Zum Hauptinhalt springen

Wenn die Coiffeuse russische Chansons singt

Die Thurgau Karelia stösst bis zum Weissen Meer vor. Für die Passagiere gibt es Unterhaltung an Bord, die aus der Zeit gefallen scheint, aber an der Seele rührt.

Gehört zum Unesco-Weltkulturerbe: Das Kloster auf den Solowezki-Inseln. Foto: Getty Images
Gehört zum Unesco-Weltkulturerbe: Das Kloster auf den Solowezki-Inseln. Foto: Getty Images

Die See ist rau. Einige Passagiere werden bleich. Das ist unangenehm, aber vielleicht ist Übelkeit die passende Einstimmung für das Ausflugsziel, denn die Solowezki-Inseln sind eine Sehenswürdigkeit mit einer dunklen Seite. Zum einen entstand hier ab dem 15. Jahrhundert ein Kloster, dann ein Kreml, also eine Festung. Der Ort, nur 160 Kilometer vom Polarkreis entfernt, war zur Zarenzeit ein geistliches Zentrum der orthodoxen Kirche – und ist es wieder im heutigen Russland. Das beeindruckende Ensemble gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Zudem dienten die Inseln schon früh als militärischer Vorposten. In der Sowjet-Ära wurde hier eines der ersten Straflager im Gulag-System errichtet, wo unterernährte Häftlinge in der Kälte schufteten. Sie hätten eine anderthalbstündige Schüttelfahrt übers Meer in die Freiheit wohl freudig in Kauf genommen.

Abends sind alle Passagierewieder auf dem Stammschiff A.S.Popow versammelt. 1961 in einer DDR-Werft gebaut, ist es nach einer Komfortsanierung der 71 Kabinen einige Tage zuvor in Moskau auf den Zusatznamen Thurgau Karelia getauft worden. Ganz ausgetrieben wurde ihm der rustikale Charme des Sozialismus zum Glück nicht. Es mag modernere Schiffe mit coolerem Design geben, doch dieses hat ein Alleinstellungsmerkmal: Es ist nur 14,3 Meter breit.

Darum kann die Thurgau Karelia nicht nur die mächtige Wolga und den Ladogasee, der Meeresfeeling erzeugt, weil er 33-mal so gross ist wie der Bodensee, befahren. Das rüstige schlanke Schiff passt auch in die engen Schleusen des Weissmeer-Ostsee-Kanals, bei deren Benutzung der schnurrbärtige Seebär am Steuer ein feines Händchen braucht. Mit grober Hand und primitivem Werkzeug hoben einst Zwangsarbeiter die Wasserstrasse aus. Bis 1961 hiess sie Stalin-Kanal.

Tausende Wodka-Flaschen mit den abartigsten Etiketten

Auf der Flussfahrt von Moskau bis hinauf nach Karelien macht die Popow an Orten mit Klöstern und Kirchen Halt, in denen Geistliche orthodoxe Kirchengesänge vortragen. Im Freilichtmuseum Kishi erklärt ein junger Guide, der auf Youtube autodidaktisch Deutsch gelernt hat, die Konstruktion der hölzernen Gebäude und die Tierwelt. Er entschuldigt sich, weil ihm der Ausdruck Haubentaucher erst nach kurzem Nachdenken in den Sinn kommt. In Petrosawodsk in Karelien entzücken Kinder einer Folkloretanzgruppe.

Auf der Thurgau Karelia wird das Personal multifunktional eingesetzt. Foto: PD
Auf der Thurgau Karelia wird das Personal multifunktional eingesetzt. Foto: PD

Ein bei Russen beliebtes Ausflugsziel ist Mandrogi mit seinem romantischen Wald mit Puschkins Märchenfiguren. Die Belegschaft im Schaschlik-Restaurant ist über die Ankunft informiert, sodass die Spiesse servierbereit auf dem Grill liegen. Dazu spielt eine Balalaika-Truppe in irrwitzigem Tempo und dröhnend laut Chatschaturjans «Säbeltanz». Ein angegliedertes Wodka-Museum birgt Tausende Flaschen mit den abartigsten Etiketten, denn der Weizenschnaps, für den die Russen den Kosenamen Wässerchen (von «voda» – Wasser) geprägt haben, ist fester Teil der Kultur.

Zurück auf der Thurgau Karelia erwartet der Koch die Gäste abends immer mit schmackhafter Kost, die er für westliche Gaumen modifiziert hat. Danach trifft man sich im Saal des Oberdecks, wo es Informationen über die nächste Tagesetappe gibt – und Unterhaltung. Der bunte Abend der 1950er-Jahre erlebt ein Revival, mit Piratensketchs und Komiker-Entrees, bei denen man die Belegschaft in neuen Rollen kennen lernt. Die blonde Coiffeuse aus der «parikmacherskaja» (Perückenmacherei) erweist sich als passable Interpretin russischer Chansons.

Sowjet-Pädagogik mit unfreiwilligem Humor

Übersetzerinnen, die tagsüber an der Réception adrett uniformiert Gäste auf Deutsch beraten, zeigen im Abendprogramm orientalischen Bauchtanz, auch jene junge Russin, die jeweils den Frühsport leitet. Anna setzt sich auch ans Klavier und spielt hingebungsvoll Stücke von Schumann, Glinka oder Mozart. Dazwischen rezitiert sie – auf Deutsch! – Gedichte von Heinrich Heine. Wie viele Deutsche oder Schweizer wären dazu in der Lage? Und wer könnte Dostojewski oder Tschechow im Original vortragen?

Während das Schiff unter weit gewölbtem Himmel dahingleitet, wird Wissenswertes über Land und Leute vermittelt, zum Teil im Stil der trockenen Sowjet-Pädagogik. Manchmal blitzt unfreiwilliger Humor auf, etwa als die Moderatorin die Ausdehnung ihrer monumentalen Heimat erwähnt, die sich über elf Zeitzonen erstreckt: «17 Quadratkilometer.» Als Gelächter aufbrandet, ist sie zuerst irritiert, bemerkt aber dann den Lapsus: «Oh, chab ich Millionen vergessen?» Der war gut. Das muss gleich beim asiatisch aussehenden Barkeeper aus der autonomen Republik Kalmückien begossen werden: mit dem dreifarbigen Drink «Flagge Russlands».

Kalmückien ist übrigens das einzige Staatswesen auf europäischem Boden, in dem der Buddhismus offizielle Religion ist. Sollte dazu eine Quizfrage kommen, sind wir vorbereitet.

15-tägige Flusskreuzfahrt von Moskau über das Weisse Meer nach St. Petersburg. Abfahrten vom 23. 5. bis 1. 8., ab 3190 Fr. p. P. inkl. Flug, VP und Ausflüge. Thurgau Travel, Tel 0800 626 550, www.thurgautravel.ch.

Die Reise wurde unterstützt von Thurgau Travel

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch