Zahn um Zahn zur Betonblume

Sonntagsausflug auf den Monte Generoso und ein Besuch bei Stararchitekt Mario Botta.

Achtkantig: Bottas Steinblume 
auf dem Monte Generoso. Foto: PD

Achtkantig: Bottas Steinblume auf dem Monte Generoso. Foto: PD

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Er ist, nach dem neuen Bundesrat Ignazio Cassis, der berühmteste Schweizer südlich des Alpen­bogens: Mario Botta. Doch die Begeisterung des Stararchitekten über die Wahl des Tessiners ins höchste Regierungsamt hält sich in Grenzen. Es komme nicht in erster Linie darauf an, woher einer komme, sagt Botta. Wichtig sei vielmehr, wohin er wolle: «Cassis muss jetzt beweisen, dass er die Beziehung der Schweiz zur europäischen Friedensidee und zum mediterranen Kulturraum verbessern kann.»

Aufgewachsen ist Botta im Mendrisiotto, dem südlichsten Bezirk des Tessins am Fuss eines Berges, den sie hier den Grosszügigen nennen – vielleicht, weil der Monte Generoso die Menschen in diesen Tagen so reich beschert mit herbstlicher Farbenpracht und köstlichen Edelkastanien.

Als Bub ist er in lauen Sommernächten kurz nach Mitternacht aufgestanden und mit seinen Freunden losgezogen, hinauf zum Gipfel. Sie wollten das Spektakel der Sonne nicht verpassen, die am nordöstlichen Horizont über die Gipfel steigt und die Strahlen übers ganze Land schickt, vom Monte- Rosa-Massiv bis weit hinaus in die Po-Ebene.

Sternwarte und Bärenhöhle auf italienischer Seite

Im Herbst streifte er durch die Wälder an den Hängen des Generoso und sammelte im knöcheltiefen Laub die Früchte der Bäume ein – grüne, stachlige Kugeln, deren braun glänzende Herzen Botta am Abend überm offenen Feuer zu knusprigen Maroni röstete. Er konnte damals nicht ahnen, welch bedeutsame Rolle dieser Berg in seinem Leben noch spielen sollte . . .

Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Mario Botta den Ruf als Genie seines Fachs zementiert und mit spektakulären Bauten Akzente gesetzt. Zugleich ist er seiner Heimat treu geblieben. Unten, in Mendrisio, zeichnen, rechnen und planen zwei Dutzend Architekten und Studierende im Grossraumbüro, und oben, 1700 m ü. M., hat der Professor den Gipfel mit der Steinblume gekrönt, einem Bergrestaurant, das vor sechs Monaten, nach zwei Jahren Bauzeit, den Betrieb aufgenommen hat.

Ausschlaggebend für die ori­ginelle Konstruktion mit acht Kanten und vier Ebenen sei jener Felsvorsprung gewesen, erklärt Botta, auf dem der neue Gourmet-Tempel das ausgediente Hotel abgelöst hat: Dort, wo das alte Albergo Vetta abgerissen wurde, spriesst die Fiora di Pietra aus dem Berg – Bottas Betonblume mit den grauen Blütenblättern.

Wer sie sehen, sich aber die vier Stunden Aufstieg sparen will, steigt beim Bahnhof Capolago um. Das nostalgische Generoso-Zügli, aussen rot und blau bemalt, innen mit schlichten, aber bequemen Holzbänken ausgestattet, ist die einzige Zahnradbahn im Kanton und eine der ältesten im Land: Seit 127 Jahren beisst sie sich, Zahn um Zahn, vom Seeufer zum Berg­gipfel hoch, legt dabei in 40 Minuten knapp 10 Kilometer zurück und klettert gut 1000 Meter in die Höhe.

Oben angekommen, raubt das Panorama einem schier den Atem, und das Teleskop in der Sternwarte ermöglicht Einblicke in noch tiefere Fernen – allerdings erst nach Einbruch der Dunkelheit und nur noch bis Ende September, danach beginnt die Winterpause. Dasselbe gilt auch für die Bärenhöhle auf der italienischen Flanke des Berges. 1988 erst entdeckt und 30 Wanderminuten von der Steinblume entfernt, war sie vor 600 000 Jahren Wohnraum und Massengrab zugleich: Bis heute wurden hier die knöchernen Überreste von 800 riesigen Höhlen­bären geborgen; von 200 Metern, die mittlerweile erforscht sind, ist ein Drittel öffentlich zugänglich.

Durch bunte Wälder zum grossen Kastanienfest

Uneingeschränkt zugänglich ist der Planetenweg, der bei Bottas Steinblume mit einem Modell unserer Sonne beginnt und auf 600 Metern entlang der schweizerisch-italienischen Grenze unser Sonnensystem zehnmilliardenfach schrumpfen lässt. Neben einer grossartigen Aussicht, prähistorischen Knochen und kosmischen Himmelskörpern bietet der «grosszügige Berg» in diesen Tagen ein Spektakel, das schweizweit einzigartig ist. Der Abstieg hinunter ins Muggiotal führt durch dichte Kastanienwälder, deren Laubkleid vom Herbst in einen gelbrotorangen leuchtenden Ozean getaucht wird.

Das muss gefeiert werden, immer am selben Tag des Jahres und jedes Jahr in einem anderen Dorf des Valle di Muggio: Am 15. Oktober richtet Monte das Kastanienfest aus, jener Teil der Gemeinde Castel San Pietro, der sinnigerweise Berg heisst. Es wird musiziert und getanzt, Kastaniengerichte in allen denkbaren Variationen werden aufgetragen, dazu wird frisch gebrautes Bier eingeschenkt – Kastanienbier notabene.

«Das darf man sich nicht entgehen lassen», sagt Mario Botta und schiebt die Brille mit den runden Gläsern über den grauen Lockenschopf. «Der Termin ist vorgemerkt!» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.09.2017, 13:30 Uhr

Auf zum Gipfelrestaurant

Anreise Mit den SBB durch den Gotthard-Basistunnel, in Lugano umsteigen auf die S 10 bis Capolago. Gut vier Stunden dauert die Wanderung, vierzig Minuten die Fahrt mit der Zahnradbahn zum Gipfelrestaurant Steinblume.
www.ticino.ch www.montegeneroso.ch

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