Von Samedan gehts in alle Richtungen

Am Oberengadiner Verkehrsknoten treffen Zugpassagiere und Fluggäste aus aller Welt zusammen – der Puschlaver Lokführer und der Engadiner Pilot kreuzen sich aber bloss.

Seit 42 Jahren hier daheim: Aus dem Führerstand der RhB-Lok blickt Moreno Beti auf «die schönste Landschaft, die eine Zugstrecke zu bieten hat». Video: Markus Schlumpf (Travelcontent)

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Martin Binkert ist in seinem Element. Er legt die Maschine in eine enge Linkskurve, hält auf den Biancograt zu. Rechts zieht der Piz Bernina vorbei, der höchste Gipfel der Ostalpen, dahinter der Piz Palü, und unten, zum Greifen nah, glitzert ein Gletscher in der Mittagssonne.

Am Horizont taucht die Kulisse des Veltlins auf, das Bergell öffnet sich, davor der Maloja und die Hochebene mit der Oberengadiner Seenlandschaft, weiter vorn der Muottas Muragl – und dann stirbt der Motor ab, das Brummen verstummt. Regungslos, wie ein geknickter Scheibenwischer, ragt ein Propellerblatt ins Blickfeld. Nur das sanfte Rauschen des Windes ist noch zu hören.

Binkert grinst glücklich, im Kopfhörer knackt seine Stimme: «Jetzt segeln wir!»

Kann, wie alle Angestellten des Engadin Airport, auch tanken und Schnee räumen: Martin Binkert, Chief Ground Services. Foto: Nicola Pitaro

Der Malojawind trägt das filigrane Fluggerät über das Tal. Tief unten nähert sich ein kleiner roter Zug einer Piste, die sich wie ein langer, vergilbter Teppich zwischen den Inn und seinen Nebenfluss Flaz legt. Dahinter mündet der kleine in den grossen Fluss, und zwischen den Häusern finden auch die Schienenstränge zueinander.

Samedan gilt mit dem auf rund 1700 Meter über Meer höchstgelegenen Flughafen Europas und einem Bahnhof, der mehr Destinationen bedient als jede andere Station der Rhätischen Bahn (RhB), als alpiner Verkehrsknotenpunkt. So nah Airport und Bahnhof beieinander liegen, so unterschiedlich ist die Klientel: Oft steigen kaum mehr als zwei, drei Passagiere aus den Business- und Privatjets. Hinter dem Zollabfertigungs-Container warten schon Limousinen der Engadiner Nobelherbergen.

Betis Urgrossvater baute am Berninapass mit

Aus den Zügen steigen meist Touristen, die mit geschultertem Rucksack und geschnürten Wanderschuhen auf den Anschluss warten. So gesehen ist Samedan mehr Verteilstation denn Verkehrsknoten. Die Flugzeuge fliegen aus ganz Europa ein, nicht selten auch aus Übersee. Und die Züge verlassen den Bahnhof in alle Himmelsrichtungen – hinauf nach St. Moritz oder hinunter nach Schuls oder via Vereina nach Klosters und Landquart. Durch den Albulatunnel nach Tiefencastel und Chur oder via Pontresina und Berninapass durchs Puschlav bis nach Tirano in Italien.

Das ist die Strecke, auf der sich der 42-jährige Lokführer Moreno Beti am wohlsten fühlt – einerseits, weil sie ihn nach Hause zur Familie in Poschiavo führt, vor allem aber, weil das Ospizio Bernina, die mit 2253 Meter über Meer höchste RhB-Station, ihn an seinen Urgrossvater erinnert. Der war vor hundert Jahren noch am Bau des Bahntrassees beteiligt. Später wirkte sein Sohn als Streckenarbeiter auf der Berninalinie, dessen Sohn, Morenos Vater, wurde RhB-Lokführer.

«Ich bin zuversichtlich», lächelt Beti, der als Ober-Lokführer vierzig Kollegen in der RhB-Sektion Oberengadin betreut, «dass wenigstens einer unserer beiden Jungs die Familientradition fortsetzt.»

