Buhlen um den Bleisure-Gast

Was tun Geschäftsreisende, die private Ferientage anhängen wollen? Antworten von Schweizer Hotels und Destinationen.

Der klassische Businessgast reist nach Meetings spät an und am frühen Morgen wieder ab. Die junge und mobile Generation bringt auch Freizeit mit. Foto: Saulo Mohana (Unsplash)

Der klassische Businessgast reist nach Meetings spät an und am frühen Morgen wieder ab. Die junge und mobile Generation bringt auch Freizeit mit. Foto: Saulo Mohana (Unsplash)

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«Bleisure» – Diese Wortschöpfung ist in den letzten Jahren zum Begriff geworden für eine Zielgruppe, die Geschäftsreisen auch für Freizeitaktivitäten und private Verlängerungen nutzt. Das Potenzial für businessstarke Städtedestinationen und deren Hotellerie liegt in punkto Wertschöpfung und Wochenend-Auslastung auf der Hand: Nicht umsonst schrieb sich Zürich Tourismus bereits 2010 in seinen strategischen Entwicklungsperspektiven auf die Fahne, bis 2030 zu einem europäischen «Bleisure-Hub» zu werden.

Dass sich in Sachen Bleisure etwas tut, zeigen jüngere Befragungen wie etwa diejenige von Expedia bei über 2500 Geschäftsreisenden. Sie brachte hervor, dass alleine im US-Markt die Bleisure-Trips von März 2017 bis März 2018 im Vergleich zu 2016 um 40 Prozent zunahmen.

Der Wachstumstreiber sind vor allem junge Reisende: Einer Auswertung von Carlson Wagonlit Travel (CWT) 2016 zufolge hängen unter 25-Jährige drei Mal wahrscheinlicher ein Wochenende an ihre berufliche Reise an als diejenigen zwischen 45 und 50 Jahren.

Ein attraktiverer Arbeitsplatz

Morgens am Notebook in der Hotellobby arbeiten, dann ein paar Stunden Sightseeing und abends ein Meeting, bevor es an ein Konzert geht: «Als neuer Trend ist Bleisure vor allem wichtig für die junge Generation von Geschäftsreisenden, für die im Zuge der zunehmenden Mobilität ein fester Arbeitsplatz nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie früher», beobachtet Andreas Schneider, Head of Kuoni Business Travel.

Und bei der Verlängerung einer Geschäftsreise über das Wochenende können beispielsweise die Flugpreise «spürbar günstiger» ausfallen als an einem Werktag. «Unternehmen, die hierfür offen sind, reduzieren nicht nur potenziell ihre Kosten, sondern gestalten auch den Arbeitsplatz ihrer Mitarbeiter attraktiver», so Schneider weiter.

Wo hört Business auf, wo fängt Leisure an?

Sich verändernde Unternehmenskulturen und Millennials als Businessgäste, die Prognosen zufolge 2020 ein Drittel der berufstätigen Bevölkerung weltweit ausmachen, bieten den Hotels Chancen, stellen sie gleichzeitig aber auch vor Herausforderungen.

«Die Frage, wo Business aufhört und wo Leisure anfängt, ist nicht ganz einfach zu beantworten», sagt Daniel Twerenbold, General Manager im Radisson Blu Hotel Zurich Airport. Zwar sehe man in den Buchungschannels, wenn die Businessgäste am Freitag ab- und die Citybreaker anreisen. Aber ab wann der Geschäftsreisende, der auch am Wochenende im Haus ist, «nur» Privatgast ist, sei ein komplexes Thema.

Auch wenn der Fokus auf Bleisure als klassisches Meeting- und Eventhotel mit 330 Zimmern und einer Auslastung von 90 Prozent bislang eher gering war: «2018 verzeichneten wir 700 Roomnights mehr als 2017, was ein Hinweis dafür sein könnte, dass Businessgäste ihren Aufenthalt bei uns verlängern», sagt Daniel Twerenbold. Er beobachtet, dass das Businesssegment vermehrt direkt über die Website buche, während die eher statischen und fixen Corporate-Verträge stagnieren würden.

Die Familie stösst übers Wochenende dazu

Künftig werde er mit seinem Team deshalb stärker der Frage nachgehen, wie in Verhandlungen mit Reisemanagern von Firmen mit dem Thema Bleisure Akzente gesetzt werden können. «Ob Punkte wie mögliche Wochenend-Verlängerungen mit oder ohne Familie in den Reiserichtlinien festgehalten sind, ist nicht unbedeutend, wenn es um das Entwicklungspotenzial des Bleisure-Segmentes geht.»

