«Die Museen sind mein 15. Achttausender»

Reinhold Messner eröffnete im Sommer 2015 sein sechstes Museum auf dem Südtiroler Kronplatz. Der Bau der irakisch-britischen Stararchitektin Zaha Hadid erntete viel Kritik.

«Aussen klein, innen ein sogartiger Blick ins Gebirge» – für Reinhold Messner ist Zaha Hadids umstrittener Bau auf dem Kronplatz ein Wurf. Foto: Harald Wisthalder

«Aussen klein, innen ein sogartiger Blick ins Gebirge» – für Reinhold Messner ist Zaha Hadids umstrittener Bau auf dem Kronplatz ein Wurf. Foto: Harald Wisthalder

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Bergsteigen ist die Eroberung des Nutzlosen, hat der französische Alpinist Lionel Terray einmal gesagt. Warum Museen bauen, die sich etwas Nutzlosem widmen?
Man kann die Museen nicht mit dem Bergsteigen gleichsetzen. Terrays Buch-Titel «Die Eroberung des Nutzlosen» – übrigens ein sehr gelungener Titel – ist beeinflusst von Albert Camus (1913–1960, Red.). Die Philosophie entstammt derselben Zeit. Der «Mythos von Sisyphos» steckt auch in Terrays Schriften. Darin kommt die Absurdität zur Sprache. Bergsteigen ist absurd. Ist nicht das gesamte Leben absurd? So gesehen ist Ihre Frage ein Stachel: Warum dem Nutzlosen so viel Zeit, Leiden, persönlichen Einsatz widmen, sogar das eigene Leben?

Dann ist das Extrembergsteigen ein Konzentrat des Absurden?
Nein, denn Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit sind völlig verschiedene Werte. Das heisst: Für mich persönlich kann etwas Sinn machen, obwohl es völlig unnütz ist für die Gesellschaft.

Jüngst wurde das sechste Messner Mountain Museum eröffnet, das MMM Corone. Welchen ­Stellenwert hat dort die Architektur?
Nun ja, Zaha Hadid ist mehr Künstlerin und Designerin als Architektin. So agiert sie auch. Ihre Architektur richtet sich nicht nach dem Inhalt, sie steht für sich. Das heisst, sie macht ihr Ding, zieht es durch – und ich musste mich anpassen.

Sind Sie glücklich mit dem Resultat?
Ich finde, es ist ein Wurf. Aussen klein, innen ein sogartiger Blick ins Gebirge. Gleich am Eingang wird erklärt, warum ich dieses Museum gemacht habe, samt einer Aluleiter draussen und einer als Pendant drinnen auf dem Everest-Bild. Dann geht der Blick nach unten, auf eine Alphütte, einen Bauernhof, auf Kulturlandschaft also. Man erkennt, wie die Gebirge besiedelt werden. Seit 10 000 Jahren. Die Berge, die Wände meiner Erstbegehungen sehe ich erst, wenn ich die Stufen ganz hinuntergegangen bin.

Das Museum wird kontrovers diskutiert. Lesen Sie Kommentare?
Nein.

Der Vorwurf der Kritiker lautet . . .
. . . dass ich am falschen Berg gelandet bin. Das hängt mit dem Architekturverständnis zusammen. Wobei mich die Meinung eines Journalisten weniger interessiert als die der Architekten. Die Spezialisten aus den USA und Italien sind begeistert. Die deutsche Architekturszene dagegen ist generell praxisbezogen, das heisst, erst kommt der Inhalt, dann die Hülle.

Wie hat eigentlich Ihr ­Museumsprojekt begonnen?
Vor über 20 Jahren dachte ich erstmals an ein Bergmuseum. Schon bald stand ich vor der entscheidenden Frage: Soll ich das Ganze in einem Ballungszentrum ansiedeln? Es gab fürchterlichen Streit um den Standort, die Burg Sigmundskron bei Bozen. Während weiter gestritten wurde, habe ich am Monte Rite das Felsmuseum und in Sulden das Eismuseum aufgebaut. Sigmundskron ist heute das Zentrum aller MMM. Dazu gibt es fünf Satelliten, die Details erzählen, teils in Bauten unter Denkmalschutz wie meine eigene Burg Juval, die zum ­Heilige-Berge-Museum wurde. Alles zusammen genommen ist das Projekt mein 15. Achttausender. Wobei das Corones auch als Provokation zu sehen ist, neu zu bauen.

