Störche, Wölfe und eine Jungfrau in der Grotte

Sonntagsausflug ins Freiamt, wo die Natur idyllisch ist und die Kultur spektakulär.

Hätte vielleicht auch Caspar Wolf zu einem Gemälde inspiriert: Eine Kuhherde oberhalb von Muri AG. Foto: Stefano Schröter

Hätte vielleicht auch Caspar Wolf zu einem Gemälde inspiriert: Eine Kuhherde oberhalb von Muri AG. Foto: Stefano Schröter

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Das grossartige Postkartenpanorama lässt sich allenfalls erahnen: Die Kulisse der Voralpen verblasst im Morgendunst. Im Norden begrenzt wenig spektakulär die Albiskette den Horizont. Weiter unten, auf dem Talboden, strömt die Reuss gemächlich der Aare entgegen, während hier oben, am Fuss des Lindenberg, munter plätschernd das renaturierte Bächlein den Wanderweg säumt. Der 180 Kilometer lange Freiämterweg durchmisst auf zahlreichen Routen den südöstlichen Zipfel jenes Kantons, der für Flüsse und Bäche bekannt ist – und für Staus und Kühltürme. Das Freiamt ist die autobahn- und kernkraftfreie Zone des Aargaus. Es liegt dort, wo die Bünz nach Bünzen fliesst. Sie kommt von Muri her, dem Ort, der sich als kulturelles Zentrum versteht und wo schon am Bahnhof die erste Entscheidung fällig wird.

Gehen wir hinauf zum Kloster? Das tausend Jahre alte Benediktiner-Monasterium stand einst im Zentrum des geistlichen Mitteleuropas; längst sind die Mönche ausgezogen, aber das Kloster Muri bestimmt noch heute das kulturelle Geschehen in der Region. Kürzlich wurde hinter seinen dicken Mauern das Caspar-Wolf-Museum eröffnet. Die Landschaften, die der Freiämter Kunstmaler, bis heute der berühmteste Bürger von Muri, vor mehr als 200 Jahren in Öl auf Leinwand verewigte, haben ihm den Ruf eines der bedeutendsten Vertreter der Schweizer Romantik eingetragen. Oder gehen wir durch die Bahnhofunterführung, über der eine kleine gelbe Raute den Wanderweg signalisiert, auf die andere Seite der Gleise?

Die Sonne scheint, der Frühling lockt – der Wolf und das Kloster können warten.

Es gibt immer wieder einen guten Grund, innezuhalten und hinzuschauen. Auf den Feldern bringen die Gemüsebauern die Ernte des Biolauchs ein, den sie noch im Vorjahr angesät haben. Die Kühe liegen zufrieden auf der Weide. Über dem Sumpfgebiet des «Murimoos» schwebt ein Storch mit einem erbeuteten Frosch im Schnabel und setzt zur Landung auf dem Nest an. Auf dem Dachfirst, auf hohen Holzmasten, überall nistet der Adebar. Das «Murimoos», als soziale Stiftung für geistig benachteiligte Menschen konzipiert, ist zugleich eines der grössten Storchenreservate des Landes. Daran angegliedert ist ein biologischer Landwirtschaftsbetrieb, in dessen Hofladen nachhaltig produzierte Feldfrüchte feilgeboten werden, ein kleines Bistro, wo müde Wanderer sich an frischem Most laben, und ein Robinson-Spielplatz, wo nimmermüde Kids sich austoben.

Wildromantische Szenen aus dem Hochgebirge

Vor Bünzen verlassen wir den Lauf der Bünz und erreichen die ersten Häuser des Nachbardorfs Boswil. Auf den zweiten Blick ist es keineswegs so betulich, wie die Fassaden der schmucken Bauern- und Einfamilienhäuser auf den ersten Blick vermuten lassen. Der ambivalente Zeitgeist manifestiert sich im Schaufenster der Bäckerei Hilfiker, wo frische Gipfeli und knusprige Pfünderli der plakativen Ankündigung eines Clubs Aphrodite gewichen sind: «Eröffnung im Sommer».

Wir lenken unsere Schritte dorfaufwärts, überqueren bei der Mühle den Wissenbach – und stehen unverhofft vor einer kleinen, in den Felsen gehauenen Grotte: Darin steht betend die Jungfrau Maria – davor sind leere Bänke zu sehen.Auf dem Höhenweg, der über den Sentenhof führt, wo zwei Esel den Wanderer begrüssen, öffnet sich die Aussicht auf die Voralpen; und stets bleiben, wie zwei Landmarken, die spitzen Turmgiebel der Klosterkirche im Fokus.

Der Nachmittag ist schon fortgeschritten, aber noch ist es nicht zu spät: Das Caspar-Wolf-Museum schliesst erst in einer Stunde – und jetzt, nach über drei Wanderstunden, sind Geist und Körper dankbar für die Sitzbänke in den klimatisierten Ausstellungsräumen. Und das Auge geniesst die Bilder: wildromantische Szenen aus dem Hochgebirge und dramatische Wolkengebilde über gischtsprühenden Wasserkaskaden. Stets hockt irgendwo in einer Ecke das kleine Männchen vor der Staffelei: Der Künstler hat es nicht lassen können, sich augenzwinkernd selbst zu verewigen. Die Caspar-Wolf-Ausstellung will den berühmtesten Sohn von Muri in Erinnerung rufen – und macht dabei vor allem eines deutlich: Im Freiamt hängen die spektakulärsten Landschaften an Klosterwänden.

Infos: Caspar-Wolf-Museum: Öffnungszeiten Di–So 11–17 Uhr, Eintritt 10 Fr. www.murikultur.ch. Murimoos: Öffnungszeiten Bio-Markt: Di – Fr 9 –11.30,13.30–18.30, So 8–14 Uhr. www.murimoos.ch. www.freiamt.ch

Erstellt: 26.04.2019, 16:19 Uhr

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