Übertourismus: «Die Reisenden werden selber aktiv werden»

Werden wir unser Reiseverhalten wegen des Klimawandels ändern? Und wann machen wir Ferien auf dem Mond? Eine Trendforscherin über Reisen in der Zukunft.

«In Zukunft wird man Besucherströme in Bezug auf Raum und Zeit besser steuern müssen»: Urlauber in Südkorea.

«In Zukunft wird man Besucherströme in Bezug auf Raum und Zeit besser steuern müssen»: Urlauber in Südkorea. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie hat sich das Reisen in den vergangenen Jahrzehnten im Vergleich zu heute verändert?
Früher konnten sich nur Reiche Ferienreisen leisten. Heute ist das Reisen viel günstiger geworden, sodass immer mehr Menschen auch weit entfernte Destinationen bezahlen können. Zudem reist man heute im Vergleich zu früher bedeutend bequemer. Man setzt sich in ein Flugzeug und landet einige Stunden später in einem fernen Land. Die Transportmittel, die vor hundert Jahren zur Verfügung standen – Zug, Kutsche oder Schiff –, bedeuteten oft wochenlanges Unterwegssein. Und benötigte man Hilfe, war diese nicht so leicht zu bekommen wie heute, wo man aus dem entferntesten Winkel der Welt per Smartphone Hilfe anfordern kann.

Kostengünstiges Reisen hat allerdings auch eine Kehrseite: der Massentourismus. Wie sieht es damit in der Zukunft aus?
Tatsächlich ist heute an manchen Orten die verkraftbare Menge an Menschen erreicht, gewisse Destinationen sind schlicht überfüllt. Menschenmassen, Enge, Lärm und anderes beeinträchtigen die Lebensqualität der Einheimischen, die sich immer öfter wehren. In Zukunft wird man deshalb die Besucherströme in Bezug auf Raum und Zeit besser steuern müssen.

Was heisst das konkret?
Die Touristen werden beispielsweise darüber informiert, was es nebst den Hauptanziehungspunkten zu sehen gibt. Oder zu welchen Zeiten das Ferienziel weniger überlaufen ist. Durch attraktive Alternativangebote können die Touristenströme reguliert werden. Nicht zuletzt werden auch die Reisenden selber aktiv, indem sie überlaufene Hotspots meiden und nach Alternativen suchen. Wer will schon seine wertvolle Urlaubszeit mit Anstehen vor Sehenswürdigkeiten, an überfüllten Stränden oder in komplett überlaufenen Städten verbringen?

«Reisen ist für die 50- bis 70-Jährigen ein Verjüngungsmittel»: Trendforscherin Karin Frick. Foto: Keystone

Es gibt immer mehr fitte, ältere Menschen, die gerne reisen. Wie wirkt sich das zukünftig aus?
Die Generation der etwa 50-bis 70-Jährigen ist bereits heute sehr reisefreudig und gibt ihr Geld lieber für Erlebnisse als für Luxusgüter aus. Reisen ist für sie ein Verjüngungsmittel, sie erleben etwas, kommen in der Welt herum und bleiben aktiv. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden in Zukunft noch viel mehr Menschen im Pensionsalter unterwegs sein. Für die Reisebranche gilt es, flexibel auf deren Bedürfnisse zu reagieren.

«Jeder Mensch sehnt sich nach Gemeinschaft und persönlichen Begegnungen – erst recht in den Ferien.»

Eine zweite wachsende Bevölkerungsgruppe sind die Singles. Wie werden diese in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten reisen?
Jeder Mensch sehnt sich nach Gemeinschaft und persönlichen Begegnungen – auch oder erst recht in den Ferien. Gruppenreisen entsprechen aber oft nicht mehr den Bedürfnissen von modernen Singles. Sie wollen sich nicht rund um die Uhr in der Gruppe bewegen und das vorgegebene Reiseprogramm abspulen. Vielmehr wählen sie selber aus, was sie in ihren Ferien erleben möchten. Dazu gehören auch Unternehmungen mit anderen Menschen, beispielsweise beim Sport oder an kulturellen Anlässen. Technisch ist es heute kein Problem mehr, mit Hilfe von Apps individuelle und gemeinsame Aktivitäten zu verbinden und andere Menschen kennenzulernen – ohne in einer Bar zu sitzen und zu hoffen, dass einen jemand anspricht.

