Thriller am Schilthorn

Sonntagsausflug ins Berner Oberland, wo schon James Bond für Nervenkitzel sorgte.

Schweben über dem Abgrund: Der Thrill Walk sorgt für Hochspannung vor der prächtigen Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau. Foto: Markus Zimmermann

Schweben über dem Abgrund: Der Thrill Walk sorgt für Hochspannung vor der prächtigen Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau. Foto: Markus Zimmermann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Korea», strahlt die junge Frau und präzisiert in gebrochenem Englisch: «From South Korea we are.» Eine halbe Busladung fernöstlicher Touristen füllt die Gondel der Schilthorn-Bahn. Kim, vermutlich heisst sie ja so, haucht ein Loch in die Eisschicht auf der Fensterscheibe und zückt ihr Handy. «Look! What is this?» Vor ihren Augen, keine zwanzig Meter entfernt, setzen Menschen vorsichtig einen Fuss nach dem anderen über ein Drahtseil, das in eine merkwürdige Kons­truktion eingelassen ist. Am nackten Fels klebt ein lang gezogenes Metallgerüst über der senkrecht abfallenden Bergwand. – Das ist der Thrill Walk.

Gestern Zürich und Luzern, morgen Zermatt und Genf, dazwischen noch kurz auf den Piz Gloria. Unter diesem Namen ist das Schilthorn hartgesottenen JamesBond-Fans ein Begriff – und natürlich gehört der Thrill Walk als jüngstes Element zur Bond-World auf diesem Bond-Berg. Der war 1969, noch vor der Eröffnung der Seilbahn, Schauplatz einer der berühmtesten und spektakulärsten Verfolgungsjagden in der Kino-Geschichte. Agent 007 rettete wieder einmal die Welt – mehr noch: Er bewahrte auch das Schilthorn vor dem wirtschaftlichen Untergang. Denn das Bauprojekt war in einen Finanzierungsengpass geraten, der dank Hollywood überwunden werden konnte. Mit der Filmpremiere nahm die Bergstation mit dem berühmten Drehrestaurant den Betrieb auf.

Hochseilartist Freddy Nock ist Taufpate

Im letzten Sommer, beinahe ein halbes Jahrhundert später, hob Seilbahn-Direktor Christoph Egger den Thrill Walk aus der Taufe.

Hochseilartist Freddy Nock, der schon zwei Jahre zuvor auf dem Tragseil von der Station Birg zum Gipfel gelaufen war, trat als Taufpate an – und liess Eggers feier­lichen Worten eine spektakuläre Show folgen: Das Geländer, an dem andere sich krampfhaft festhalten, machte er zum Laufsteg.

Längst ist die englische Vokabel Thrill zur neudeutschen Metapher für Nervenkitzel und Hochspannung mutiert. Für die Akteure, die ihre ganze Courage zusammenreissen müssen, gilt das ebenso wie für deren Zuschauer, die kaum mitansehen mögen, was jene wagen – und doch nicht wegschauen können.

Glasboden, darunter gähnt der Abgrund

Die Berner Hochalpen sind bei weitem nicht so behäbig und ereignislos, wie manch ein Oberländer es vielleicht gern hätte. Vor achtzig Jahren wurde der öffentlich ausgetragene, später mehrfach verfilmte Todeskampf des deutschen Bergsteigers Toni Kurz, der in der Eiger-Nordwand, am Seil hängend, erfroren war, zum dramatischen Auftakt. Den Höhepunkt einer Reihe von Thrillern, die zwischen Grindelwald und Mürren inszeniert wurden, markierte 33 Jahre später James-Bond-Darsteller George Lazenby, als er «Im Dienste Ihrer Majestät» vom Piz Gloria-Gipfel downhill bretterte. Immerhin einen Hauch von Nervenkitzel vermittelt der Thrill Walk – auch wenn die gefühlte Gefahr nur eine Illusion ist. Am liebsten hätte Christoph Egger den waghalsigen Felsensteg rund um den Berg geführt. Aber da hätten die Landschaftsschützer, auf deren Unterstützung der Touristiker grossen Wert legt, nicht mitgemacht. Und so wurde der luftige Erlebnispfad auf jene 200 Meter reduziert, die auf 2677 Meter Meereshöhe einen unverstellten Blick aufs winterliche Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau bieten.

Die einzelnen Abschnitte sind in verschiedene Thrill-Faktoren gegliedert, am senkrechten Fels nahezu 50 Tonnen Material verbaut worden. Darunter 35 Tonnen Stahl und sieben Tonnen Glas – und jeder, der seinen Fuss drauf setzt, tut es in der insgeheimen Hoffnung, es möge doch bitte bruchfestes Panzerglas sein. Es empfiehlt sich, den Thrill Walk nicht mit leerem Magen zu begehen.

Nichts für schwache Nerven

Dem Glasboden folgt zunächst der Gitterrost, später ein sogenannter Viehrostboden – und drunter gähnt der Abgrund. Schliesslich der Tunnel – ein sieben Meter langes, zylinderförmiges Gitternetz in luftiger Höhe, das sich nur kriechend oder robbend überwinden lässt. Nichts für schwache Nerven. Und schon gar nichts für übergewichtige Menschen.

Zu denen gehört die zierliche Koreanerin nicht. Trotzdem hängt Kim bäuchlings mit hilfesuchendem Blick in der Röhre. Ihr Selfie­stick hat sich im Maschendraht verhakt.

Thrill Walk: Während Betriebszeiten der Schilthornbahn gratis zugänglich.

Erstellt: 23.12.2016, 11:23 Uhr

Artikel zum Thema

Diesen Ausblick müssen Sie sehen

Wer am Wochenende Sonne tanken wollte, der musste weit in die Höhe, aufs Schilthorn etwa. Dort bot sich den Ausflüglern ein prächtiger Blick über das Nebelmeer. Mehr...

Im Schneegestöber auf 42 Millimetern Seil

Freddy Nock hat sich für seinen 50. Geburtstag etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Mehr...

Das Schilthorn und 007

Kult-Auto Im Berner Oberland wurde Ende der 1960er-Jahre der Bond-Film mit George Lazenby gedreht. Nun erinnert die Bond World an die Dreharbeiten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die besten Freizeitparks in Europa

Wer hat die grössten Shows, wer die aufregendsten Bahnen? Sechs Parks und ihre Stärken, Schwächen und Neuheiten. Mehr...

Schützenfische und Luxus-Drachen

SonntagsZeitung Ausflug ins Wasserparadies Aquatis nach Lausanne, wo der Komodowaran im Privatjet einfliegt. Mehr...

Satt im Sattel

Die Haflingerpferde gehören zu Südtirol wie Reinhold Messner und genussvolles Essen. Mehr...