In Celerina ist Frau Holle ein Mann

Ein gebürtiger Unterländer lässt es im Engadiner Dorf schneien und präpariert die Loipen. Mozart liefert die Begleitmusik.

Peter Notz startet mit seinem Ratrac: Scheinwerfer tasten die Schneewände ab, und diese reflektieren das gelb blinkende Rundumlicht. Video: Markus Schlumpf (Travelcontent)

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Kurz vor vier Uhr, wenn der Tag zu Ende geht, schimmert der Schnee in zartem Rosa. Am Horizont, wo die Vorwintersonne eben noch ihren letzten Strahl von Westen auf die Hochebene geworfen hat, ragen die scharfen Zacken der Bergeller Gipfel in den silbern leuchtenden Abendhimmel. Innert Minuten ist die Temperatur vom Gefrierpunkt auf knackige vierzehn Minus-Grade abgesackt. Vereinzelt tanzen Flocken in der Luft. Vom Unterengadin her zieht die Nacht ihre dunkle Decke übers Tal.

Das ist die Stunde von Peter Notz. Nahezu die Hälfte seiner sechzig Lebensjahre hat der gebürtige Zürcher in den Bergen verbracht, die ihm längst zur Heimat geworden sind. Der ­Stadtflüchtling ist zum Schnee-Mann geworden – oder zur Frau Holle vom Oberengadin: Mit seinen Schneekanonen lässt er es schneien, mit dem Raupenfahrzeug präpariert Notz die Piste. Vorne schiebt der Pflug den frischen Schnee zur Seite, unten pressen breite Raupenketten die weisse Decke zusammen, und hinten legt die Loipenmaschine eine saubere Spur in die berühmteste Langlaufstrecke des Landes.

In seinem Ratrac auch schon Momente des Schreckens erlebt: Loipenchef Peter Notz sorgt Abend für Abend dafür, dass die Spuren für die Langläufer perfekt sind. Foto: Nicola Pitaro

Die sonnige Hochebene zwischen Celerina, Samedan und Pontresina ist die landschaftlich reiz- und sportlich anspruchsvollste Stelle eines der grössten Sportevents der Schweiz: 14'000 Langläufer bestreiten jährlich den Engadiner Skimarathon, von Maloja bis hinunter nach S-chanf – und an der brutalen Abfahrt im Stazerwald werden sich viele die Zähne ausbeissen.

Notz ist dafür verantwortlich, dass der Schnee einwandfrei präpariert ist und die Spuren für klassische Läufer und Skater auch nach dem letzten Sportler noch halten. «Es sieht gut aus mit dem Schnee», sagt er und bläst eine Atemwolke in die klare Luft. «Schon in der zweiten Novemberwoche fielen beinahe anderthalb Meter.» So viel, dass er 7000 Kubikmeter technischen Schnee, den er während der ersten kalten Nächte im November produziert hat, für die Unterlage im Eiskanal des Cresta Run reservieren konnte.

Ein Skilehrer für Menschen mit Handicap

Der grösste Teil davon ist bereits verbaut: Rechtzeitig vor Weihnachten kann die Bobsaison eröffnet werden. Notz ist begeistert: «Wir erleben den besten Saisonstart, seit ich hier für den Schnee zuständig bin.» Und das ist nun auch schon ein Vierteljahrhundert her.

Er klettert ins Cockpit seines Ratrac und wirft den Motor an. Scheinwerfer tasten die Schneewände ab, und diese reflektieren das gelb blinkende Rundumlicht. Langsam rumpeln die Kettenraupen Richtung Stazerwald. Aus den Lautsprechern im Innern des Fahrzeugs ertönt Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur. Man könnte glauben, der Komponist habe die klassische Schönheit dieser winterlichen Landschaft vor Augen gehabt, als er wenige Monate vor seinem Tod dieses berühmte Adagio zu Papier brachte.

Einer der Höhepunkte des jährlichen Skimarathons: Celerina liegt am Rand der sonnigen Hochebene. Foto: Nicola Pitaro

Peter Notz wuchs in Stäfa am Zürichsee auf, als Sohn eines Börsenschreibers. «Ich war fasziniert von der stoischen Ruhe, mit der mein Vater die Zahlen notierte, die aufgeregte Händler in den Ring brüllten», erinnert er sich. «Gleichzeitig wusste ich: Das ist nicht meine Welt.»

