Stille Nacht, heilige Nacht, tönt es laut von fern und nah

Das beliebteste aller Weihnachtslieder ist 200 Jahre alt – im musikliebenden Salzburgerland wird das Jubiläum ganz besonders gefeiert.

Im österreichischen Oberndorf wurde die Melodie von Franz Xaver Gruber zum Liedtext von Joseph Mohr 1818 erstmals angestimmt. Foto: Getty Images

Im österreichischen Oberndorf wurde die Melodie von Franz Xaver Gruber zum Liedtext von Joseph Mohr 1818 erstmals angestimmt. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Allein die Geburt von Text und Melodie von «Stille Nacht, heilige Nacht» ist eine wundersame Weihnachtsgeschichte. Dieses schlichte Lied ist ein Ohrwurm, dessen Strophen in mehr als 300 Sprachen und Dialekte übersetzt wurden.

Das bekannteste Weihnachtslied aus dem deutschsprachigen Raum hat seinen Ursprung in tristen Nachkriegszeiten in Österreich. Als die Schiffer auf dem Fluss Salzach ein nur knappes Auskommen hatten, die Bäcker das Brot mit Sägemehl strecken mussten und die Säuglinge reihenweise dahinstarben. Unter diesen misslichen Umständen haben der Salzburger Priester Joseph Mohr und der aus Oberösterreich stammende Lehrer Franz Xaver Gruber das Lied zum Weihnachtsfest 1818 in der Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal aufgeführt. Vom Zillertal aus trat es durch die Tiroler Sängerfamilien Rainer und Strasser bald seine Reise nach Europa und in die ganze Welt an. Dank seiner weltweiten Verbreitung wurde es 2011 gar zum nationalen immateriellen Unesco-Kulturerbe erklärt.

Mohrs Taufpate war der letzte Henker von Salzburg

Die Faszination rund um das Lied hält in Salzburg an – vor allem nun im Jubiläumsjahr. In der Steingasse mitten in der Altstadt steht das Geburtshaus von Joseph Mohr. Das fünfte Kind einer Strickerin und eines Soldaten hat 1792 dort das Licht der Welt erblickt. Sein Taufpate war der letzte Henker von Salzburg, das ist überliefert. Mohr wurde Hilfspfarrer in Oberndorf, war den Menschen zugetan und sehr hilfsbereit. Aus innerer Not heraus, aus Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit schrieb er die trostreichen, schlichten Worte zum Weihnachtslied zuerst als Gedicht. Er wusste um die Not, die politischen Unruhen und Naturkatastrophen seiner Zeit.

Max Gurtner, Museumsleiter in Arnsdorf, erzählt vom Leben des Franz Xaver Gruber, einem 1787 geborenen Organisten und Lehrer, den es nach Arnsdorf verschlug, in ein auffallend ockerfarbenes Haus gleich vor der Wallfahrtskirche. Sein Lehrerpult hat einen Ehrenplatz in der Schule, der ältesten Österreichs. In seiner Wohnung schrieb der mit Mohr befreundete Gruber die Musik zum Gedicht. Einfach sollte sie sein, wünschte Mohr. Eine Melodie für zwei Stimmen, Chor und mit schlichter Gitarrenbegleitung. Zu Herzen gehend, eine Friedensbotschaft.

Die Lebensstationen der beiden Liedschöpfer Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr werden ausgiebig vom regionalen Tourismus gefeiert. Immer mehr Gedenkstätten gibt es, vor allem jetzt zum 200-Jahr-Jubiläum. Viele Orte der Gegend, die eng mit der Entstehungsgeschichte des Lieds verbunden sind, stellen Memorabilien beider Künstler zur Schau und erklären die damalige Welt.

Eine Melodie für zwei Stimmen: Die Komposition von Franz Xaver Gruber. Bild: Getty Images

Das Pfarr- und Wallfahrts­museum in Mariapfarr ist eine der interessantesten Gedenkstätten. Es gibt einen Platz zu Ehren von Joseph Mohr, einen Stille-Nacht-Brunnen und das Museum im Pfarrhof. Bernhard Rohrmoser, der ein Büchlein über Mohr verfasst hat, betont gern die starken Emotionen und die Kraft, die das Lied ausmachen. In der Mohr-Stube des Museums steht eine überdimensionale Weihnachtskrippe mit 100 Figuren aus dem 18. Jahrhundert, schön restauriert. Und ein Teil des gotischen Altarbildes der Pfarrkirche zeigt das Jesuskind als «Holden Knaben mit lockigem Haar». Immer wieder zieht es Rohrmoser in die Pfarrkirche. Er fragt sich dort, warum Mohr den Text mit diesen Worten geschrieben hat. «Er ist wohl in einer dunklen Winternacht in die Kirche zum Meditieren gegangen», meint der Pfarrer. «Und auch ihn muss der blonde Wuschelkopf in der Dunkelheit elektrisiert und inspiriert haben.»

