Hier logiert die Musik

Mit Jaz lanciert Steigenberger eine neue Hotelmarke. Ein Berner setzt das muntere Konzept in Stuttgart um.

Der Lift zur loungigen Terrasse im sechsten Stock pfeilt durch die Chakra-Farbpalette

Der Lift zur loungigen Terrasse im sechsten Stock pfeilt durch die Chakra-Farbpalette

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Als David Keen den Auftrag erhielt, eine Lifestyle-Hotelmarke für Steigenberger zu kreieren, ging der renommierte Experte nach bewährtem Muster vor: Der gebürtige Brite liess erst das Biotop definieren, in dem die neuen Herbergen gedeihen sollen. «Davon leitet sich das Zielpublikum ab und von diesem wiederum das gesamte Produkt, vom Design bis zum Service.» Marken-Spezialist Keen, der mit seiner Firma Quo in Bangkok residiert und Büros in Dubai, Saigon oder Malé unterhält, fasste den Entschluss, den Auftritt der als etwas bieder und sehr deutsch geltenden Steigenberger Hotel Group zu entstauben und für eine Expansion fit zu machen. «Dazu brauchten wir neben den bestehenden Steigenberger Hotels & Resorts und den Intercity-Hotels eine neue Marke, die das Lebensgefühl einer Stadt widerspiegelt», sagt Keen, der Branchengiganten wie Accor und Intercontinental zum Kundenstamm zählt.

Die grossen Hotelketten wachsen heute vor allem in Städten – dank einer Lawine von sogenannten Lifestyle-Brands im mittleren Preissegment. Das sind unkomplizierte Beherbergungskonzepte, die wochentags für Geschäfts­reisende und am Weekend für Städtebummler und Eventtouristen funktionieren. David Keen sagt: «Um in diesem Markt Erfolg zu haben, braucht es ein Produkt, das nicht austauschbar ist und Erlebnisse bietet.»

Nach Keens Vorarbeit eröffnete die Steigenberger Hotel Group, die neu Deutsche Hospitality heisst, ihr erstes Haus namens Jaz in the City in ­Amsterdam. Anfang 2018 ging das Jaz in Stuttgart ans Netz. Das Hotel mit 166 Zimmern belegt sieben Stockwerke im Tower namens Cloud No. 7 im neuen Europaviertel der Schwaben­metropole. Dem unbefangenen Gast, der zum Check-in eintrifft, fällt auf: Die Réception ist in der Form eines Mercedes-Sterns gehalten, eine Anspielung an die Autostadt Stuttgart. Der Réceptionist, der früher beim Theater arbeitete, duzt die Kundschaft, über die ­Kacheln eines mächtigen Screenboards huschen Messages und Werbung. Kraftvolle Musik begleitet das muntere Treiben in der Lobby. «Wir praktizieren das respektvolle Du», bestätigt Stefan Schär. «Die Musik aktiviert, gegen Abend wird sie weiter aufgedreht.»

Strassenmusiker im Hotelrestaurant

Der 47-jährige Berner ist General ­Manager des Jaz, im internen Sprachgebrauch nennt er sich schon mal «Bandleader». «Ich lasse aber spielen», sagt Schär und meint das wörtlich: Jeden Abend gibt es Liveentertainment im Hotelrestaurant Rhythms – entweder von einem DJ oder von Solokünstlern oder Bands. Schär holt sogar Strassenmusiker ins Hotel: «Ich hörte eine Gitarristin in einer Unterführung. Statt in ihrer WG zu üben, tritt sie jetzt bei uns auf.» Das Restaurant, das sich geschickt durch Vorhänge unterteilen lässt, zieht die Stuttgarter an. Auch dank der ­Gerichte, die regionale und exotische Einflüsse vereinen – etwa in der mit scharf gewürztem Entenfleisch ­gefüllten Maultasche an Püree von ­Lotuswurzeln.

Stefan Schär und sein Hotel werden genau beobachtet. «Für uns ist ein ­Erfolg in Stuttgart sehr wichtig», sagt Thomas Willms, CEO der Deutschen Hospitality, «denn wir möchten mit der Marke Jaz weiterwachsen.» Das dritte Jaz ist in Wien geplant; über weitere Standorte wird verhandelt. «An Zürich sind wir sehr interessiert», sagt Willms. «Ein junges Banker- und Beraterpublikum würde perfekt zu Jaz passen.»

Bei aller lauten Urbanität: Die Zimmer im Jaz Stuttgart verströmen gemütliche Wohnzimmer-Ambiance, auch wegen der Sofaecke. Aufgrund des Gebäudelayouts sind die Räume originell geschnitten. Infomaterial aus Papier fehlt, der Gast holt Tageszeitungen und News zum Hotel und zur Stadt auf das bereitliegende Tablet. Sogar die Dusche funktioniert digital und ist nur über Touchscreen in Betrieb zu setzen. Auf dem Weg nach oben zur loungigen Terrasse im sechsten Stock pfeilt der Lift durch die Chakra-Farbpalette.

In der dritten Etage unter sonnengelbem Licht steigt ein Herr grummelnd aus: «Anstrengendes Hotel.» Der Mann gehört zu den 20 Prozent Neukunden, die sich mit dem urbanen Design, der allgegenwärtigen Musik, der unkomplizierten Interaktion zwischen Personal und Gästen und den digitalen Gadgets schwertun. «Es gibt keine Kompromisse», beteuert Hotelchef Stefan Schär. «Nur so stellen wir sicher, dass die neue Marke einmalig bleibt.»

Jaz in the City, Stuttgart, DZ ab 130 Euro, www.jaz-hotel.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 11:54 Uhr

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