Ohne Zeitgefühl

Das Urnerland verspricht unvergessliche Erlebnisse im und auf dem Berg – und die längsten Orgelpfeifen der Welt.

Märchenhafte Landschaft: Das Moorgebiet rund um den Fulensee zuhinterst im Erstfeldertal im Kanton Uri. Foto: René Ruis/Keystone

Märchenhafte Landschaft: Das Moorgebiet rund um den Fulensee zuhinterst im Erstfeldertal im Kanton Uri. Foto: René Ruis/Keystone

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Schwierig zu entscheiden, welches der zwei Erlebnisse im Urnerland beeindruckender ist. Oben auf dem Berg, ein paar Fussminuten von der Kröntenhütte entfernt, der Blick auf den zauberhaften Bergsee, in dem sich die Gipfel spiegeln? Oder unten tief im Berg­massiv das Dröhnen, wenn der Intercity mit 250 Stundenkilometern vorbeidonnert?

Begonnen hat der Tag um neun Uhr morgens am Bahnhof Erstfeld. Zusammen mit anderen Touristen ziehen wir orange Gilets und Helme an. Per Kleinbus fahren wir zwei Kilometer ins Bergmassiv ­hinein, durch das der neue Gotthard-Bahntunnel gebohrt wurde. Der Zufahrtsstollen ist so breit, dass sich zwei Fahrzeuge kreuzen können; er führt bis zu einem von Fels umgebenen Parkplatz. Ein kleiner Schrein für Santa Barbara, Schutzheilige der Tunnelbauer, leuchtet hier.

Es riecht modrig, ein wenig nach Metall. Der Gedanke, hier mehrere Hundert Meter Gestein über sich zu wissen, erzeugt leichtes Frösteln, obwohl es warm und windstill ist. Plötzlich beginnt es zu wummern, ein beklemmendes Geräusch macht sich breit: «Was Sie hören, ist ein Zug», erklärt Werner Danioth. «Die Komposition presst Luft in die Entwässerungsrohre – wir nennen sie die längsten Orgelpfeifen der Welt.»

Guide Danioth hatte mehrere Jahre lang am Bahntunnel mitgebaut, der 2016 eröffnet wurde. Er ist der Richtige, um Gäste durchs «Tunnel-Erlebnis» zu führen. Der Pensionierte beeindruckt sein Publikum während der zweistündigen Führung mit grossen Zahlen: 12 Milliarden Franken hat der Tunnel gekostet. 500'000 Bahnschwellen sind verlegt worden. 100 Jahre soll das Bauwerk mindestens Bestand haben. Und 28,2 Millionen Tonnen Gesteinsmasse mussten verschoben werden. Ein Teil davon ist zu einer Badeinsel im Vierwaldstättersee aufgeschüttet worden, erfährt man in einem viertelstündigen Film, der mit viel pathetischer Musik angereichert ist.

Aus dem dunklen Tunnel ans sonnige Tageslicht

Höhepunkt des Aufenthalts im Tunnel ist die Durchfahrt des Intercity-Zuges, der um 9.44 Uhr in Chiasso losgefahren ist: Durch ein Fenster können wir ihn schon viele Hundert Meter vor seiner Durchfahrt leuchten sehen. Es dauert aber nur wenige Sekunden, bis das 250 Meter lange Gefährt an uns vorbeigerast ist – ratternd und dröhnend. Und der besagte Orgelton klingt dieses Mal vergleichsweise tief. Die Tonlage variiere von Tag zu Tag, erklärt Werner Danioth: «Wir haben bis jetzt noch nicht herausgefunden, welche Faktoren den Klang beeinflussen.»

Im Tunnel vergehen die anderthalb Stunden wie im Flug, offenbar bleibt das Zeitgefühl draussen. Auch der Perspektivenwechsel ist aussergewöhnlich – man ist ja selbst schon im SBB-Waggon durch den Gotthard geflitzt, und weil in der Röhre kein Licht brennt, hat man nie bemerkt, womöglich von Tunneltouristen beobachtet zu werden.

Aus dem dunklen Tunnel gehts ans sonnige Tageslicht. Wir sind zu Fuss unterwegs im Erstfeldertal, das Ziel ist die Kröntenhütte auf 1903 Meter über Meer. Nach einer ziemlich gefährlichen, nicht einmal meterbreiten Passage (neben dem Pfad geht es 40 Meter in die Tiefe) erreichen wir ein Hochmoor. Eine derart märchenhafte Landschaft haben wir kaum je gesehen. Dass jetzt auch noch ein Frosch vorbeihüpft – beinahe zu viel des Guten.

Haben vorher noch Geissenglöcklein, das Bellen eines Hundes und das Rauschen des Baches die Tonkulisse bestimmt, herrscht jetzt beinahe Stille. Bloss den eigenen Atem hören wir noch, weil das Marschtempo ein wenig angezogen wurde, um rechtzeitig fürs Abendessen in der SAC-Hütte anzukommen. Denn trotz fortschreitender Stunde bleiben wir immer wieder stehen, um nochmals den Blick auf die Landschaft zu geniessen. Hüttenwart Markus Wyrsch empfängt uns eine halbe Stunde später und zapft gleich Bier vom Fass. Wie gut schmeckt danach doch die Suppe, die hier wie in jeder SAC-Hütte zum Abendessen gehört! Wie gut schläft man danach auf fast 2000 Meter über Meer, Massenschlag hin oder her.

Was ist also spannender? Das Tunnelerlebnis unten im Berg oder der Aufstieg durch diese unvergleichliche Landschaft? Spannend ist, dass es im Kanton Uri auf so engem Raum beides zu erleben gibt.

www.tunnel-erlebnis.ch; Laufzeit Erstfeld-Kröntenhütte: ca. 4,5 Stunden www.kroentenhuette.ch; www.uri.info

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.05.2018, 18:54 Uhr

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