Senf, Wein und Steine, die weinen

Dijon, die Hauptstadt des Burgunds, bietet Genüssliches in einer intakten Altstadt mit viel französischem Flair – einen Katzensprung von der Schweiz entfernt.

Wird abends très chic: Die Place de la Libération mit dem Turm Philippe le Bon in Dijon. Foto: Hemis/laif

Wird abends très chic: Die Place de la Libération mit dem Turm Philippe le Bon in Dijon. Foto: Hemis/laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ohne eine Senfdegustation kann man die Seele von Dijon nicht entdecken, sie führt geradewegs ins kulinarische Herz der Stadt. Bei Maille an der Rue de la Libération oder Fallot nahe der Kirche Notre Dame lässt man sich die berühmte Petitesse auf der Zunge zergehen, ohne die so viele Gerichte reine Langeweiler wären. Längst haben sich zum traditionellen Dijon-Senf neue Aromen gesellt – neben uns wird etwa Senf mit Safran, Meerrettich oder – der Renner! - Basilikum probiert, und man könnte sich fragen, weshalb das schöne Kraut jetzt auch noch ins Senfglas soll.

Das Renommee der Moutarde ist ungebrochen, auch wenn heute die grosse Masse der Senfkörner aus Kanada kommt und nicht mehr aus dem Burgund. Woher der Mythos? Um 1750 hatte der Hersteller Jean Naigeon die geniale Idee, statt bitteren Essigs den aus grünen Trauben gewonnenen Verjus für die Verarbeitung zu verwenden. Weinberge gab es hier schliesslich genug, und der Verjus sorgte für einen raffinierteren Geschmack.

Gustave Eiffel entwarf die Markthallen

Seither gilt Dijon als die Hauptstadt des Senfs. Doch sie ist weit mehr als das. Wirtschaftlich und kulturell war die Stadt schon immer bedeutend – im 14. und 15. Jahrhundert hielten im Palais des Ducs die vier burgundischen Herzöge Hof, die so reich und mächtig waren, dass es sogar dem französischen König unheimlich wurde.

Aktuell setzt man in Dijon auf kluge Stadtplanung. 2012 wurde das Tram wiederbelebt und der Autoverkehr aus dem Zentrum verbannt. So kann man heute wunderbar im Labyrinth der alten Gassen mit den gotischen Riegelhäusern flanieren. Eines der schönsten ist das Maison Millière. 1989 wurde hier der Film «Cyrano de Bergerac» mit Gérard Depardieu gedreht, und man kann sich gut vorstellen, wie der langnasige Cyrano liebeskrank auf der Holzbank vor dem Haus zusehen musste, wie ein anderer mit seinen Gedichten die schöne Roxane bezirzte.

Oder man geht auf der Rue de la Libération mit den stattlichen Bürgerpalais und Warenhäusern aus der Belle Epoque shoppen. Das historische Zentrum ist eine der grössten denkmalgeschützten Zonen Frankreichs, seit 2015 gehört es zum Unesco-Weltkulturerbe. Absoluter Höhepunkt und noble Visitentenkarte der Stadt ist die Place de la Libération, ein riesiger halbrunder Platz, der besonders abends zum schicken Treffpunkt wird.

Das Herzstück liegt im Innern

Bars und Cafés reihen sich aneinander, auf den Tischen sieht man Gläser mit Crème de Cassis oder Kir Royal, die Jeunesse dorée gibt sich traditionsbewusst. Ganz en passant erhält das Auge auch noch eine Geschichtslektion. Gegenüber liegt der Palast der Herzöge mit dem Turm Philippe le Bon aus dem 15. Jahrhundert. Die 316 Stufen hochzusteigen, ist ein Muss, der Blick von oben ist ­genial. Bauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert flankieren den Turm, doch das Herzstück des Ensembles liegt im Innern: das Musée des Beaux-Arts mit seinen Herzogsgräbern und den berühmten weinenden Steinskulpturen, welche die Gräber bewachen. Sie hätten wahrlich keinen Grund zur Traurigkeit, denn ihr Schatz ist ein Publikumsmagnet: Die pompösen Sarkophage sind ständig von kunstinteressierten Touristen umlagert.

Geschichte und Kulinarik gehen in Dijon Hand in Hand: In den Markthallen, entworfen von Gustave Eiffel, dem prominentesten Sohn der Stadt, überbieten sich mehr als 250 Händler mit Traditionellem und Speziellem: Weinbergschnecken, Burgundertrüffel, Bresse-Hühner, Charolais-Rind und Käse wie Epoisses oder kleine Ziegenkäse, die Crottins de Chavignol.

Man wünscht guten Appetit und einen grossen Durst

Die Lust auf Wein stillt man am besten in der Bar La Pharmacy, hier kann man neben einem kalten Plättli Burgunder im Offenausschank verkosten. Der Sommelier prostet uns zu: Bon appétit et large soif – im Burgund wünscht man sich nicht nur guten Appetit, sondern auch viel Durst. Eine verschleckte Gegend ist das hier! Eine Region, wo einer der berühmtesten Weine der Welt wächst: La Tâche. In der Bar suchen wir ihn vergebens, lediglich eine leere Flasche steht als Deko im Regal. Im Handel würde sie mindestens 2000 Franken kosten, man müsste im Lotto gewinnen oder rechtzeitig seine Glencore-Aktien verkauft haben.

Demnächst wird Dijon noch ein bisschen kulinarischer: 2021 geht die Cité internationale de la Gastronomie et du Vin auf dem Gelände des ehemaligen Stadtspitals auf. Dort will man sich als Weltstadt des Weins und des guten Essens präsentieren.

Die Reise wurde unterstützt von Tourisme Bourgogne Franche Comté, Office de Tourisme Dijon. Tägliche Verbindungen mit dem TGV Lyria www.destinationdijon.com

Erstellt: 13.04.2019, 19:43 Uhr

Artikel zum Thema

Mongibello hat alles im Griff

Eine Million Menschen wohnen am Fuss des Ätna. Ihr Leben ist geprägt von den Launen des feuerspeienden Bergs. Sie verehren und sie fürchten ihn. Mehr...

Auge in Auge mit dem König der Alpen

Bei Pontresina lebt eine grosse Steinbock-Kolonie. Im Frühling wagen sich die Tiere bis ins Dorf, wo sie aus der Nähe beobachtet werden können. Mehr...

Bowie und die starken Frauen

Karibikfeeling in Brixton, Gruseliges im East End: Londons spannendste Geschichten werden abseits der grossen Touristenströme erzählt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...