Gerade auch für Hotels mit einem hohen Anteil an Gästen aus dem Consulting-Bereich ortet Daniel Twerenbold das Thema Bleisure als bedeutend: «Häufig sind Berater mehrere Tage bei Kunden gebucht und folglich Longstayer, die auch mal ihre Familie über das Wochenende dazu holen. Das beobachten wir im Radisson Blu Hotel Lucerne und auch in Basel, als wichtigem Standort für das Pharmageschäft.»

Bei jedem Bau oder jeder Übernahme eines Betriebes stelle sich der Hotelkette heute die Frage, wie sie sich positionieren kann, um verschiedene Segmente abzuholen. «Das betrifft auch den Longstay-Bereich, wo Mitbewerber wie Serviced Appartments oder Airbnb prädestiniert für Bleisure-Gäste sind.»

«Die Grenzen sind fliessender geworden.»Michaela-Maria Nazarek, Steinenschanze, Basel

Das Basler Stadthotel Steinenschanze, ein 3-Sterne-Superior-Betrieb nahe der Innnenstadt, wirbt auf seiner Website direkt mit dem Slogan «Business meets leisure». «Für uns gehört Bleisure längst zum daily business», sagt Direktorin Michaela-Maria Nazarek. Natürlich gäbe es den klassischen Businessgast, der nach einem Meetingmarathon spät anreist und morgens früh wieder abreist, hier nach wie vor. Viele Businessgäste würden heute aber auch bis zu drei Nächten bleiben.

Diese Gäste schätzen es, wenn sie Zeitfenster im Sinne von etwas Freizeit du Erholung nutzen können. «Innerhalb eines Tages kann eine Person heute eben Business- und Leisuregast sein. Die Grenzen sind viel fliessender und hybrider geworden», sagt Direktorin Michaela-Maria Nazarek.

Der eigene Garten als Rückzugsort mitten in der Stadt, wo im Sommer abends das Apéro offeriert wird oder kostenlose Schwimmsäcke zum Rheinschwimmen kommen hier zum Zug: «Da wir keine Spa- oder Wellnessanlage haben, legen wir Wert auf eine hohe Dienstleistung», so Nazarek.

Stammgäste kommen auf den Geschmack

Die 53 Zimmer sind während der Woche im Schnitt von zehn bis 15 Stammgästen belegt. Gerade bei ihnen funktioniere es gut, eine Verlängerung oder Aktivitäten am Wochenende schmackhaft zu machen. «Wir haben einen grossen Anteil an langjährigen Mitarbeitenden, die wissen, welcher Gast welches Kissen mag und wer um halb 6 morgens seinen Espresso schätzt. So kommt man ins Gespräch und kann aktiv auf die Events am Wochenende hinweisen.»

Als frühere Mädchenpension verfügt das Hotel über eine grosse Bandbreite an Zimmergrössen, was für Bleisure ebenfalls ein Vorteil sei: Wenn der Corporate-Gast zum Privatkunden wird, seine etwa die kleineren Zimmer mit 140er-Betten beliebt; sie sind ideal für den Businessgast aber auch für einen preissensibleren Gast am Wochenende, der keine grösseren, teureren Zimmer buchen möchte.

Bern sieht Potenzial bei Kongressgästen

Auch in Bern ist Bleisure ein Thema: Bern Welcome hat es jüngst in seine strategische Entwicklung aufgenommen und den Hotels präsentiert. «Für unser Ziel, die Wochenendauslastung auf das gleich hohe Niveau wie unter der Woche zu bringen, sehen wir das Potenzial gerade auch bei Kongressgästen, die sowieso schon in Bern sind», sagt Max de Boer, Leiter Marketing bei Bern Welcome. So werden in der Expedia-Umfrage denn auch Kongresse vor externen Meetings als Hauptgrund für Bleisure-Trips (67 Prozent) angegeben.

Karin Kunz, Direktorin im Kursaal Bern, begrüsst die strategische Ausrichtung. «Bern als Boutique-Stadt ist sehr attraktiv für Bleisure-Gäste.» Dazu komme, dass auch das Kongressgeschäft flexibler geworden sei: «Früher mussten Gäste aus dem Bereich Medizin oder Wissenschaft direkt zurück ins Büro. Heute sind auch in diesen Branchen die Arbeitsmöglichkeiten viel mobiler.»

Die Frage werde deshalb noch wichtiger, wie vor oder nach Kongressen, die meist unter der Woche stattfinden, zusätzliche Übernachtungen generiert werden können. In Zusammenarbeit mit internationalen Kongress-Organisatoren, wo spezifische Pre-Stay- oder Post-Stay-Preise üblich sind, könnte gemäss Karin Kunz ein Hebel angesetzt werden. «Bei internationalen Gästen steht ausser Frage, dass sie Bleisure-affin sind. Wie wir einen nationalen Kongress- zu einem Bleisure-Gast machen können, wird die grössere Herausforderung sein.»

(Sabrina Glanzmann/Travelcontent)

Erstellt: 10.05.2019, 12:49 Uhr

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