Kennt jede Stelle auf dem RhB-Streckennetz und weiss, wo es sich lohnt, langsam zu fahren: Moreno Beti, Leiter Lokführer. Foto: Nicola Pitaro

Martin Binkert, der in St. Moritz aufgewachsen ist und schon als Bub von einer Karriere als Helikopterpilot träumte, gehört als Chief Ground Services zum Führungstrio im Airport-Management, was er allerdings sofort relativiert: «In der Hochsaison wickeln dreissig Mitarbeitende täglich mehr als hundert Starts und Landungen ab. Das geht nur, wenn die Hierarchien flach sind.» Alle seien wichtig, jeder müsse alles können – vom Betanken bis zum Schneeräumen. Ballone, Helikopter, Segel- und Sportflieger, Jets – alles, was sich in der Luft bewegen kann, startet und landet in Samedan, einem der teuersten Flughäfen der Welt.

«Selbst ein Airbus 320 könnte auf der 1800 Meter langen Piste aufsetzen», sagt Binkert stolz. Aber seit dem Ende der Air Engiadina vor bald zwanzig Jahren gibt es in Samedan keinen Linienverkehr mehr. «Dafür steht das ganze Tal hinter uns», so Binkert. «Weil die Gemeinden Mitbesitzer sind, haben wir 80 Prozent Zustimmung bei der Bevölkerung. Welche Flughafencrew kann so etwas schon von sich sagen?»

Samedan von oben: Aus der Vogelperspektive schrumpft das Tal zur Modelleisenbahn-Landschaft. Foto: Nicola Pitaro

Neben dem Bürojob hat Binkert auch Erfahrung als Feuerwehrkommandant. Und als Privatpilot: Sowie das Wetter es zulässt, verzichtet er auf die Mittagspause und schiebt den Motorsegler aus dem Hangar. Er schnallt den Rettungsfallschirm auf den Rücken, klemmt sich ins Cockpit und gibt Gas. Aus der Vogelperspektive schrumpft das Tal zur Modelleisenbahn-Landschaft. Und der rote Zug sieht aus wie ein Kinderspielzeug.

Im Führerstand der RhB-Lok wandert Moreno Betis Blick unablässig hin und her – von den Schmalspurschienensträngen, die sich hinter einer Kurve oder im nächsten Tunnel verlieren, zu den roten und grünen Lichtern, die aufhalten oder freie Fahrt gewähren, vom Tachometer zum Fahrplan und wieder hinaus in «die schönste Landschaft, die eine Zugstrecke zu bieten hat».

Wie er ausweicht, muss Binkert selbst entscheiden

Längst kennt er jede Brücke, jeden Tunnel auf dem RhB-Streckennetz. Es gibt unter anderen eine Stelle, wo Beti besondere Aufmerksamkeit walten lässt: Wenn vor dem Bahnhof Klosters das Signal auf Rot steht, hält er etwas früher an. «Damit verliere ich vielleicht fünfzehn Sekunden», sagt er. «Dafür nehmen die Menschen, die in den Häusern nahe den Gleisen wohnen, den Zug weniger lärmig wahr.»

Der Motorsegler schwenkt auf die Anflugsvolte ein, Binkert kündigt seine Landung an, schwebt auf die Piste zu, als der Tower sich zu Wort meldet: «Look out for crossing traffic!» Tatsächlich taucht weiter unten ein zweites Segelflugzeug auf. «Bei uns gibt es eine amtlich zertifizierte Informationspflicht», erklärt Binkert und setzt zur Ausweichschlaufe an. «Aber keine verbindlichen Anweisungen. Auch das macht uns einzigartig in der Schweiz!»



Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wurde. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 11.10.2019, 11:19 Uhr

Auf 1721 Meter über Meer den Indian Summer geniessen

Anreise: Mit der Rhätischen Bahn von Landquart via Klosters und Vereinatunnel oder von Chur via Tiefencastel und Albulatunnel nach Samedan, www.sbb.ch

Samedan: 3679 Einwohner, 1721 Meter über Meer, 10 Hotels, 162 Ferienwohnungen. Mit 113,8 Quadratkilometern Fläche eine der grössten Schweizer Gemeinden.

Hoteltipp: ***Hotel Donatz. Sympathisches Familienhotel im Dorfzentrum. Im Keller lagern 500 edle Weine, die Speisekarte ist inspiriert vom legendären Küchenchef Jacky Donatz, dem Onkel des Gastgebers. DZ je nach Saison 185 bis 300 Fr., ab zwei Übernachtungen Gratiseintritt im Mineralbad & Spa Samedan. www.hoteldonatz.ch, www.mineralbad-samedan.ch

Aktivitäten im Herbst: Indian Summer vom 19.10. bis 14.11. Die Wälder glühen in den schönsten Herbstfarben, die Gastronomie offeriert Sonderangebote.

Allg. Infos: www.samedan.ch, www.engadin.ch

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