Inseln, auf die Spitze getrieben

Die Lofoten oberhalb des Polarkreises faszinieren mit spektakulären Felstürmen im Meer. Und auf den Teller kommt Walfleisch.

Unvergleichlich schön: Die Lofoten haben sich in den letzten Jahren zu einem wahren Sehnsuchtsort entwickelt. Foto: Getty Images

Unvergleichlich schön: Die Lofoten haben sich in den letzten Jahren zu einem wahren Sehnsuchtsort entwickelt. Foto: Getty Images

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Zugegeben: An das geräucherte Stück vom Wal trauen wir uns nur mit einer Flasche Aquavit heran. Es ist schwarz wie die Nacht und riecht rauchig wie drei Bureschüblige aufs Mal. Aber die Degustation ist quasi Befehl – Anita Gylseth, die uns ihre umgebaute Fischerhütte, einen Rorbu, für eine Woche vermietet hat, kennt kein Pardon. In Sakrisøy verkauft sie Walfleisch in ihrem Seafood-Shop neben Fischburgern, frischem Lachs und Caviar. «Kalt geräuchert schmeckt Walfleisch am besten mit Meerrettichsauce und Knäckebrot», ermuntert Anita. Nach einem kräftigen Schluck Schnaps heisst es gut kauen. Es schmeckt wie Trockenfleisch mit Fischgout. Unser Fazit: essbar, aber lieber kein zweites Mal.

Die mitteleuropäische Entrüstung über den Walfang kann Anita nicht nachvollziehen: «Die Population der Zwergwale ist intakt, und die Diskussion hat sich in letzter Zeit beruhigt», sagt sie. Der norwegische Staat subventioniert den Walfang. Jedes Jahr wird eine bestimmte Anzahl von Zwergwalen zugunsten der Arbeitsplätze in der Berufsfischerei zum Abschuss freigegeben, mal sind es 800, mal 1000. Insgesamt tummeln sich 100 000 dieser Säuger in norwegischen Gewässern.

Wer isst bloss all den Trockenfisch?

In unserem Rorbu merken wir nichts vom kommerziellen Walfang. Das kleine Holzhaus steht am Ufer auf Stelzen halb im Wasser und gäbe das perfekte Setting für eine Neuverfilmung von «Lederstrumpf» ab. Es würde nicht überraschen, wenn ein Indianer auf der Holztreppe auftauchte, die hinter der Hütte direkt ins Wasser führt.

Wir befinden uns in der Nähe von Reine, dem landschaftlichen Hotspot im Süden der Lofoten. 80 Eilande und unzählige Schären bilden dieses einmalige Inselreich, das über Brücken und Fähren mit dem Festland verbunden ist. Doch nirgends ragen die Felswände so kühn und steil aus dem Meer wie in Reine. Was für ein Panorama! Granit und anderes Vulkangestein türmt sich um uns herum zu 900 Meter hohen Felskeilen und Nadeln auf. Dass die Felswände direkt aus dem Nordmeer stechen, lässt sie noch dramatischer wirken. Neben den ehemaligen Fischerhütten, den Rorbuern, stehen vielerorts die typischen Holzgerüste, auf denen im Winter nach Wikingertradition die Kabeljaus im Wind baumeln und trocknen – eine uralte Konservierungsmethode.

 Im traditionsreichen Bryggehotell prangt ein Spruch an der Wand: «Die Lofoten sind ein sinnloses Gericht, um das uns die ganze Welt beneidet.»

Wer isst bloss all diesen Trockenfisch?, fragt man sich. Hauptabnehmer ist Italien, und die Fischköpfe sind speziell in Nigeria beliebt. Obwohl die Fischerei nicht mehr den Stellenwert früherer Zeiten hat, setzt sie landschaftlich Zeichen. Die Fischgründe sind reichhaltig, denn der Kabeljau kommt jeden Winter von der Barentsee zum Laichen zu den Lofoten. Seitdem Bilder der spektakulären Inseln im Internet weltweit die Runde machen, reisen die Besucher in Scharen an. Das legendäre Nordlicht tut im Winter das seine dazu – vor allem die Japaner sind verrückt danach, sie glauben, eine Schwangerschaft stehe mit der Aurora borealis unter einem guten Stern.

Ausser dem Polarlicht und den steilen Bergen locken die Strände. Nordisch herb und dabei karibisch blau mit weissem Sand ist Kvalvika an der Aussenseite der Insel Moskenesøya ein Juwel. Doch an der schmalen Strasse, von welcher der Wanderweg abzweigt, ist jeder mögliche und unmögliche Parkplatz schon besetzt. Keine einzige Lücke. Anita sagt denn auch: «Unsere Inseln sind klein – wir sind touristisch am Limit.»

Also weiterfahren zum einsamen Selfjorden. Die Wanderung durch eine tundraähnliche Landschaft mit Birken, Eschen und Heidekraut zu einem verträumten See ist ein Genuss. Unseren Traumstrand bekommen wir dann doch noch: Er heisst Bunes und ist nach einer Bootsfahrt über den schmalen Reinefjorden und einer kurzen Wanderung erreichbar. Getoppt wird der Ausflug nur noch durch einen Besuch im Fischerdorf Henningsvaer, wo sich bunte, alte Holzhäuser ans Wasser schmiegen. Als Besucher ist man im traditionsreichen Bryggehotell gut aufgehoben. Dort prangt im Restaurant ein besonderer Spruch an der Wand: «Die Lofoten sind ein sinnloses Gericht, um das uns die ganze Welt beneidet.» Überflüssig vielleicht, aber unvergleichlich schön.

Reiseveranstalter: www.travelhouse.ch
Allgemeine Infos: www.lofoten.info

Erstellt: 18.01.2019, 14:55 Uhr

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