Monster, Störche und ein Kater an Bord

Sonntagsausflug an den Greifensee – die einstige Kloake ist heute ein Freizeitparadies.

Regelmässige Gäste: Die vielen Frösche am Greifensee 
ziehen die Störche an. Foto: Keystone

Regelmässige Gäste: Die vielen Frösche am Greifensee ziehen die Störche an. Foto: Keystone

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Es braucht wenig Fantasie und die Perspektive eines Vogels, um den Fisch zu sehen. Wenn der fliegende Oldtimer Ju52 nach einem Voralpenrundflug dumpf brummend über seinem Heimatflughafen Dübendorf einschwebt, erkennen die Passagiere in den Konturen des Greifensees ein Monster: Von oben sieht der zweitgrösste Zürcher See aus wie sein grösster Bewohner – der Wels. Im Nordwesten erweckt eine Landzunge, hinter der die Glatt den See verlässt, den Eindruck eines aufgerissenen Mauls; auf der anderen Seite, in der südöstlichen Ecke, spaltet der Aabach den Schwanz.

Die leibhaftige Version des Riesenfisches lässt selbst den abgebrühten Berufsfischer erschauern. «Er war ziemlich gross», erinnert sich Andreas Zollinger an den Schreck im Morgengrauen. «Mindestens so gross wie ein Mensch. Ich sah ihn unter dem Wasserspiegel, direkt vor dem Boot. Ganz offensichtlich hatte er es auf die Felchen in meinem Netz abgesehen!»

Der Greifensee ist nicht der Schönste und auch nicht der Grösste, er ist nicht der Tiefste und der Sauberste im Land ist er schon gar nicht. Andere Superlative zeichnen ihn aus. Der unrühmlichste reicht zurück in die 1970er-Jahre. Etliche Textilfabriken leiteten damals ihre phosphatgesättigten Abwässer ungefiltert in die Zuflüsse, und diese speisten die alsbald giftigste Kloake Europas.

Cervelat nicht vergessen

Ein halbes Jahrhundert später, nach einem intensiven Sanierungsprozess, steht der Greifensee im Ruf des besterforschten und strengst geschützten Gewässers weit und breit. Vor allem aber ist er die grösste und beliebteste Freizeit- und Sportanlage. Es empfiehlt sich, die gepflegten Wanderwege unter der Woche zu erkunden, denn an schönen Sonntagen wird um jeden Meter auf dem Seeuferrundweg gestritten: Jogger, Walker und Hiker, Mountainbiker und Inlineskater, Reiter auf Pferden, Halter von angeleinten und solche von frei laufenden Hunden, Kinderwagenschieber. Die eifrigsten schnaufen eindrücklich, sie trainieren für das Grossereignis im September: den Greifenseelauf, ein Halbmarathon.

Wers lieber gemütlich nimmt, packt die Badehose ein und vergisst auch den Cervelat nicht: Rund um den See locken Feuerstellen, kleine Kiesstrände und gemähte Wiesen zum Grill- und Badeplausch.

Unter den wenigen, die dem Wasser fernbleiben, könnten solche sein, die sich von einem weiteren Superlativ einschüchtern lassen: Der Greifensee gilt vielen als der unheimlichste See im Voralpenraum, was zweifellos an jenem Monster liegt, das gelegentlich Fischer Zollinger erschreckt. «Niemand weiss, wie viele es sind – und wie gross sie sind. Menschen sind allerdings noch nie angegriffen worden.» Sein Haus – erkennbar an einer Tafel, die je nach Fang «Heute: frischer Hecht» oder «geräucherte Felchen» verkündet – steht am Ortseingang von Riedikon, exakt auf der Grenze zwischen Albtraum und Idylle.

Frösche fühlen sich besonders wohl

Der Albtraum ist das schmale, 500 Meter lange Trottoir an der Hauptstrasse – der einzige Abschnitt auf dem Rundweg, der dem Strassenverkehr ausgesetzt ist, ein Flaschenhals, durch den sich neben der Vielfalt der Uferwegnutzer auch Traktoren, Lastwagen, Überlandbusse, Motorräder und jede Menge Personenwagen zwängen.

Die Idylle beginnt hinter dem Fischerhaus. Die Naturstation Silberweide lädt zum Verweilen und Staunen ein. Ranger in olivfarbenen Uniformen erklären, welche Tiere von der Aussichtsplattform aus zu sehen sind und warum zwischen Strasse und Seeufer so viele Störche übers Moor staksen – wegen der Frösche, die sich im Sumpfgebiet besonders wohlfühlen. Und die Aufseher haben auch genug Humor, dass sie Hunde bitten, ihre frei laufenden Halter an die Leine zu nehmen. Ausserdem haben sie – sollten die einen sich renitent oder die anderen uneinsichtig erweisen – die Kompetenz, Anzeige zu erstatten.

Von der Silberweide aus erreicht der Wanderer in einer guten Stunde entweder die Schifflände in Maur. Oder – andersrum – in einer knappen Stunde das Strandbad Niederuster. An beiden Orten gibt es Kühles gegen den Durst und Gegrilltes gegen den Hunger. Und gegen müde Beine die Heimat. So heisst das kleine Fährschiff, das stündlich den See an seiner schmalsten Stelle überquert.

Heute steht Nik Scherer am Ruder. Er vertäut das Schiff und wuchtet die Gangway an Bord. Was die Katze mache, will ein Passagier wissen, der für sich selbst und den Hund zwei Halbtax-Tickets löst. Captain Nik lächelt traurig. «Lange nicht mehr gesehen.»

Nach dem Anlegemanöver öffnet er auf seinem Handy einen Videoclip: ein roter Kater, der an Bord geht. «Seven-up, so haben wir ihn getauft», sagt Captain Nik. «Wochenlang hat er uns über den See begleitet.» Er schweigt länger, sagt endlich: «Vielleicht kommt er ja wieder. Seven-up ist auf der Heimat daheim.»

www.greifenseeschutz.ch, www.greifensee-stiftung.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.05.2018, 23:53 Uhr

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