Regen als Jahresprogramm

Eine Reise in die südnorwegische Stadt Bergen lohnt sich auch in der kalten Jahreszeit. Man sollte allerdings wetterfest sein.

Einstiger Stützpunkt der mächtigen Hanse und bedeutende Sehenswürdigkeit: Bergens Hafenviertel Bryggen. Foto: Getty Images, iStock

Einstiger Stützpunkt der mächtigen Hanse und bedeutende Sehenswürdigkeit: Bergens Hafenviertel Bryggen. Foto: Getty Images, iStock

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«Bei uns in Bergen regnet es an 400 Tagen im Jahr», sagt Aksel und nimmt einen Schluck Bier. Er lacht ein raues Raucherlachen und meint: «Das ist nicht übertrieben. So nass wie bei uns ist es nirgends auf der Welt.»

Aber natürlich übertreibt der 27-jährige Schiffsbaumechaniker. Das norwegische Jahr ist nicht länger als anderswo, Bergen aber die regenreichste Stadt Europas. Es schüttet tatsächlich an etwa 250 Tagen im Jahr. Von Oktober 2006 bis Januar 2007 regnete es an 89 aufeinanderfolgenden Tagen. «Das ist Rekord», sagt Aksel und prostet uns zu. Der Norweger liebt seine Heimatstadt, auch wenn es, wie fast immer im Winter, bei Temperaturen knapp über null Grad Celsius ungemütlich klamm und feucht wird. Die durchschnittliche Tiefsttemperatur im Januar liegt bei 0,5 Grad. Verantwortlich für das verhältnismässig milde Klima der Stadt im hohen Norden ist der Golfstrom. Das Wasser, das er in die Fjorde bei Bergen pumpt, gefriert nie.

Schon beim ersten Spaziergang fällt auf: Die Einheimischen sind bestens gewappnet gegen die Unbilden des Wetters. Schirme, Regencapes, schwere Schuhe und schützende Hüte verbergen die Passanten fast völlig. Gänzlich in Plastikanzüge gehüllt sind die achtjährigen Kinder, die zur Standseilbahn watscheln. Sigurd Eriksen, das Spezialgeschäft für Berufsbekleidung, verkauft deutlich mehr Regenbekleidung als Kochjacken, Ärztekittel und Arbeitslatzhosen zusammen.

«Eriksen ist billiger als die trendigen Outdoorläden, die Qualität besser», sagt Aksel, ein bärtiger Hipster, von dem man vermuten könnte, er stehe auf angesagte Marken.

Kreuzfahrtschiffeim längsten Fjord

Obwohl es in Bergen oft regnet, fasziniert die zweitgrösste Stadt Norwegens. Sie ist Ausgangspunkt für Exkursionen in die Fjorde, auch in den Sognefjord, den längsten (204 Kilometer) und tiefsten (bis 1308 Meter) Fjord Europas. Die grossen Kreuzfahrtschiffe mit bis zu 5000 Passagieren erreichen die hinterste Bucht. Wer nicht mit dem Cruiseliner anreist, findet in Bergen eine Palette an Übernachtungsmöglichkeiten: von der günstigen und modernen Herberge für Rucksackreisende bis zum Luxushotel mitten im historischen Zentrum.

Kulturell hat die 280'000-Einwohner-Stadt viel zu bieten. Im Frühsommer locken die Internationalen Festspiele mit über 200 Konzerten, Opern-, Tanz- und Theatervorführungen. Ende August startet das legendäre Metal-Festival Beyond the Gates, das die südnorwegische Stadt einer äusserst lebendigen Black- und Death-Metal-Szene verdankt.

Auch im Winter spielt das Bergen Filharmoniske Orkester regelmässig in der zentral gelegenen Grieghalle. Und in der Kulturmeile am kleinen See mitten in der Stadt liegt das Kode-Museum. Eine Dauerausstellung ist dem Norweger Edvard Munch gewidmet, Gründervater des nordischen Expressionismus. In einer der wichtigsten Sammlungen der Welt zeigt das Museum den Werdegang des Künstlers. Anhand von 50 Werken ist nach­zuvollziehen, wie Schicksalsschläge die künstlerische Arbeit Munchs prägten.

