Im Land des guten Geschmacks

Hochstehende Architektur und unberührte Natur: Südfinnland  ist ein Reiseziel für Anspruchsvolle.

Einfachheit trifft im Süden Finnlands auf Designklassiker: Die selbst gesammelten Pilze werden über dem Feuer zubereitet. Fotos: Nicole Philipp

Einfachheit trifft im Süden Finnlands auf Designklassiker: Die selbst gesammelten Pilze werden über dem Feuer zubereitet. Fotos: Nicole Philipp

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Abstecher zu einem Pionier moderner Baukunst

Endlos anmutender Wald zieht vorbei, bis die Busfahrt in Säynätsalo ein Ende findet. Säynätsalo ist ein auf der gleichnamigen Insel im Päijänne-See gelegener Stadtteil von Jyväskylä. Vor uns ein roter Backsteinbau, mit Kletterpflanzen bewachsene Fensterfronten und eine Wiese mit Brunnen. Man möchte es zunächst nicht glauben, aber wir betreten eines der bedeutendsten Werke Alvar Aaltos: das 1952 fertiggestellte Rathaus von Säynätsalo.

«Alvar Aaltos architektonischer Schwerpunkt galt der Verbindung von Innen- und Aussenleben unter Verwendung organischer Materialien», führt die Reisebegleiterin in Aaltos Schaffen ein. Im Innern des Gebäudes verströmen Helligkeit und Holz sofort eine wohlige Atmosphäre. Das Holz duftet noch immer, die deckenhohen Fenster in der alten Wandelhalle lenken den Blick zum grünen Innenhof, und im Stadtratssaal fällt sanftes Licht durch Lamellen. Die Verbindung zwischen Innen und Aussen gelingt.

Der Paimio-Sessel von Alvar Aalto.

Eine Reise zur finnischen Seenplatte muss nicht zwingend nur aus purem Naturerlebnis bestehen. Wer sich für eine Tour entlang der Gewässer Südfinnlands entscheidet, darf getrost eine Design orientierte Abzweigung nehmen und sich zum Beispiel auf die Fährte von Alvar Aalto begeben. Ein Abstecher, der sich lohnt. Aalto (1898–1976), Architekt, Stadtplaner und Möbeldesigner, war Finnlands Pionier für moderne Architektur. Seine Vorliebe galt organischen Materialien. Metall verschmähte er. Vor allem beim Möbelbau. Ein von Aalto entwickeltes Holzverformungsverfahren wendete er bei der Herstellung des weltbekannten Paimio-Sessels an.

Ein weiteres Bauwerk Aaltos, das wir besuchen, ist die im nordischen Klassizismus erbaute Kirche von Muurame aus dem Jahr 1929. Die 2016 umfangreich renovierte Kirche zeigt aussen Aaltos frühe Liebe zu Italien: der Glockenturm, die Säulen und Bögen, die helle Farbgebung. Das Kircheninnere wurde weitgehend verändert. Das grosse Altargemälde von William Lönneberg und ein Kronleuchter Aaltos erinnern an das Baujahr. Wer nicht so viel Zeit hat, um Aaltos Spuren zu folgen, ist auch im nach dem Künstler benannten Museum in Jyväskylä gut aufgehoben. Dort wird sein Leben und Schaffen ausführlich aufgezeichnet.

Pilze suchen in der Heimat von Bären und Elchen

Die Koffer sind in den gemütlichen Blockhäusern am Kaitlampi-See untergebracht. Schon steht Annu Huotari, unsere Gastgeberin, auf dem Vorplatz, ausgerüstet mit Korb und Küchenmesser. Die Pilze für das Nachtessen werden wir selber im Wald sammeln. Die Ruhe im Nuuksio-Nationalpark ist verblüffend: Nicht einmal Vogelgezwitscher hört man an diesem Nachmittag. Mit Andacht betreten wir den schmalen Waldweg, der gleich leicht ansteigt, vorbei an Bäumen und Sträuchern. Sie haben die Farbe des Spätsommers angenommen. Auffallend weich ist der Boden, dicht besät mit Tannennadeln. Das samtene Moos zieht sich rechts und links über Grund und Steine. An den Ästen hängen zartgrüne Bartflechten, die, so erklärt uns Annu, auf eine gute Luftqualität hinweisen. Auch Bären und Elche sind hier zuhause. Wie man auf die Wildtiere richtig reagiert, sei lernbar, beruhigt uns die Finnin.

