Im Dienste der Familie

Franziska Richard führt das Parkhotel Bellevue & Spa in Adelboden bereits in dritter Generation.

«Der Kontakt zu den Gästen bleibt wichtig»: Hoteldirektorin Franziska Richard. <nobr>Foto: Jacqueline Vinzelberg</nobr>

«Der Kontakt zu den Gästen bleibt wichtig»: Hoteldirektorin Franziska Richard. Foto: Jacqueline Vinzelberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als sich Franziska Richard vor einem Jahr die Möglichkeit bot, zurück in den Familienbetrieb zu wechseln und das Bellevue Parkhotel & Spa zu leiten, entschied sich die gebürtige Adelbodnerin rasch. «Obwohl ich meine Komfortzone verlassen musste», betont sie, «nämlich ein ruhiges Leben im Unterland, am Schreibtisch und am Bielersee.» Bereut hat Franziska Richard den Schritt nicht. «Die neue Aufgabe als Hotelchefin ist viel komplexer und spannender, als im stillen Kämmerlein Texte zu schreiben», sagt die 51-Jährige, die heute vierzig Mitarbeitende führt.

Franziska ist eines der fünf Richard-Geschwister, die alle je zwanzig Prozent des Hotels besitzen. Gemeinsam mit Andreas und Bernhard bildet die Zweitälteste den Verwaltungsrat. Acht Jahre hatten externe Führungskräfte den Betrieb gemanagt, nun wollte man das Zepter im 4-Stern-plus-Haus operativ wieder übernehmen. Natürlich betrat sie nicht Neuland: «Ich war stets mit dem Haus verbunden und arbeitete bereits zwei Jahre mit. Zuletzt oblag mir das Marketing des Hotels.»

Die Richard-Kinder wuchsen im Hotel auf, das von Mutter Julia und Vater Hans Rudolf während Jahrzehnten geprägt wurde. Ausserdem hatte Franziska als Absolventin der Hotelfachschule Thun ihre Sporen in diversen Hotel- und Gastronomiebetrieben verdient. Lange bestritt sie ihren Lebensunterhalt vor allem als freie Journalistin und Gastrotesterin.

«Tourismus, Essen und Trinken sowie Design waren schon damals meine Themen», sagt die Hotelière, die sich mit ihrer zurückhaltenden Art vom Auftreten der in dieser Branche weitverbreiteten (meist männlichen) Ich-AGs wohltuend abhebt. Die Bilanz nach einjährigem Wirken fällt positiv aus: «Wir konnten Belegung und Wertschöpfung steigern», so Richard. «Aber es bleibt ein anspruchsvolles Geschäft. Wir sind ein unabhängiges Haus und haben keinen Mäzen im Hintergrund. Alles, was wir investieren, müssen wir vorher selber erwirtschaften.» Und investiert wurde einiges. In den letzten zwölf Jahren renovierten die renommierten Basler Architekten Buchner Bründler das Hotel in vier Etappen.

Outdoor-Solebad mit Blick in die Bergwelt

Mit fünfzig Zimmern und Suiten ist das Bellevue überschaubar. «Der Kontakt zu den Gästen bleibt wichtig», sagt Franziska Richard. Sie unterstützt die Crew im Restaurant beim Abendservice und verabschiedet nach Möglichkeit jeden Gast persönlich. Doch die Bedürfnisse der Kundschaft sind im Wandel. «Wir wollen uns den Verhältnissen im 21. Jahrhundert anpassen und dabei ein Haus bleiben, das eine Hotelkultur lebt und Begegnungen möglich macht.» Franziska Richard fördert den Austausch und kreiert unter anderem ein neues, verbindendes Veranstaltungsformat, das in der Winter-saison sechsmal stattfindet: Unter dem Titel «Worte & Klänge» treten Spitzenkräfte aus der klassischen Musikszene in Talks auf und unterhalten die Bellevue-Kundschaft musikalisch beim Dinner.

Franziska führt das Hotel in der dritten Richard-Generation. Grossmutter Elisabeth, eine gebürtige Grindelwalderin und Hotelierstochter, und Grossvater Hans, der als Oberkellner im Oberland angeheuert hatte, steuerten das 1901 gebaute Haus ab 1926 durch stürmische Zeiten. 1931 brannte das Hotel ab und wurde im Stil der klassischen Moderne wieder aufgebaut. Franziskas Eltern erweiterten das Bellevue zu einem allseits geschätzten Refugium und setzten früh auf Wellness. Mit 1700 Quadratmetern Spa gehört das Haus am Dorfrand zwar nicht zu den Branchengiganten, das Angebot ist aber hochwertig und innovativ. Das Outdoor-Solebad mit Blick in die Bergwelt dient als beliebtes Fotosujet.

«Wer bei uns bucht, kennt die Welt entweder kaum oder hat schon fast alles gesehen.»Franziska Richard, Direktorin

«Ich freue mich sehr an der Kundschaft, die nachhaltig reist und unsere Werte schätzt», so die Bellevue-Direktorin. Es gebe gar Gäste, die vom nur wenige Kilometer entfernten Thun oder Spiez herkämen, weil sie in eine andere Welt eintauchen und keine umweltbelastenden Flugreisen machen wollten. «Wer bei uns bucht, kennt die Welt entweder kaum oder hat schon fast alles gesehen», glaubt Franziska Richard. «Gäste, die flüchtig im Netz einen atemberaubenden Infinity-Pool entdecken, bringen uns kaum weiter.»

Nicht zu einem alpinen Disneyland, sondern dem Bergbauern Fritz Dänzer gehören die Simmentaler Kühe, die im Herbst auf der Matte neben dem Hotel grasen und mit ihren Glocken für einen urchigen Soundteppich sorgen. Wenn nicht gerade der Skiweltcup-Zirkus am Chuenisbärgli gastiert, bleibt das Dorf eine erholsame Oase – in der sich allerhand anbahnt: 2020 eröffnet eine bereits in Lenzerheide tätige Investorengruppe das «Revier», eine Herberge für eine junge, sportliche Kundschaft, und zwei traditionsreiche Hotels sollen bald in neuem Glanz erstrahlen.

Franziska Richard versucht in ihrem Hotel, den Bezug zu den Adelbodner Wurzeln zu schaffen. Auf der Menükarte erwartet die Gäste jeweils ein Sinnspruch im Berner Dialekt. Beispiel? «Gross Härdöpfel werde no lind, me muess nu gnue lang drunder füüre.» Passt ganz gut zur Beharrlichkeit, mit der Franziska Richard an der Spitze des Familienverbandes das Bellevue in die Zukunft führt.

Erstellt: 22.11.2019, 09:18 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir werden auch in ein paar Jahrzehnten noch Ski fahren»

Interview Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, über den Klimawandel und die Zukunft des Wintertourismus. Mehr...

Der Starkoch mischt die Hotellerie auf

Porträt Andreas Caminada, einer der besten Köche der Welt, ist auch ein begnadeter Unternehmer. Mehr...

Die besten Winterhotels

Das grosse Rating 2019: Alle Aufsteiger, Absteiger und Neueinsteiger. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...