Wenn Gott verstummt

An den Ufern von Moldau und Elbe locken zahlreiche unbekannte Schätze. Sie sind mit dem Hotelschiff gemütlich zu erreichen.

Weingut: Schloss M?lník an der Elbe. Foto: Heiko Meyer/Laif

Weingut: Schloss M?lník an der Elbe. Foto: Heiko Meyer/Laif

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Fahren wir schon? Der Sitz des tschechischen Premierministers am Moldau-Ufer scheint sich sachte zu bewegen. Doch wir haben die Anker noch nicht gelichtet, dieses Gerassel hätten wir gehört. Zur Täuschung verleiten das Spiel der Wellen und die leichte Bewegung des Schiffs. Bald aber gleiten wir langsam aus Prag hinaus. Derart langsam, dass es eine Weile dauert, bis wir die junge Joggerin überholt haben, die auf dem Uferweg rennt. Abwechslungen am Ufer sind beim gemächlichen Vorwärtskommen stets willkommen: das kleine Schloss, das am Horizont auftaucht, Radfahrer, die das Schiff überholen, ein hellblauer Zug der ?eské dráhy, der vorbeifährt, oder die vielen Angler, die uns zuwinken.

Die Moldau hat ihren Namen aus dem Germanischen: Wilth-ahwa – wildes Wasser. Der tschechische Zungenbrechername Vltava zeugt davon. Der Komponist Bed?ich Smetana (1824–1884) hat dem Fluss im sinfonischen Zyklus «Mein Vaterland» ein musikalisches Denkmal mit Ohrwurmqualität gesetzt. Das Geburtshaus des anderen berühmten Nationalkomponisten, Antonín Dvo?ák (1841–1904), können wir in Nelahozeves besichtigen, einem Städtchen am Ufer der Moldau. Dvo?ák machte eine spektakuläre Karriere, die ihn bis nach New York führte, wovon die Komposition «Aus der Neuen Welt» zeugt.

Die Elbe ist zu wild

In Nelahozeves befindet sich auch das gleichnamige Schloss, eines der schönsten Objekte der Spätrenaissance in Böhmen, in dem man neben edlem Mobiliar Werke von Rubens und Cranach bewundern kann. Die Touristiker nennen das Anwesen etwas vollmundig «Kleiner Louvre von Tschechien». Es ­gehört der alten Adelsfamilie Lobkowicz. Deren Güter wurden teils von den Nazis und 1948 von der kommunistischen ?SSR-Regierung enteignet und erst 1991 zurückgegeben. Dem Schlossherrn William Lobkowicz gehört auch die Burg Schreckenstein oberhalb der Stadt Aussig an der Elbe.

Unser Schiff, die MS Thurgau Florentina, ist so flach gebaut, dass sie die Böhmische Pforte befahren kann – den Engpass, wo die Elbe ins Böhmische Mittelgebirge eintritt. Kurz vor Aussig wenden wir und fahren zurück. Als es wieder flussaufwärts gegen Süden geht, überlässt Kapitän Ji?í Mikota dem Journalisten für einige Kilometer das Steuerrad. Selbstverständlich überwacht der tschechische Schwiegersohn des Thurgauer Flussreisepioniers Hans Kaufmann das Wirken der Landratte im Steuerhaus und gibt Anweisung, Kurven frühzeitig und nicht ruckartig anzugehen.

Wie man es in Mitteleuropa liebt

Kapitän Mikota ist auch der richtige Mann, der folgende Frage beantworten kann: Weshalb ­fahren wir nicht mit dem Schiff, sondern mit dem Bus zu unserem nächsten Reiseziel Dresden, das ja auch an der Elbe liegt? Der Fluss verlaufe auf dem Weg von der Sächsischen Schweiz bis zur Nordsee weitgehend unreguliert, erklärt er. Oft sei der Wasserstand in Deutschland zu niedrig. Da man sich nicht auf einen ausreichenden Pegel verlassen könne, erfolge der Ausflug in die sächsische Hauptstadt mit Autobussen. Diese stehen auch für sonstige Landausflüge stets am Ufer bereit.

Der Bus bringt uns zuerst zur Bastei im Elbsandsteingebirge, wo wir die spektakuläre Aussicht auf steile Felswände und die sich schlängelnde Elbe bewundern. Ein Stück DDR-Jargon hat sich hier oben auf einem Schild vor dem Ausflugslokal gehalten: «Dieser Bereich ist ausschliesslich der gastronomischen Versorgung vorbehalten. Der Verzehr mitgebrachter Speisen und Getränke ist untersagt.»

