Die Welt von TUI wird blauer

Der weltweit grösste Reisekonzern ersetzt seine Erfolgsmarke Sensimar durch TUI Blue. Das bringt türkische Hoteliers in Zugzwang.

Viele Hotel­anlagen brauchen eine Auffrischung: Die fantastische Lage am Ägäischen Meer allein reicht nicht. Foto: PD

Viele Hotel­anlagen brauchen eine Auffrischung: Die fantastische Lage am Ägäischen Meer allein reicht nicht. Foto: PD

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Im türkischen Sarigerme, an der Mündung des Flusses Sarisu, ist die Sicht atemberaubend. Sie reicht an guten Tagen bis zur griechischen Insel Rhodos, die 50 Kilometer entfernt liegt. Die Farbe des Meeres ist Dunkelblau, jene des feinen Sandstrandes Dakotagrau. Auf 300'000 Quadratmeter Fläche erstreckt sich die Hotelanlage an der türkischen Riviera hügelwärts. Lifte und Caddies verbinden das Meer mit den diskret in die Landschaft eingepassten kleinen Apartmenthäusern.

An bester Lage am Ägäischen Meer schlug einst die Geburts­stunde der Sensimar-Hotels. Das Franchise-Modell erlaubte es TUI, bestehende Hotelanlagen auf Jahre hinaus zu pachten und dem ­Zeitgeist anzupassen. Im Fokus der Deutschen standen Best Ager. 40 Prozent der Hotelbuchungen in der Bundesrepublik stammen von Personen über 55 Jahre. Viele von ihnen haben den Kinderlärm satt und suchen nach langen Familienjahren eine neue Romantik mit Zweiertischen, geräumigen Duschen mit zwei Brausen, Relax-Inseln mit Kuschelfaktor und weichen Matratzen.

Das Markenportfolio wird stark gestrafft

Zwar wurde Sensimar zur Erfolgsgeschichte. Inzwischen gibt es weltweit 60 solcher Romantik- und Verwöhnhotels. Trotzdem ist die Zeit von Sensimar nun auch in Sarigerme abgelaufen. Die Marke wird begraben und abgelöst durch TUI Blue. «Marken müssen gross gemacht werden», ist Erik Friemuth überzeugt. Der frühere Vodafone-Manager ist bei TUI zuständig für Marketing und Marken. Neidisch schielt er auf Hilton oder Marriott, die so bekannt sind wie Coca-Cola oder Nestlé. Selbst der Robinson Club oder Magic Life, die beiden Clubhotel-Marken von TUI, geniessen nur einen überschaubaren Bekanntheitsgrad. Für einen Tourismus-Riesen, der über 17 Kreuzfahrtschiffe, 150 Flugzeuge und 1600 Reisebüros in Europa verfügt, ein Grund, die Dinge neu zu ordnen.

TUI selbst ist nämlich so bekannt wie Coca-Cola und Nestlé. In der Schweiz sind die Deutschen seit Jahren hinter Kuoni die zweitbekannteste Marke, wie TUI- Suisse-Chef Martin Wittwer bestätigt. Damit ist TUI sogar noch bekannter als die Migros-Tochter Hotelplan. Friemuths Ziel ist deshalb nachvollziehbar: «Die Marke soll für TUI selbst stehen», sagt er und hat dem Marken-Salat den Kampf angesagt. 90 Prozent befinden sich auf der Streichliste. 25 Brands werden überleben. Unter dem Label TUI Blue werden im nächsten Jahr 100 Hotels angeboten.

Aus diesem Grund werden Logos und Fahnen, Personaluniformen, aber auch die Interieurs der Empfangshallen ersetzt. Selbst neue Kissen gibt es in den Hotels, auf denen in der gleich krakeligen Schrift der Name prangt wie auch auf allen Glasscheiben und -türen. Der senkrechte Strich des Anfangsbuchstabens fehlt, ebenso jener des I. Das U ist so weit auseinandergezogen, dass es an einen lachenden Mund mit Grübchen erinnert.

Der Reisegigant will von Thomas-Cook-Pleite profitieren

Elf Neueröffnungen sind 2020 geplant, etwa im Montafon in Vorarlberg. Das Wachstum hat Gründe: Das Hotelgeschäft, Kreuzfahrten sowie kostenpflichtige Aktivitätsprogramme sind äusserst rentabel und machen bereits 70 Prozent des Konzernumsatzes aus.

Der Fokus auf ein überschaubares Markenportfolio hat aber auch mit der Pleite des englischen Reiseveranstalters Thomas Cook zu tun. Unverhohlen schielen die Niedersachsen auf die Gäste des britischen Reiseveranstalters. Zu den 27 Millionen Kunden, die aktuell bei TUI Ferien buchen, sollen 1,7 Millionen neue hinzukommen – eine Million alleine von den Britischen Inseln, wo Thomas Cook seine Wurzeln hatte.

Eine TUI-Marke, die ebenfalls über die Klinge springen muss, ist Family Life. In Sarigerme, wo der deutsche Ferienkonzern bereits den Grossteil der vom Staat verpachteten Strände mit eigenen Häusern kontrolliert, sind auch die Tage des Tropical gezählt. Die 500 Familienzimmer sind in die Jahre gekommen, der türkische Besitzer muss deshalb kräftig investieren, um die Ansprüche der Deutschen für die Marke TUI Blue zu erfüllen.

Geht es nach dem Willen der Deutschen, wird TUI Blue schon bald zur grössten Ferienhotel-Marke der Welt aufsteigen. Eine der Geschäftsführerinnen, die Britin Louise Bates, bestreitet aber vehement, dass dadurch Ferienerlebnisse austauschbarer werden. «Nein, wir werden nicht zu einer Art McDonald’s», sagt sie. Zwar würden die wichtigsten Merkmale der Marke überallhin transportiert, aber stets auch mit lokalen Elementen ergänzt.

Der Anspruch, glückliche Gäste und glückliche Angestellte bei stabiler Qualität zu haben, dürfte aber so leicht nicht einzuhalten sein. Ein einfacher Angestellter bei TUI in der Türkei verdient 400 Euro, die Bezüge von Verwaltungsratspräsident Friedrich Joussen bezifferten sich im letzten Geschäftsjahr dagegen auf mehr als 6 Millionen Euro.

Die Reise wurde unterstützt von TUI Suisse, www.tui.ch



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Erstellt: 16.11.2019, 19:58 Uhr

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