Ihr Museumsprojekt widmet sich der Begegnung zwischen Mensch und Berg. Ist Ihre extreme ­Erfahrung an den 8000ern und in der Todeszone überhaupt mitteilbar?
Ich würde sagen: nein. Es trotzdem mitzuteilen, ist die hohe Kunst. Es gibt ja Leute, die sagen, sie könnten es. Ich möchte nur Geschichten erzählen. Mit meinen Museen ausdrücken, dass der Alpinismus Teil der europäischen Kultur ist. Philosophie gehört dazu, Literatur ist entstanden, dazu Musik und Malerei, gute Malerei, nicht nur diese heroische Bergmalerei. In der Summe ist das Bergsteigen europäisch geprägt. Meine Tochter Magdalena, sie ist Kunsthistorikerin, wird das Museumsprojekt übernehmen.

Sie teilen sich auch gern in Büchern mit.
Ja. In meinem neusten Buch habe ich die Erstbesteigung des Matterhorns aufgearbeitet. Ein Seil riss, vier Beteiligte stürzten zu Tode. Der Engländer Edward Whymper und seine Zermatter Bergführer Peter Taugwalder, Vater und Sohn, überlebten. Es war ein Drama, und Whymper betrieb danach eine ungute Geschichtsklitterung. Um sich in ein ­besseres Licht zu rücken, unterstellte er dem alten Taugwalder alles Unmögliche. Dieser erhielt von keiner Seite Rückendeckung. Nicht von den Schweizern, denn diese wollten sich nicht mit den vermögenden englischen Gästen anlegen, da diese gute Kunden für sie waren. Und die Engländer hatten auch kein Interesse, Whymper in Misskredit zu bringen; sie feiern ihn als ihren grossen Alpinismusstar. Meine Lesart der Geschichte war noch nicht erzählt. Dass «Absturz des Himmels» ein Bestseller wurde, zeigt mir einmal mehr, dass sich die breite Öffentlichkeit für alpinistische Themen interessiert, wenn man ihr den empathischen Hintergrund aufzeigt. Also die Natur des Menschen beschreibt und nicht die Natur der Berge. Leider sind heute die meisten Bergsteigerbücher von Ghostwritern geschrieben, und die fokussieren aufs Heroische. Ich erzähle vom zerbrechlichen Menschen.

Im MMM Corones kann der Besucher auch eine Portion Selbstironie entdecken, etwa Ihren Gipsverband von 1995.
Eine ganze Vitrine berichtet über alpine Kuriosa. Hermann Buhls Seil von der Badile-Besteigung dürfte es gar nicht geben, denn in den historischen Artikeln steht: Buhl stieg seilfrei durch die Badile-NO-Wand, aber er trug das Seil am Rücken. Oder Paul Preuss, der immer sagte, man dürfe keine Mauerhaken schlagen. Warum besass er einen Hammer?

Die Exponate nennen Sie «Reliquien». Eine Reliquie ist die Reminiszenz eines Heiligen. Ist das nicht eine Überhöhung?
Ich zeige grundsätzlich nur Reliquien von Leuten, die ich sehr schätze. Auch wenn ich sie mit Sarkasmus beleuchte. Ich selbst bin als Seilerster beim Felsklettern nie abgestürzt. Ich durfte es nicht. Dann aber bin ich von der Hausmauer gefallen. Es ist peinlich, und ­genau deswegen steht heute dieser alte Gipsfuss im Museum. Ich nehme nicht nur andere scharf unter die Lupe, ­sondern zuallererst auch mich.

Haben diese Reliquien denn nicht mit Heldentum zu tun?
Nein, im Gegenteil. Ich war einer der Ersten, die das Heldentum aus dem Alpinismus herausdiskutiert haben. Deswegen lag ich mit alten Bergsteigern auch über Kreuz. Als das Nazitum der «guten Bergsteiger» in den alpinen Vereinen noch lebendig war, galt ich als Nestbeschmutzer.

Wie sieht die Zukunft des Alpinismus aus? Ueli Steck etwa hat 82 Alpen-4000er bestiegen.
Ueli Steck ist eine interessante Persönlichkeit und ein grossartiger Alpinist. Er liefert dauernd interessante Geschichten. Dazu möchte ich Folgendes erklären: Das Bergsteigen hat sich in den letzten 30 Jahren wesentlich verändert. Das «Abenteuer-Klettern» wird immer mehr zum Sport. Denn die jungen Leute suchen kein eigentliches Abenteuer mehr, sondern sportliche Leistung. Und die Fähigkeiten dieser Leute sind enorm nach oben geschnellt. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Hallenklettern. Man schätzt, dass weltweit 80 bis 90 Prozent der Kletterer in der Halle trainieren. Diese Spielart ist ein grossartiger Sport, der zum Beispiel Tennis bei weitem überholt hat.

Was ist der Motor all Ihres Tuns?
Für meine ganzen Tätigkeiten brauche ich keine Rechtfertigung.

Dann frage ich nach der Motivation – sind es die Erfahrungen, die Sie vom Berg mitgenommen haben?
Der Berg zeigt uns, wahrscheinlich radikaler als alle anderen Habitate, die menschliche Natur. Es geht um das, was der Dalai Lama in seinem aktuellen Büchlein sagt: Die Ethik steckt im Grunde in der Menschennatur. Diese beherbergt im Grossen und Ganzen die Gesetzmässigkeit, wie wir uns zu verhalten haben, damit wir selbst und unsere Gattung weiterleben können. Das ist der Auftrag. Aber immer wenn Machtstrukturen – auch das sagt der Dalai Lama – dazwischenkommen, dann ist Vorsicht geboten. Das macht auch Religionen so gefährlich.

Dieser ethische Gedanke ­widerspricht aber dem Egoismus und der Egomanie, von denen man immer wieder hört, wenn über Menschen an den grossen Bergen gesprochen wird.
Ja, natürlich sind wir alle auch Egoisten. Jeder Mensch ist zugleich ein Egoist und ein Altruist. Beides hält sich mehr oder weniger die Waage. Es gibt ihn nicht, den reinen Altruisten, auch wenn wir uns oft anders darstellen.

Mehr Bilder des Museums im TA-Fotoblog

Erstellt: 29.10.2015, 07:13 Uhr

Extrembergsteiger Reinhold Messner. Foto: Doris Fanconi

Alle Facetten des Alpinismus

Die Messner-Mountain-Museen

Innert 20 Jahren hat Reinhold Messner, Besteiger von 3500 Gipfeln und beteiligt an über 100 abenteuerlichen Expeditionen, eine Museumsstruktur aus sechs einzelnen Bauten konzipiert, fünf der Messner-Mountain-Museen liegen im Südtirol, eines in Venetien.

Messner startete 1983, als er die Burg Juval im Vinschgau kaufte und sanierte. 1995 eröffnete er in Sulden Alpine Curiosa und parallel dazu das MMM Juval mit dem Thema «Heilige Berge».

In einer sanierten Festung auf dem Gipfel Monte Rite (Provinz Belluno) entstand 2002 das MMM Dolomites, das sich dem Thema «Vertikale Welt und Felsklettern» widmet.

2004 eröffnete das unterirdische MMM Ortles mit dem Thema «Eis und Gletscher».

Auf dem Burgberg Sigmundskron bei Bozen zog 2006 das MMM Firmian ein; es illustriert die Auseinandersetzung ­zwischen Mensch und Berg.

In einer Burg in der Stadt Bruneck ­entstand 2011 das MMM Ripa mit dem Thema «Bergvölker aller Welt».

Im Juli 2015 wurde das von Stararchitektin Zaha Hadid entworfene MMM Corones eröffnet. Es liegt auf dem Gipfelplateau des Kronplatzes in 2 275 Meter Höhe und widmet sich der «Königsdisziplin des Bergsteigens» – dem traditionellen Alpinismus, der Entwicklung des modernen Bergsteigens sowie Triumphen und Tragödien an berühmten Bergen wie Matterhorn oder K2. (fh)

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