Jungbrunnen für die alte Dame

Im Victoria-Jungfrau Grand in Interlaken lernt man, gesund zu altern. Das Hotel unterzieht sich mehr als nur einem Facelifting.

Das Augenmerk im Nescens Spa gilt der Prävention. Fotos: PD

Das Augenmerk im Nescens Spa gilt der Prävention. Fotos: PD

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Manche Gäste in der Luxusherberge bewältigen trotz Ferien eine gedrängte Agenda: Zwei Trainings mit Fitnesscoach täglich, dazu zwei Behandlungen im Spa, vielleicht ein Gespräch mit einem Ernährungsberater oder die Audienz beim Osteopathen. Sie haben für dieses Sonderprogramm 700 Franken pro Tag hingeblättert, Vollpension inbegriffen, aber nicht das Zimmer. Spa-Manager Hans-Peter Veit und seine Crew können bis zu fünf Gäste gleichzeitig durch den Better-Aging-Fahrplan führen, Ziel sind zehn Kunden.

Das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa in Interlaken galt einst als Pionierin unter den Schweizer Wellnesshotels. Bereits 1991 eröffnete man eine riesige Wohlfühloase mit einem Bad im römischen Stil, Saunen, Whirlpools, einem Solebad im Freien und zahlreichen Treatmenträumen. 2003 folgte ein separater Wellnesstrakt mit Junior-Suiten für die auf Gesundheit und Ruhe bedachte Kundschaft, später das Sensai-Spa im puristischen asiatischen Stil.

Heute kommt kein feudales Resort ohne eine umfangreiche Wellness-Infrastruktur aus. Deshalb ist im übersättigten Markt Profilierung gefragt. Es war eine Fügung des Schicksals, dass die grosse alte Dame unter den Schweizer Ferienhotels 2015 eine neue Besitzerin erhielt – die Aevis Victoria SA AG, die im Kerngeschäft Privatkliniken (Genolier, Bethanien) betreibt. Sie liefert die medizinische Kompetenz und mit Nescens eine eigene Kosmetiklinie, die Spuren der Hautalterung abschwächt.

5500 Quadratmeter Wohlfühlzone

Mittlerweile heisst die gesamte dezentrale Victoria-Jungfrau-Wohlfühlzone mit 5500 Quadratmetern Fläche Nescens Spa, und mit dem vor eineinhalb Jahren lancierten Better-Aging-Programm hat das 216-Zimmer-Hotel erste Lorbeeren eingeheimst. «Wir betreiben hier weder medizinische Wellness noch Rehabilitation,» sagt Hans-Petr Veit. «Unser Augenmerk gilt der Prävention. Wir feilen jedes Programm auf die Bedürfnisse und Wünsche des Gastes zu.» Better Aging soll Spass bereiten, selbst beim Essen.

Höchstes Wohlbefinden und Genuss in luxuriöser Umgebung.

Die Gäste, die das personalisierte Programm gebucht haben, tafeln nicht nur im ruhigen Spa-Bistro, sondern auch im La Terrasse oder im Sapori, den beiden Hauptrestaurants des Victoria-Jungfrau Grand. Ein Dinner etwa besteht aus getrüffelter Erbsensuppe (mit Mineralwasser statt mit Rahm aufgeschäumt), Wildlachsbonbon mit Spinat und schwarzem Quinoa und einem leichten Schoggi-Soufflee. Der Dreigänger macht kulinarisch was her, die Kalorienzahl aber hält sich sehr in Grenzen.

Der Dreigänger spart nur mit Kalorien.

Gäste im Better-Aging-Modus neben eiligen Konferenzteilnehmern, Touristen aus Arabien, Indien oder Amerika und unternehmungslustigen Schweizer Familien: Wie verträgt sich dieser Mix? «Dank des weitläufigen, historisch gewachsenen Gebäudekomplexes kommen sich die verschiedenen Kundensegmente nicht in die Quere», sagt Urs Grimm. Er führt das Victoria-Jungfrau zusammen mit seiner Frau Yasmin Cachemaille Grimm seit vier Jahren erfolgreich: Das Luxushotel konnte die Auslastung steigern; 2017 verzeichnete man das beste Jahr seit langem.

Das Resort soll drei Generationen ansprechen

Fast unmerklich wurde die alte Dame auch einem Facelifting unterzogen. Zuletzt erneuerte man eine Serie Zimmer, Einbau der Klimaanlage inbegriffen. Yasmin Cachemaille und Urs Grimm schätzen die Investitionen der letzten vier Jahre auf 15 Millionen Franken. «Wir haben nur eine Chance auf dem Markt, wenn das Grundprodukt top bleibt», sagt Grimm, «Erst dann kann man sich an neue Projekte wagen.» Zu den Plänen gehört etwa die Integration eines leerstehenden Bauernhofes in der Nachbarschaft, der dank Tieren und einem Garten besonders für ausländische Familien eine grosse Attraktion sein könnte.

«Wir wollen natürlich kein typisches Familienhotel werden, sondern arbeiten an einem Resort, in dem sich drei Generationen gleichzeitig wohlfühlen und wo wir Geschichten erzählen können», räumt Urs Grimm ein.

Pizza und Pasta für die Einheimischen

Während er vor allem für die Restaurants, den Verkauf und das Marketing zuständig ist, kümmert sich Yasmin Cachemaille Grimm um die Bauprojekte und den Spa. «Die Verantwortung auf vier gleich grosse Schultern zu delegieren, ist ein Vorteil», sagt die Hotelchefin. «Einerseits haben wir eine klare Aufgabentrennung, aber wir teilen uns auch diverse Tätigkeitsbereiche.»

Eine fast unlösbare Aufgabe bewältigten die Grimms mit Bravour: Sie haben die Interlakner ins Hotel geholt und die Schwellenangst abgebaut – dank des italienischen Restaurants Sapori in der früheren Brasserie. Es bietet seit Oktober 2017 unter anderem Pizza und Pasta zu bezahlbaren Preisen und ist schnell zu einem Treffpunkt der Einheimischen geworden. Die alte grosse Dame gibt sich volkstümlich.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2018, 10:04 Uhr

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