Zum Hauptinhalt springen

Jassen, jammern, jodeln

Der Bregenzerwald ist ein ideales Wandergebiet für Familien. In gemütlichen Hütten bleibt Musse, den Kindern den Schweizer Nationalsport beizubringen.

Die dreitägige Wandertour ist familienfreundlich. Das Berggasthaus Hochhäderich lockt mit seiner Terrasse. Foto: Johannes Fink (Bregenzerwald Tourismus)
Die dreitägige Wandertour ist familienfreundlich. Das Berggasthaus Hochhäderich lockt mit seiner Terrasse. Foto: Johannes Fink (Bregenzerwald Tourismus)

Die Kinder, keine geübten Wanderer, jammern. Sie wollen partout nicht einsehen, warum wir nach einem dreistündigen Aufstieg, teilweise an der prallen Sonne, nicht auf der einladenden Terrasse des Gasthauses Hochhäderich einkehren. Sie wissen, dass wir dort im Massenschlag übernachten werden. Warum also hochlaufen zum Gipfelkreuz? Oder wie es der Nachwuchs ausdrückt: «Was bringts?» Es braucht in dieser Phase der 3-Tage-Wanderung in der Region Bregenzerwald einiges an Überredungskunst der Erwachsenen.

Eine Viertelstunde später ist alles vergessen. Die Familie steht oben beim Kreuz. Nun sind die neunjährige Tochter und der siebenjährige Sohn ebenso überwältigt wie die Eltern: Das 360-Grad-Panorama ist grossartig – man sieht hier nicht nur die saftig grünen Bregenzerwälder, sondern auch bis ins nahe Appenzellerland und zum Bodensee. Auf der beim Wandern entwickelten dreiteiligen Wow-Skala bekommt der Ausblick auf 1566 Metern über Meer von allen die Maximalnote.

Speck und Schnaps

Eltern wissen: Es gibt ein bestimmtes Alter, in dem die Kinder schon so gross sind, dass man ihnen mehr zutraut als kurze Spaziergänge. In dem der Nachwuchs aber zu wenig sportlich ist für hochalpine, siebenstündige Touren. Und für genau diese Phase mit Kids zwischen fünf und zehn Jahren bietet sich die dreitägige Hüttenwanderung an, die von Bregenzerwald Tourismus organisiert wird. Zum ­Package gehören neben der Vorausbuchung der Übernachtungsmöglichkeiten praktischerweise auch eine ausführliche Wegbeschreibung und Kartenmaterial. Was man selbst mitnehmen muss, sind gutes Schuhwerk, Hüttenschlafsack, Trinkflaschen und Sonnencreme.

Der erste Tag der Wanderung war anstrengend, aber für die ganze Familie machbar. So lautet unser Fazit, als wir später auf besagter Restaurantterrasse sitzen. Für die Erwachsenen gibts Mohrenbier, verdünnt mit Limonade, für die Kinder ein spritziges Rhabarbergetränk von einem regionalen Hersteller. «Wo schlafen wir?», will der Nachwuchs wissen. Doch die volle Aufmerksamkeit der Eltern gilt vorerst dem Apéro-Plättchen mit Alpkäse, Speck und sauer eingelegtem Gemüse als erste Stärkung. Danach geht es zum Einpuffen in den Massenschlag.

Weiteres Highlight des Tages ist das Abendessen: Die Käsespätzle, die im Berggasthof Hochhäderich auf den Tisch kommen, machen glücklich und satt. Da versteht es sich von selbst, dass sich die Grossen danach einen Schnaps gönnen – man hat heute ja was geleistet. Und wie es in den Bergen üblich ist, wird auch gleich mit der zweiten Familie angestossen, welche die Nacht hier verbringt. Üblich ist es übrigens ebenso, dass man nachher noch zusammen im Aufenthaltsraum sitzt. Was uns mehr befremdet als unseren Nachwuchs: Die andere Familie singt bis 22 Uhr lautstark ein Wanderlied nach dem anderen. Einen Fernseher gibt es nicht, und so versuchen wir, den Kids das Jassen beizubringen. Wohlgemerkt in Österreich, unter einem gekreuzigten Jesus aus Holz, der hier selbstverständlich an der Wand hängt.

Zittrige Ländler

Der Weg zur deutlich grösseren Falkenhütte wäre anderntags eigentlich in einer halben Stunde über einen schmalen Grat zu schaffen. Weil dies für die Kinder jedoch zu gefährlich wäre, empfiehlt der Veranstalter zu Recht, einen Umweg weiter unten durchs Hochmoor, die Hörmoosalpe, zu nehmen. Die Gegend ­erinnert ein wenig an die ­Schweizer Voralpen. Während der Mittagsrast schnitzen wir einen Wanderstock, bevor wir weitergehen.

Diesmal brauchen wir für die Tagesdistanz, bei der es deutlich weniger Höhenmeter zu überwinden gilt als am Vortag, zwei Stunden. Um drei Uhr nachmittags erreichen wir bereits die Unterkunft für die Nacht: die Falken­hütte. Wir löschen den Durst diesmal ohne weiteren Umweg, was uns die Gelegenheit gibt, den Kindern nochmals eine Lektion im Jassen zu geben: Das Zählen der Kartenwerte (Trumpf-Buur 20 Punkte, Ass 11 Punkte) beherrscht der Sohnemann schon ordentlich. Und der Tochter gelingt sogar der erste «Unterzug».

Der Zufall will es, dass genau an diesem Abend ein Volksmusik-Seminar in der Hütte den Abschluss findet. Wir kommen nach dem Abendessen, das sich nicht unbedingt für Vegetarier eignet, in den Genuss verschiedener Musikvorführungen mit wechselnden Formationen: Handorgeln gesellen sich zu gezupften Gitarren. Jemand packt eine Zither aus, ein anderer die Bassgeige. Selbstverständlich wird gejodelt. Die Trachten der Musikanten ­sitzen satt, was den Rhythmus angeht, hapert es teilweise noch. Amüsant, dass manche Hobbymusiker die Nervosität mit einem Schnäpschen verscheuchen. Unsere Kinder scheint es ob der lüpfigen Unterhaltung auch heute nicht zu stören, dass im einfachen Vierbettzimmer der TV-Apparat fehlt.

Der Wanderstock darf mit nach Hause

Was wir beim Einschlafen noch nicht wissen: Das heikelste Teilstück steht uns noch bevor! Am dritten Tag geht es zuerst von der Falkenhütte zum Plattentisch. Wir sind froh um die Wanderkarte, die zum Arrangement gehört. Denn es irritiert, dass wir erst den Wegweisern Richtung Falkengipfel zu folgen haben, obwohl wir dort gar nicht hinmüssen.

Nach 20 Minuten gelangen wir auf ein kurzes Teilstück, das auf der linken Seite arg steil ins Tal abfällt. Für uns Eltern heisst es jetzt: Durchatmen! Wir ermahnen die Kinder, sich für die paar folgenden Meter auf den Wanderweg und sonst nichts zu konzentrieren. Wir sind beruhigt, als wir die Passage hinter uns haben und Richtung Plattentischalpe absteigen. Dort diskutieren wir einmal mehr über Jassregeln und -tricks. Genug Luft dafür haben wir nun, geht es doch praktisch nur noch abwärts.

Drei Stunden später kommen wir wieder am Startpunkt Hit­tisau an. Und erlauben den Kindern ausnahmsweise sogar, den Wanderstock, der sie auf unserer Hüttenwanderung begleitet hat, mit nach Hause zu nehmen.

Die Reise wurde unterstützt von Bregenzerwald Tourismus.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch