Mit Volldampf bergauf

Der Sonntagsauflug mit der ältesten Bergbahn der Welt auf die Rigi ist nicht nur für ­Nostalgiker ein Erlebnis. Eindrücke von einer Fahrt im Führerstand der Dampflok.

Hinauf wird gestossen: Die 16 RB auf dem Weg zur Königin der Berge. Fotos: Stefano Schröter

Hinauf wird gestossen: Die 16 RB auf dem Weg zur Königin der Berge. Fotos: Stefano Schröter

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Markerschütternd hallt das Schiffshorn vom See herüber, leiser und etwas heiser antwortet die Pfeife der kleinen Dampflok. Während der über hundert Jahre alte Schaufelraddampfer Schiller auf die Station Vitznau zuhält – das pittoreske Jugendstilgebäude ist die schönste Schifflände des Landes und zugleich die Talstation der Bergbahn –, zieht Martin Horath die letzten Schraubenmuttern an. Der 54-jährige Lokführer verteilt eineinhalb Liter Bio-Öl auf Scharniere und Gleitlager und streichelt ein letztes Mal die grüne Lok-Flanke mit dem Putzlappen.

1923 war sie die sechzehnte Lokomotive, die von der Winterthurer Lokomotivfabrik an die Rigi-Bahn geliefert wurde, weshalb sie schlicht 16 RB heisst. Während die fünf Schiffe der Raddampferflotte täglich zwischen Brunnen und Luzern durchs Wasser pflügen, schnauft die älteste Bergbahn Europas – die erste Fahrt bis zur Station Rigi Staffel erfolgte am 21. Mai 1871 – nur noch an ausgewählten Daten auf die «Königin der Berge». Dampf-Nostalgiker, die ihren Ausflug auf dem Wasser mit einer Fahrt auf den Berg verbinden wollen, müssen langfristig planen.

Horath und sein Heizer Rolf Lüönd haben sich für die Nostalgiefahrt auf die «Königin der Berge» festlich herausgeputzt: weisses Hemd, schwarzes Gilet, rotesHalstuch. Der Anblick weckt bei manch einem der Schiffspassagiere, die von Bord der Schiller gegangen sind und jetzt die drei historischen Waggons der Bergbahn besteigen, Assoziationen an Lukas, den Lokomotivführer aus dem Kinderbuch, und seine kleine Lok Emma.

Mit neun Stundenkilometern sieben Kilometer hinauf

Horath legt den Putzlappen endgültig zur Seite und löst im Führerstand die Bremsen; die 16 RB erwacht und dockt am untersten Wagen an. «Berguf», grinst Horath, «müemer stosse!»

Pünktlich um 10.50 Uhr zieht der Zugbegleiter an der Spitze des vordersten Waggons an einer Leine, die an der Lok ein Ventil öffnet: Der einzelne Pfiff signalisiert dem Mann im Führerstand, dass die Strecke frei ist. «Es kann losgehen», sagt Horath. Heizer Lüönd steht neben ihm auf einem Kohleberg und schaufelt schwitzend die schwarzen Brocken in die weiss glühende «Feuerbüchse». Horath zieht hier an einem Griff, dreht dort an einem Rädchen; schon rotieren die Eisengelenke zwischen den Rädern. Bedächtig setzt sich die Lok in Bewegung.

Das Feuer, genährt von 450 Kilo sibirischer Steinkohle, heizt im Kessel an die zweitausend Liter Wasser auf; der Druck des 200 Grad heissen Dampfs schiebt den Zug mit neun Stundenkilometern über die sieben Kilometer lange Strecke zur Bergstation Rigi Kulm hinauf. Gleichzeitig fügen sich die Zähne am Rad unter der Lok und jene auf der Stange zwischen den Geleisen so kraftvoll ineinander, dass die 21 Tonnen schwere Komposition die 25-Prozent-Steigung schafft – Meter für Meter und mit letzter Kraft. «Wir haben heute 114 Passagiere, höchstens 120 können wir auf den Berg bringen», erklärt Horath. «Wenn der Heizer die Kohle nicht ganz genau in der Brennkammer verteilt, bleiben wir plötzlich stehen.»

Seit 32 Jahren im Führerstand: Dank Martin Horath läuft die alte Lok wie geschmiert.

Unterdessen ist die Waldgrenze erreicht, und es öffnet sich ein unglaubliches Panorama – vom Vierwaldstättersee tief unten bis weit über die Alpenkette und Teile des Mittellands. Den Passagieren im offenen Waggon entfahren Schreie des Entzückens.

Plötzlich zwei Pfiffe; der Zugführer ganz vorn hat die Reissleine gezogen, Horath bremst sofort – und die Kuh, die sich aufs Gleis verirrt hat, kann sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. «Wenn er zweimal pfeift», erklärt Horath, «bedeutet das Achtung, langsam, bei drei Pfiffen sofort anhalten.» Seit 32 Jahren fährt Martin Horath auf den Berg. Wird das mit der Zeit nicht eintönig? Würde er nicht gern mal mit einem Raddampferkapitän auf dem See tauschen? «Der Job bietet viel Abwechslung, ich stehe ja nicht ständig in der Lok», sagt er. «Und ich liebe auch meine Arbeit als Techniker im Hintergrund. Allerdings gibt es schon auch schwierige Situationen – zum Beispiel, wenn wir verunfallte Touristen bergen und ins Tal bringen müssen . . .»

Und seine schönste Erinnerung nach all den Jahren? «Das ist lange her: 1995 hat der damalige Luzerner Bundespräsident Kaspar Villiger die Regierung zum Reisli auf die Rigi eingeladen – und ich durfte die Landesregierung samt Entourage auf den Berg fahren. Das war eine grosse Ehre – allerdings mit einem Wermutstropfen: Beim Aussteigen ist Ruth Dreifuss so unglücklich gestürzt, dass sie sich den Fuss brach.»



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Erstellt: 26.07.2019, 16:05 Uhr

So kommen Sie auf die Rigi

Daten: Die historische Dampfbahn verkehrt an folgenden Sonntagen (10.51 Uhr ab Vitznau) auf die Rigi: 4. und 18. August, 1. und 8. September sowie am 6. Oktober. Von August bis September sind die Abfahrtszeiten mit dem Raddampfer (Luzern ab 9.50, Vitznau an 10.39 Uhr) koordiniert.

Preise: Zum regulären Tagesticket (72 Fr. bzw. 36 Fr. mit Halbtax) wird ein Dampfzuschlag von 20 Fr. erhoben.

Allgemeine Informationen: Die beschränkte Platzzahl macht eine Reservation erforderlich: Rigi Bahnen, www.rigi.ch

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