Die ersten Pilze lassen nicht lange auf sich warten. Gelb leuchten Pfifferlinge wie kleine Goldstücke im Dickicht. Annu legt sie behutsam in den Korb. Später wird sie daraus eine köstliche Grilladenbeilage auf dem Lagerfeuer zubereiten, die wir uns mit anderen hausgemachten Speisen munden lassen.

Der Morgen ist kühl, Nebel hat den See unter eine mystische Decke gelegt. Nur ganz langsam schält sich die pittoreske Seenlandschaft heraus mit den typischen Hütten und Bootsstegen. Der Name des Resorts, Hawkhill Villas & Wilderness, steht für nachhaltigen Tourismus. Wer Abgeschiedenheit liebt und den respektvollen Umgang mit der Natur schätzt, ist hier gut aufgehoben und lässt den Alltag rasch los.

Kleinod in eindrücklicher Museenlandschaft

Reisende, die sich länger in Helsinki aufhalten und sich für Museen begeistern, sollten das Amos Rex unbedingt aufs Programm nehmen. Mit dieser Institution erweitert Helsinki seine beachtliche Museenlandschaft um ein weiteres Kleinod. Die Finnen beweisen auch hier guten Geschmack. Schon der Bau ist ein Hingucker. Was 1936 als zweckmässiges Geschäftszentrum für die Olympischen Spiele erbaut wurde, bildet heute die perfekte Verschmelzung von Alt und Neu. Dem lokalen Architekturbüro JKMM ist es gelungen, den bestehenden Glaspalast (Lasipalatsi) sorgsam in das neue Gesamtwerk zu integrieren.

Internationale Spitzenkunst hat hier ihren Auftritt: Die neu eröffneten Ausstellungsräume des Amos Rex in Helsinki

Während sich die Ausstellungsräume des Museums fast ausschliesslich unter der Erde befinden und durch formschöne Schächte mit Tageslicht versorgt werden, haben die Architekten den Glaspalast im Stil der 30er- Jahre belassen –selbst innen. Dort befinden sich auch Restaurants, Geschäfte und das renovierte Kino Bio Rex.«Wir wollen internationale Spitzenkunst des 20. und 21. Jahrhunderts zu uns holen», sagt Direktor Kai Kartio. Das Programm des Museums wird von zeitgenössischer, oft experimenteller Kunst geprägt. Für dieses Frühjahr sind eine grosse René-Magritte-Retrospektive und eine Ausstellung des Studio Drift aus Amsterdam geplant. Das Museum bietet auch Kunst-Workshops und geführte Touren an. Und wie in den meisten Museum-Shops finden sich hier geschmackvolle Souvenirs, die der Reisende der Massenware am Flughafen unbedingt vorziehen sollte.

Die Reise wurde unterstützt von Glur Reisen und Visit Finnland

Anreise: Finnair fliegt täglich zweimal ab Zürich und ein- bis zweimal täglich ab Genf nach Helsinki. www.finnair.com;
Transport vor Ort: Das Verkehrsnetz aus Schiene, Luft, Strasse und Wasser ist gut ausgebaut und zuverlässig.
Arrangement Glur: Rundreise «Vielseitiges Finnland» mit Bahn und Schiff von Helsinki nach Rovaniemi, mit Aufenthalt u.a. in Tampere und Jyväskylä, ab1955 Fr. p.P inkl. Flug, Hotel und Bahn-/Schiffsfahrt (Basis DZ)Ferienhäuser und Hausboote auf dem Päijänne-See (ab 990 Fr. pro Haus/Woche), weitere Ferienhäuser in ganz Finnland, Städteflug nach Helsinki ab 715 Fr. p.P. (inkl. 2 Nächte in Helsinki) www.glur.ch
Unterkünfte: Hawkhill Villas & Wilderness, Tervalampi;www.hawkhill.fi; Sokos Hotels www.sokoshotels.fi
Restaurants: Restaurant Pöllöwaari, Jyväskylä; www.ravintolapollowaari.fi; Sauna und Restaurant Kuuma, Tampere; www.saunaravintolakuuma.fi; Restaurant Loiste, Helsinki www.raflaamo.fi
Museen: Museum Alvar Aalto, Jyväskylä; www.alvaraalto.fi; Amos Rex, Helsiniki www.amosrex.fi;Serlachius Museums, Mänttä; www.serlachius.fi
Allg. Infos: www.visitfinland.com/de

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.01.2019, 15:19 Uhr

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