Unser Verzehr findet ohnehin nicht hier statt, wir tafeln im Elbflorenz genannten Dresden in einer Gaststätte. Und abends wieder auf unserem Schiff: gut, reichhaltig, ­gepflegt, nicht überkandidelt, sondern mit einem Schuss ins Deftige, wie man es in Mitteleuropa liebt. Dienstfertige Kellner entbinden uns von der Schlacht am Buffet.

Schatzkammer mit Schlössern und Burgen

Nach einem Verdauungsspaziergang auf dem Sonnendeck oder an Land legt man sich gern in die ­Kabine. Vor dem französischen Balkon zieht derweilen die Landschaft vorüber. Die Unterkunft ist mit einem TV-Gerät ausgerüstet, doch bei der Schleuse beginnt die Sendung, ein Mitschnitt eines Konzerts von Karel Gott, zu flimmern. Beim Absinken des Schiffs verschwindet Gott, und der Bildschirm rauscht grau. Weder das Bord-­Wi-Fi noch das Mobiltelefon empfangen ein Signal.

Seit dem Ende des Dreissigjährigen Kriegs vor 370 Jahren ist dieser Landstrich kaum mehr von Verwüstungen heimgesucht worden. Lange befand sich die Tschechoslowakei hinter dem Eisernen Vorhang. Seit der Wende ist diese kleine feine Schatzkammer mit ihren pittoresken Altstadtvierteln, Schlössern, Burgen, Wäldern und Wiesen wieder leicht zugänglich.

Auch Wein wird hier angebaut. Wir verkosten einige im Keller von Schloss M?lník. Nun, wir sind nicht an der Loire, aber wer hätte es dieser Biernation zugetraut, einen derart passablen Weissen zustande zu bringen?

Das Schlussbouquet wartet in Prag

Und wer hätte gedacht, dass es in einer Stadt namens Kuttenberg ein Unesco-Weltkulturerbe gibt? Die Kuttenberger – das tschechische Wort kutat bedeutet schürfen – haben mit ihren Silberbergwerken grossen Reichtum erworben, weshalb sie sich eine der aussergewöhnlichsten gotischen Kathedralen Europas leisteten. Folgerichtig ist das Gotteshaus der Schutzpatronin der Bergleute geweiht, der heiligen Barbara. Deutlich jüngeren Datums, aus der Zeit um 1900, sind einige Kirchenfenster: Auf einem ist ein würdiger Herr mit buschigem Backenbart zu erkennen – der österreichische Kaiser Franz Josef I. (1830–1916), der damalige Landesherr.

Der Weg ist bei dieser Flussfahrt das Ziel. Mehr noch: Die Reise beginnt und endet in Prag. Auch wer das städtebauliche Bijou schon besucht hat, lernt die tschechische Hauptstadt an Bord aus einer anderen Perspektive kennen – von der Moldau aus. Die Durchfahrt unter der Karlsbrücke mit ihren Figuren im Licht der Morgensonne wird zum grossartigen Schlusspunkt.

Die Reise wurde unterstützt von Thurgau Travel (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.02.2018, 17:43 Uhr

Böhmische Rhapsodie auf Moldau und Elbe

MS Thurgau Florentina Länge: 80 Meter, Breite 9,58 Meter, 3 Decks für 86 Passagiere. Das 1980 erbaute Schiff verfügt seit der Rundumerneuerung von 2012 über Viersternkomfort.

Route Die «Böhmische Rhapsodie auf Moldau und Elbe» an Bord der MS Thurgau Florentina dauert neun Tage und erschliesst ein in Westeuropa wenig bekanntes Gebiet. ­Besichtigt werden Schlösser, Weingüter, ein Pferdegestüt, historische Altstädte, Kathedralen, Prag, die Bastei im ­Elbsandsteingebirge und Dresden. Fakultative Sprachlektion an Bord in Tschechisch.

Arrangement Die neuntägige Reise kostet ab 1390 Franken pro Person in der Doppelkabine. Vollpension, Landausflüge mit gecharterten Reisebussen sowie An- und Rückreise per Bus sind inbegriffen. Reisedaten 2018 ab 28. April bis 13. September.

Buchen Bei Thurgau Travel, Tel 0800 626 550, www.thurgautravel.ch
Allgemeine Informationen www.czech-tourist.de

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