Seine Welt war zunächst der ganze Globus: «Jahrelang bin ich in Nordamerika und Afrika ­herumgereist.» Bald schon entdeckte der leidenschaftliche Skifahrer die Welt der Engadiner Alpen. In St.Moritz verliebte er sich in eine deutsche Physio­therapeutin, die ihm zuerst die hart­näckigen Nackenschmerzen wegmassierte, ihn bald darauf zum Standesamt begleitete und schliesslich Lukas, Elena und ­Anina zur Welt brachte.

«Im Sommer baute und unterhielt ich die Wanderwege rund um Celerina», erinnert er sich an die ersten Jahre. «Und im Winter brachte ich als Skilehrer den Gästen den Stemmbogen bei.» Dabei galt sein besonderes Interesse Menschen, die mit einer Behinderung leben müssen. «Insbesondere blinde Menschen – mich hat fasziniert, wie sie es schafften, allein über die Anweisung per Funk den Berg hinunterzufahren.» Dieses Engagement pflegt er bis heute: «Auch nach dreissig Jahren fahre ich noch mit zwei Blinden über die Skipiste. Aus Skischülern sind längst gute Freunde geworden.»

«Schütze ich den Skifahrer vor dem Baum – oder umgekehrt?» Peter Notz über die orangen Polster

Unterdessen ist die Nacht hereingebrochen, über den Bergen steht der volle Mond und taucht die Ebene um die Kirche San Gian in ein zauberhaftes Licht. In der Ferne tauchen dunkle Flächen auf. «Das ist das Problem», sagt der Pistenbauer. «Da sind lauter kleine Bäche, die noch nicht zugefroren sind und immer wieder die Schnee­decke öffnen. Das müssen wir noch irgendwie überbrücken.» Die Wasserläufe haben die Unterlage aufgeweicht, sodass vereinzelte Bäume den Halt verloren haben und auf die Piste gestürzt sind. Kein Problem für den Ratrac: Die Schaufel schiebt die Stämme zur Seite, als wären es Mikadostäbchen.

Hinter der Kirche klettert der Ratrac über eine Steigung. Notz hält sein schweres Gerät an und befestigt an besonders exponierten Bäumen dicke orange Polster. «Manchmal frage ich mich, wen ich da vor wem schütze», schmunzelt er. «Den Skifahrer vor dem Baum – oder umgekehrt?»

In diesem Moment taucht zwischen den Bäumen ein Langläufer auf, der nicht wahrhaben will, dass die Loipe noch nicht freigegeben ist. Notz verzichtet darauf, den Mann anzuhalten und zurechtzuweisen. Stattdessen erinnert er sich an jenen «Moment des Schreckens», den er vor Jahren genau hier erlebt habe: «Da kam auch einer plötzlich auf mich zugefahren und hielt voll auf die Ratrac-Schaufel zu. Ich glaubte schon, ich hätte ihn aufgeladen, da tauchte er neben mir auf, grinste mich an – und ich erkannte einen Kollegen.»

Es war einer jener Scherze, die Peter Notz nicht besonders lustig findet, auch wenn er beim Erzählen schmunzelt. Genauso, wie er jeweils in später Nacht, wenn er sein Pistenfahrzeug wieder in die Garage stellt und einen letzten Blick auf die frisch präparierte Spur wirft, dieses unauflösliche Dilemma verspürt. «Da hast du dir Mühe gegeben, hast eine perfekte Loipe für die Langläufer gebaut – und dann machen sie alles wieder kaputt!» Und so fängt morgen Abend alles wieder von vorne an.



Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wurde. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 13.12.2019, 11:39 Uhr

Chalandamarz und Skimarathon

Anreise: Von Landquart mit der Rhätischen Bahn durch den Vereinatunnel oder von Chur über die Albulastrecke bis Celerina. www.sbb.ch

Celerina: 1552 Einwohner, 1730 m ü. M., 10 Hotels, www.celerina.ch

Hoteltipps:


  • Arturo. Restaurant mit Engadiner Spezialitäten. DZ ab 210 Fr., Familienzimmer (vier Betten) 230 bis 290 Fr., www.hotel-arturo-celerina.ch

  • Cresta Palace ****, zwei Restaurants mit regionalen und italienischen Spezialitäten, DZ 340 bis 700 Fr., Familiensuite (sechs Personen) 1200 Fr., www.crestapalace.ch


Winter-Events: Chalandamarz mit Umzug durchs Dorf und Schüler-Ball in der Mehrzweckhalle, 1. März 2020; Engadiner Skimarathon, 8 . März 2020

Allg. Infos: www.engadin.ch

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