Was die Dauer anbelangt: Werden eher kurze Reisen bevorzugt oder richtig lange Ferien?
Das Reiseverhalten spiegelt immer die Arbeitswelt wider. Heute wird von Arbeitnehmern verlangt, dass sie sehr flexibel sind. Statt zwei, drei Wochen Ferien langfristig zu planen, bucht man öfter Last-Minute-Kurztrips wie Städtereisen. Privilegierte Menschen mit zwei Wohnsitzen bleiben über längere Zeit weg. Dies gilt auch für die binationalen Partnerschaften, die immer zahlreicher werden. Familienferien bedeuten hier, dass man die Familie des Partners oder der Partnerin irgendwo im Ausland besucht und, je nachdem, wie lange die Reise dorthin dauert, auch eine Weile bleiben wird.

«Die Menschen werden sich künftig ganz spontan vor Ort entscheiden.»

Welche Art von Ferien wird künftig gebucht? Familienferien? Abenteuer- oder Wellnessreisen?
Reine Familien-, Abenteuer- oder Wellnessreisen wird es bald nicht mehr geben, denn die Menschen werden sich ganz spontan vor Ort entscheiden und je nach Wunsch das wählen, worauf immer sie gerade Lust haben.

Wie wird man in Zukunft seine Reise organisieren?
Es hat sich bereits etabliert, dass sich Interessierte übers Internet auf Reiseplattformen über ihr Wunschziel informieren und häufig unabhängig von einem Reisebüro ihre Reise organisieren. Dies gilt auch für exotische beziehungsweise weit entfernte Destinationen, die man früher in der Regel nicht ohne professionelle Begleitung bereiste. Heute – und erst recht in Zukunft – unterstützt uns die moderne Technik. So dient das Handy unter anderem auch als Übersetzungshilfe und überwindet damit Sprachbarrieren.

«Veränderungen wie heissere Sommer oder weniger Schnee im Winter wirken sich auf das Reiseverhalten aus.»

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf das Reisen?
Der Tourismus spürt die negativen Auswirkungen des Klimawandels und reagiert darauf. Wenn es in bestimmten Gebieten vermehrt zu Naturkatastrophen kommt, werden diese gemieden und Alternativen gesucht. Aber auch weniger gravierende Veränderungen wie beispielsweise heissere Sommer oder weniger Schnee im Winter wirken sich auf das Reiseverhalten aus. Man muss sich bewusst sein, dass der Tourismus und vor allem der Luft- und Schiffsverkehr mit seinen beträchtlichen CO2-Ausstössen mit zum Klimawandel beitragen.

Werden wir deswegen unser Reiseverhalten ändern müssen?
Falls neue Technologien das Problem der Luftfahrtemissionen nicht lösen, wird teilweise ein Umdenken stattfinden, ähnlich wie das beim Fleischkonsum der Fall ist. Aus Rücksicht auf die Umwelt werden manche Menschen auf Flugreisen verzichten und mit einem anderen Transportmittel verreisen. Oder sie werden vermehrt in der Schweiz Ferien machen. Dies umso mehr, wenn man ohnehin bereits die halbe Welt gesehen hat und entsprechend nicht das Gefühl hat, irgendetwas zu verpassen.

Wann werden wir auf dem Mond Ferien machen?
Technisch ist es heute schon möglich, auf den Mond zu fliegen. Doch ob Mondreisen jemals ein Massenangebot sein werden, steht im wahrsten Wortsinn in den Sternen. Aber in einer Weltraumkapsel rund um die Erde jetten – das könnte in Zukunft durchaus möglich sein.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 22.11.2018, 19:51 Uhr

Trendforscherin

Karin Frick ist Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon. Die 57-jährige Ökonomin analysiert Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum.

Artikel zum Thema

Dichtestress in Luzern

Weil die Stadt von Touristen überrannt zu werden droht, fordern die Grünen Obergrenzen und Preiserhöhungen. Die Tourismusbranche kritisiert dies als Planwirtschaft. Mehr...

So extrem ist das Schweizer Wetter in Zukunft

Video Heissere Sommer, schneearme Winter und heftigere Starkniederschläge: Das prophezeien ETH-Forscher. Mehr...

Unbegrenzte Ferien – klingt toll, hat aber einen Haken

Was passiert, wenn Angestellte freinehmen dürfen, sooft sie wollen? Nicht das, was man erwartet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...