Zu schön zum Sterben

Während der Krimi-Woche verwandelt sich das schwedische Gotland in einen einzigen Tatort. Spurensuche mit einem Schweizer Autor

Die Sonnenstube Schwedens: Alte Windmühlen in Visby. Foto: PD

Die Sonnenstube Schwedens: Alte Windmühlen in Visby. Foto: PD

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Marc Voltenauer zieht es regelmässig hierher, wie einen Mörder zurück an den Ort des Geschehens. Der Westschweizer aus Môtiers NE reist nach Gotland, wo er vor zwei Jahren mit dem Schreiben eines Krimis «L’Aigle de sang» – «Blutadler» begann. Die Handlung spielt auf der schwedischen Insel, wie viele andere Kriminalromane auch. «Keine Ahnung, warum Gotland für Mörder so attraktiv ist, wenn auch nur auf dem Papier», sagt Inger Harlevi, eine der Initiantinnen der Crime Week.

Das Festival für Krimifans findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt und erfreut sich einer riesigen Fangemeinde. Zudem verlängert es die Saison, die auf der Ostseeinsel kurz ist und nicht vor Ostern beginnt. Mitte August reisen die meisten Touristen wieder ab. Auch die Kreuzfahrtschiffe, die in den Sommermonaten anlegen, meiden für den Rest des Jahres die Insel. Gotland liegt ideal auf der Route nach St. Petersburg und dem Baltikum.

Derweil im Hafen von Visby die letzten Segler festmachen, lauscht Marc Voltenauer zusammen mit anderen Krimiautoren, wie aus seinen und den Büchern der anderen vorgelesen wird. Die Segler kommen in die verwinkelten Kopfsteinpflaster-Gassen der alten Hansestadt, weil sie diese jetzt wieder für sich haben. Das Medeltidsveckan, das Mittelalterfestival, mit über 40'000 Besuchern eines der grössten im Norden, ist gerade ­vorüber. Visby besitzt eine 700 Jahre alte- und 3,6 Kilometer lange Stadtmauer. Auch gut erhaltene Stadttore, die Ruinen der St.-Nicolai-Kirche und jahrhundertealte Häuserzüge lassen das Mittelalter lebendig werden.

Gotland als zweite Heimat: Marc Voltenauer vor dem Elternhaus. Foto: PD

Während die Bestsellerautorin Anna Jansson mit den Lesern ihrer Krimis in einem roten Doppeldeckerbus über die Insel rollt, hin zu den Schauplätzen ihrer Romane, klettert Marc Voltenauer die Kalksteinanhöhe bei Hoburgen empor. Die Sonne scheint dem Schweizer ins Gesicht. Das Blau des Meeres leuchtet beinahe unwirklich.

Der Sohn einer Schwedin und eines Deutschen bemerkt trocken: «Hier hat sie sich runtergestürzt.» Er meint eine Frau in seinem Roman «Blutadler», die abrupt ums Leben kam. Man hält ein wenig den Atem an. Hier ist es doch viel zu schön für einen Todesfall. Kleine, geschwungene Buchten reihen sich wie Perlen an einer Schnur am Wasser entlang, und von den Klippen aus kann man weit übers Meer schauen.

Schon als Kind verbrachte der heute 46-jährige Voltenauer mit seinen Eltern die Ferien auf Gotland. Bis heute besitzen sie ein Haus auf der Insel, in das sich der Autor gerne für ein paar Wochen im Jahr zurückzieht. Hier entstand die Idee zu seinem dritten Roman «L’Aigle de sang». Sein erster Krimi erscheint gerade in deutscher Übersetzung im Buchhandel.

Durchschnittlich 1900 Sonnenstunden pro Jahr

Krimiliebhaber können auf den Spuren von Voltenauers Kommissar Auer über die Insel reisen und dabei nicht nur eines der schönsten Fischerdörfer, Djupvik, entdecken, sondern auch den Ort, in dem der in den Fall verwickelte fiktive Staatsanwalt lebt. «Das ist vielleicht das Reizvolle an der Crime Week, dass die Leser ihre Lieblingsautoren treffen und gleich auch die Schauplätze der Bücher aufsuchen können», sagt die Organisatorin Inger Harlevi, die selbst leidenschaftlich gern Krimis liesst.

Auch in der Realität hat Gotland in der langen, wechselvollen Geschichte als strategisch wichtiger Ort in der Ostsee dunkle Geheimnisse angehäuft. Die helle Seite zeigt sich in durchschnittlich 1900 Sonnenstunden pro Jahr. Damit ist die Insel mit Abstand der wetterfreundlichste Ort Schwedens. Kein Wunder, dass es hier so viele hippe Strandbars gibt und Visby sich in den hellen Sommernächten in eine Partyzone verwandelt. Eine Atmosphäre, die Kreative vom Festland auf die Insel zieht.

Jennie Olofsson ist nach langen Auslandsreisen nach Gotland zurückgekehrt. Der Weg zur Glaskünstlerin führt Richtung Osten durch Wälder und Wiesen voller Schafe, vorbei an reetgedeckten Bauernkaten und ochsenblutfarbenen Fischerhütten. Wenn man schon glaubt, sich heillos verirrt zu haben, trifft man auf eine grosse, alte Scheune und auf Big Pink. So heisst die Kombination aus Glaswerkstatt, Verkaufsraum und Restaurant.

«Nein, ich bin nicht Jennie, die kommt gleich», sagt die junge Frau mit feuerfestem Handschuh und Schutzbrille, die glühend heisses Glas am Stil dreht. Da wirbelt Jennie herein, in Begleitung von Luqaz Ottosson, mit dem die blonde 36-Jährige die Glaskunstscheune betreibt. Und sofort wird klar: Hier ist der ungeeignetste Ort für einen Mord auf der Insel.

Erstellt: 20.01.2020, 16:47 Uhr

Die Insel in der Ostsee

Anreise: Mit SAS von Zürich über Stockholm nach Visby, www.flysas.com. Mit ÖV oder Auto nach Nynäshamn oder Oskarshamn. Fähre nach Visby, www.destinationgotland.se
Übernachten: Innerhalb der historischen Stadtmauern: Hotel Clarion Visby; www.nordicchoicehotels.com/hotels/clarion/
oder Hotel Gute; www.hotellgute.se
Im Osten Gotlands, nah am Meer: Hotel Smakrike; www.smakrike.se
Crime Week: 14.–16. August 2020, www.destinationgotland.se
Allg. Infos: www.gotland.com

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