «Ja», sagt Bettina Plattner fast etwas trotzig, «ja, ich komme aus einer wohlhabenden Familie. Die Ressourcen, die ich dank dem Erfolg meines Vaters zur Verfügung habe, investiere ich sinnvoll in den Engadiner Tourismus – immer mit dem Blick aufs grosse Ganze.»

Fritz Gerber, mittlerweile fast 90 Jahre alt, kann stolz sein auf die jüngste Tochter. Sie ist nicht nur Investorin und Betreiberin von Alpine Lodging, sondern präsidiert auch den Verwaltungsrat des renommierten Dreisternhotels Krone La Punt, sitzt im Verwaltungsrat der Destinationsvermarkterin Engadin St. Moritz Tourismus AG – und ist begnadete Netzwerkerin, gefragte Beraterin und talentierte Autorin. Ihr Buch «Wenn Paare Unternehmen führen» bleibt bis heute das einzige Werk, das sich im deutschsprachigen Raum einem durchaus brisanten Thema widmet. Sie sei Strategin, Marken- und Marketingfrau. «Und wir sind beide kreativ und gut im Umsetzen von Ideen und Prozessen. Richard und ich ergänzen uns ­hervorragend.» Aber vor allem ist Bettina Plattner eine glühende Touristikerin: «Ich kann mir keine andere Branche vorstellen. Bei uns steckt so viel Leben drin.»

Im Gespräch mit der Macherin aus Pontresina taucht immer wieder ein Begriff auf: das grosse Ganze. Was sie damit meint, zeigen die Engagements der Plattners im Dorf: Sie betreiben im Büro, das auch Empfangs- und Concierge-Desk für die Ferienwohnungen ist, eine Galerie mit Kunst aus dem alpinen Raum. Und im Dorf steht die von Plattner & Plattner alimentierte Creative Box, wo jedermann basteln, malen oder stricken kann. Kostenpflichtig sind nur Material und Getränke. «Eine Tourismusdestination setzt sich aus vielen Elementen und Partnern zusammen», erklärt die Unternehmerin. «Wenn man nicht auf kurzfristigen Gewinn aus ist, sondern sich in die Gemeinschaft einbringt und etwas beisteuert, dient das dem grossen Ganzen. Am Schluss profitieren alle.»

Der nächste Wurf ist schon in Planung

Nicht von ungefähr werden wohl im Februar viele Branchenkollegen an der Gemeindeversammlung von Pontresina einer Änderung des Gestaltungsplanes in der Hotelzone zustimmen. Es geht um das nächste Projekt. Plattner & Plattner hat das angejahrte Hotel Post gekauft, das vom Kanton Graubünden als «erhaltenswert» eingestuft wird. Projektiert: ein schöner und ins Ortsbild passender Hotelneubau von Gion A. Caminada, der für Starkoch Andreas Caminada eben die Casa Caminada gebaut hat.

Das neue Hotel Post wird 30 Hotelzimmer, sieben bewirtschaftete Wohnungen und fünf Zweitwohnungen beherbergen. «Läuft alles glatt und ohne Einsprachen, können wir Ende 2021 Eröffnung feiern», hofft Bettina Plattner. Ihr letzter grosser Wurf? «Ja», beteuert sie, «wir führen dann ein Beherbergungsunternehmen mit 200 Betten und vielen Synergien.» Doch wer weiss: Vielleicht harrt das grosse Ganze noch weiter der Vollendung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.12.2018, 19:15 Uhr

Alpine Lodging

Unterkünfte: 19 stilvolle Ferienwohnungen in Pontresina in den Häusern Chesa al Parc, Chesa Plattner, Chesa a la Punt. Alle mit Sauna, Dampfbad und Ruheraum. www.alpinelodging.ch

Preisbeispiel: Wohnung mit zwei Schlafzimmern (vier Betten) in der Chesa a la Punt, 96 m2, ab 430 Fr./Tag

Art Gallery Plattner & Plattner:
www.plattnerundplattner.ch

Creative Box: geöffnet bis 22. 4. 2019, Mittwoch bis Samstag, 13 bis 18 Uhr

Allg. Infos: www.pontresina.ch; www.engadin.stmoritz.ch

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