Meckern im Mondlicht

Sonntagsausflug in die Surselva, wo der Mond alles in den Schatten stellt.

Der Mensch bestimmt die Route, die Tiere das Tempo: Claudia Bosshard-Gallati mit den Geissböcken Gino und Grigio. Foto: Nicola Pitaro

Der Mensch bestimmt die Route, die Tiere das Tempo: Claudia Bosshard-Gallati mit den Geissböcken Gino und Grigio. Foto: Nicola Pitaro

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In den Gläsern perlt der Champagner und im Caquelon schmilzt der Käse. Der runde Mond über den Berggipfeln taucht die Szene in ein fahlblaues Licht: Romantik pur im Gebirge hoch über der Surselva.

Claudia Bosshard-Gallati, die Gastgeberin, schneidet das Brot. Grigio und Gino, die Geissböcke, tun sich mit malmenden Kiefern an den würzigen Kräutern gütlich. «Noch eine Viertelstunde», verkündet Claudia. «Dann gibt es Vollmond-Fondue.»

Ihre Gäste sind aus Berlin angereist, ein junges Paar, sie haben sich am Feuer niedergelassen, tauschen verliebte Blicke aus. «Vor einem halben Jahrhundert waren Menschen dort oben», sagt der Mann und schaut zum Nachtgestirn. «Gestern stand er auch schon dort oben», antwortet sie. «Weisst du noch?» – «Und wie! Das Bett aus Stroh, rundherum das Geläut der Kuhglocken.» – «Erst Kühe, jetzt Ziegen – und immer dieser Mond.» – «Komm mit!» Er steht auf, reicht ihr die Hand – und schon sind sie hinter einem Felsen verschwunden. Unverdrossen rührt Claudia den dampfenden Käse und lächelt wissend.

Saufen und Geniessen ist besser als Laufen und Stressen

Die 47-jährige gebürtige Zürcherin hatte vor zwölf Jahren ihr Leben radikal geändert. Mit Mann, zwei Töchtern und Sohn zog sie aus der Stadt ins Val Lugnez, sie hat drei Geissen gekauft, stolze Vertreterinnen der Pro-Specie-Rara-Art «Cavra del Sass», dazu einen Stall und etwas Weideland. «Im freundlichen, aber auch eigenwilligen Charakter, im schlauen, aber auch fadengeraden Humor der Geissen erkennt sie «irgendwie auch mich selbst; mich verbindet so etwas wie Seelenverwandtschaft mit diesen Tieren.» Das erste Gitzi, das in ihrem Stall geboren wurde, war Grigio. Die weissen Fellhaare an den Füssen galten als «Schönheitsfehler», klein, aber lebensgefährlich. Denn als Zuchtbock kam er, so wollen es die strengen Regeln, nicht infrage. Grigio war, in der Logik der Nutztierhaltung, wertlos. Um ihm das vorzeitige Ende beim Metzger zu ersparen, beförderte Claudia ihn und später auch Gino, den zweiten Bock im Stall, vom «Rasenmäher» zum «Trekking-Guide».

Wer mit einem gehörnten Wanderführer am Strick durchs Gebirge zieht, erlebt die Natur in einer neuen Dimension: Zwar gibt der Mensch die Route vor, aber der Geissbock bestimmt das Tempo. Bei jedem Bächlein, das talwärts plätschert, bei jedem Kräutlein, das am Wegrand gedeiht, macht er unmissverständlich klar: Saufen und Geniessen ist besser als Laufen und Stressen – und der Weg sowieso wichtiger als das Ziel.

Lesestunde mit Leo Tuor

Die Greina, diese wild-herbe Hochebene zwischen den Kantonen Graubünden und Tessin, ist Claudias liebstes Wandergebiet. Abends reicht sie Glühwein mit selbst gebackener Bündner Nusstorte und erzählt Geschichten am Lagerfeuer, viele selbst erlebt, manche fantasievoll erfunden, andere literarisch vorgetragen. Dann nimmt Claudia ihr Buch zur Hand und liest Anekdoten aus der Surselva vor, verfasst vom Bündner Heimatdichter Leo Tuor.

Die Lesestunde ist – alle vier Wochen und bei klarem Himmel – auch fester Bestandteil der nächtlichen Wanderungen im Vollmondlicht. Manchmal wird das Geissen-Trekking von Graubünden Ferien vermittelt: So kam auch der Besuch des verliebten Paares aus Berlin zustande: Diesmal, kündigte das Büro an, werde es eine Überraschung geben: Claudia solle, statt Glühwein kochen, Champagner kalt stellen.

Ein Vollmond-Trekking zu Ehrender ersten Mondlandung

Die beiden strahlen wie Schneekönige, als sie hinter dem Felsen auftauchen. Claudia reicht lange Gabeln mit aufgespiesstem Brot. «Rein in den Käse – und gut rühren! Nachher werde ich euch noch was vorlesen.» – «Genau wie gestern bei Edith», grinst der junge Mann. «Die Bäuerin vom Biohof Albin hat uns Sagen aus den Bergen vorgelesen, bevor wir uns im Heu zum Schlafen legten.» Claudia kennt Edith Albin gut: Die beiden Landfrauen in der Surselva sind nicht nur gute Gastgeberinnen und Vorleserinnen, im Nebenjob sind sie auch Arbeitskolleginnen und begrüssen die Besucher des Regionalmuseums Ilanz. «Aber jetzt», sagt Claudia, «jetzt will ich es endlich wissen: Was war dort hinter dem Felsen?» – «Er hat um meine Hand angehalten», sagt sie und lächelt verlegen.

«Und sie hat Ja gesagt», strahlt er. «Der Mond ist unser Zeuge – er und die Geissböcke!»

Prost Mondlandung: Am 14. September, wenn Grigio und Gino von den Geissbock-Ferien auf der Alp zurückgekehrt sind, findet das nächste Vollmond-Trekking statt – wiederum mit Champagner statt Glühwein: Claudia und ihre Gäste stossen auf 50 Jahre Mondlandung an.

www.surselva.ch, www.cavradelsass.ch, www.biohofalbin.ch



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Erstellt: 04.07.2019, 18:59 Uhr

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