Verheerende Stadtbrände legten die Holzhäuser immer wieder in Schutt und Asche

Die bedeutendste Sehenswürdigkeit Bergens ist das Hafenviertel Bryggen, ein mittelalterliches Quartier mit bunten, spitzgiebeligen Holzhäusern an der alten Landungsbrücke, einst Stützpunkt der mächtigen Hanse. Verheerende Stadtbrände legten die Holzhäuser zwar immer wieder in Schutt und Asche. Da aber nach jeder Zerstörung alles anhand der alten Pläne wiederaufgebaut wurde, versetzt das Viertel den Besucher in jene Zeit zurück, als Bryggen noch quirliges Handelszentrum war. Seit 1979 steht das Schmuckstück auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes.

Die Hanse errichtete im Jahr 1343 die Handelsniederlassung. Güter waren getrockneter Stockfisch aus dem Norden des Landes, der in den Süden verfrachtet wurde. Auf der Rückreise nahmen die Hanseaten, wie man die der Hanse angehörenden Kaufleute nannte, Getreide als Ladung an Bord, das nördlich von Bergen kaum noch gedieh. Deutsche Kaufleute und Handwerker machten bis zu ein Viertel der Stadtbevölkerung aus. Wegen der akuten Feuergefahr in dem eng gebauten Viertel war das Heizen in allen Gebäuden untersagt.

Überall riecht es nach getrocknetem Fisch

Wie sich die Kälte im Winter anfühlt, kann der Besucher im Hanseatischen Museum nachfühlen. Das Gebäude aus dem Jahr 1704 ist eines der ältesten und am besten erhaltenen Holzhäuser im Stadtteil. Die Böden sind schief, überall glaubt man den Geruch nach getrocknetem Fisch zu schnuppern. In eine der Schlafkojen möchte man sich um keinen Preis retten – der Kälte wegen, aber auch weil der Mensch von heute schlicht nicht mehr in die Lagerstatt von gestern passt.

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Museen interessieren Aksel herzlich wenig. «In der Schule mussten wir rein, sehr langweilig.» Seine Liebe gilt der Musik und dem Bier. In der Apollon-Bar werden nicht nur ein Dutzend norwegische Craft-Biere und nochmals so viele ausländische Gebräue serviert, sondern zugleich Platten verkauft. Die Abende im Apollon kommen ihn gelegentlich teuer zu stehen. «Wenn ich mich betrinke, das kommt alle zwei, drei Wochen vor, kaufe ich auch ein paar Vinylscheiben.» Ein grosses Bier kostet in Norwegen fast so viel wie eine Schallplatte: um die 20 Franken.

Auf die Frage, was man in Bergen neben der Apollon-Bar noch gesehen haben müsse, meint Aksel: die Aussicht vom Fløyen. Den 399 Meter hohen Berg erreicht man mit der Standseilbahn Fløibanen. «Allerdings sieht man von dort oben nichts, dafür müsste es ja aufhören zu regnen», sagt er augenzwinkernd. Am nächsten Morgen scheint die Sonne, und die Aussicht auf die Stadt ist grossartig.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Bergen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.01.2019, 17:42 Uhr

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Infos und Tipps

Anreise: Direktflüge mit Swiss von Zürich nach Bergen (nur im Sommer). Im Winter mit KLM über Amsterdam oder SAS über Kopenhagen oder Oslo.

Reiseveranstalter: Kontiki, Glur, Travelhouse, AG Traveltrend.

Übernachten: Citybox, neues, modernes, Hotel, DZ ab 80 Fr; www.citybox.no; Clarion-Collec­tion-Viersternhotel Havnekontoret, Bryggen-Viertel, DZ/HP ab 160 Fr./pro Zimmer, www.nordicchoicehotels.no

Essen: Restaurant Bryggen Tracteursted, norwegische und hanseatische Spezialitäten; www.bryggentracteursted.no
Colonialen Litteraturhuset das Bare Vestland, moderne nordische Küche; www.barevestland.no

Sehenswürdigkeiten: Bergenist eine Kulturstadt mit vielen Museen. Edvard-Grieg-Museum; www.griegmuseum.no; Kunst­museum: www.kodebergen.no; Bryggen: www.bymuseet.no

Ausflüge: Bergen gilt als Tor zu den Fjorden. Reduziertes Angebot im Winter, «Norway in a Nutshell» (1 bis 3 Tage, ab 170 Fr. pro Person).

Allg. Infos: www.visitbergen.com, www.visitnorway.de

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