Gern besucht von Touristen wird auch Joseph Mohrs Grab in Wagrain. Vor allem an seinem Todestag, wenn ein Konzert und das Stille-Nacht-Lied aufgeführt werden. Mohr, der ein rastloses Leben führte, litt an einer angeborenen Lungenkrankheit und verstarb am 4. Dezember 1848, im Alter von nur 56 Jahren.

Das Grab von Franz Xaver Gruber befindet sich in Hallein. Das kleine Städtchen war der wichtigste Ort für Grubers musikalisches Schaffen. Hier konnte er sich verwirklichen. Er hat es durchaus zu Wohlstand gebracht, wie sein damaliges Wohnungsmobiliar aus schweren Holzmöbeln mit altrosa Samtbezügen, eigenen Zeichnungen und einem teuren Klavier zeigt. Rechtzeitig zum Jubiläum wurde ihm ein grosszügiges, neues Museum gewidmet. Der Schauspieler Heiko Thiel führt als verkleideter Gruber bedächtigen Schrittes durchs Museum.

Japaner stürmen die Kapelle nicht nur an Heiligabend

Kunst und Kommerz sind da kaum noch auseinanderzuhalten. Das zeigt sich vor allem in Oberndorf, dem Zentrum des Stille-Nacht-Booms, wo alles auf die Spitze getrieben wird. Die Stille-Nacht-Gesellschaft bemüht sich zwar redlich um Forschung, Historie und Pflege der Authentizität. Doch heute wir alles nach der Stillen Nacht benannt: Bezirk, Kapelle, Platz, Museum, die Führungen in allen Sprachen anbieten. Nicht nur am Heiligabend stürmen Japaner die kleine Kapelle. Auch sonst finden schon mal lange Schlangen und unliebsame Drängeleien statt.

Kein Halten gibt es, wenn Tobias Regner, Rocksänger und ehemaliger Gewinner von «Deutschland sucht den Superstar», das Weihnachtslied zur Gitarre singt, im schlichten Arrangement der Originalfassung. Tränen der Rührung fliessen. Etwas verwundert ob all dem Brimborium, ertappt man sich selber bald beim Mitsingen – man kann sich der Kraft des Liedes kaum entziehen.

Sechs Strophen hat Joseph Mohr gedichtet. Fast nie werden alle gesungen, meist sind es nur die zweite und die sechste. Das sind die, die alle kennen.

Die Reise wurde unterstützt von Österreich Werbung (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2018, 20:23 Uhr

Wo «Stille Nacht, heilige Nacht» zelebriert wird



Anreise: Per SBB/Railjet via Buchs SG und Innsbruck weiter nach Salzburg, www.sbb.ch

Vorweihnachtliche Veranstaltungen: Die Sonderausstellung «200 Jahre Stille Nacht! Heilige Nacht!» wird bis 3. Februar 2019 in neun Museen im Land Salzburg, Oberösterreich und Tirol gezeigt, www.landesausstellung2018.at

Vom 24. November bis 18. Dezember wird die Musical-Produktion «Meine ­Stille Nacht» in der Felsenreitschule in Salzburg aufgeführt. Komponist ist der oscar­nominierte John Debney, www.salzburger-landestheater.at

Das traditionelle Salzburger Adventsingen findet vom 30. November bis 16. Dezember im grossen Festspielhaus statt, www.salzburgeradventsingen.at

Weihnachtsmärkte: Der Salzburger Christkindlmarkt findet vom 22. November bis 26. Dezember auf dem Dom- und dem Residenzplatz statt. Auf dem Kapuzinerberg betreiben die Besitzer des Franziskischlössl einen kleinen kulinarischen Weihnachtsmarkt. Klein, fein und stimmungsvoll ist auch der Adventszauber in Hellbrunn, www.christkindlmarkt.co.at, www.franziskischloessl.at, www.hellbrunneradventzauber.at

Allgemeine Infos: www.stillenacht.com; www.salzburg.info

Artikel zum Thema

Eintauchen ins Grün

SonntagsZeitung Der neuste Trend in der Wellnesswelt heisst Waldbaden. Nass wird dabei niemand. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Die Zitrone Champions League ist ausgepresst
Politblog So reden Verlierer

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...