Zum Hauptinhalt springen

In der Welt von Gletscher-Charly

Am Pitztaler Gletscher serviert das höchstgelegene Kaffeehaus Österreichs den längsten Apfelstrudel. Und der Mann, der Wintersportler auf den Berg bringt, ist seit 36 Jahren unterwegs.

Höher hinaus fährt man in ganz Österreich nirgends: Die Bergstation der Wildspitzbahn liegt 3440 Meter über Meer. Foto: PD
Höher hinaus fährt man in ganz Österreich nirgends: Die Bergstation der Wildspitzbahn liegt 3440 Meter über Meer. Foto: PD

Bevor Karl Neururer in den Führerstand des Gletscher-Express steigt, verschwindet er im Bauch der Talstation in Mittelberg. Freudestrahlend kehrt der Zugbegleiter zurück, ein gerahmtes Foto in der Hand: «Schau her», sagt der Mann, den man im ­Pitztal auch Gletscher-Charly ruft, «ich war doch ein fescher Bursch.»

Das Bild zeigt einen 24-Jährigen mit Vokuhila-Frisur vor dem Pitz-Express. Das Beweisstück ist fast 36 Jahre alt, Neururer heute der dienstälteste Mitarbeiter der Pitztaler Gletscherbahn. 1981 begann er im Stollenbau in den Tiroler Alpen und half mit, den 3,8 Kilometer langen Tunnel für die Bahn hoch zum Pitztaler Gletscher zu bohren.

27'500 Höhenmeter pro Schicht

Und seit September 1983 und der Einweihung des Gletscher-Express, der damals noch Pitz-Express hiess, amtet der treue Charly als Zugbegleiter. Bis zu 30-mal pro Tag bewältigt er 1100 Höhenmeter, arbeitet zwischen Mitte Juli und Ende Mai sechs Tage am Stück, gefolgt von zwei Freitagen. Pro Schicht kommt er im Schnitt auf 27'500 Höhenmeter. «Kein Problem für den Körper», meldet der 59-Jährige, «der Arzt sagt, Charly, alles in Ordnung mit dir.»

Findige PR-Leute haben ausgerechnet, das Neururer in seinem bisherigen Berufsleben 195,5 Millionen Höhenmeter ­zurückgelegt hat. Er ist in seinem Zug schon 670'000 Kilometer gefahren, beinahe die Strecke von der Erde zum Mond und zurück.

Karl Neururer (59) baute 1981 mit am Bahntunnel. Foto: Chris Walch
Karl Neururer (59) baute 1981 mit am Bahntunnel. Foto: Chris Walch

An solche mathematischen Spielchen denkt der Zugbegleiter nicht, wenn er im Führerstand einen prüfenden Blick in den Rückspiegel wirft, die Türen schliesst und sich mit einem akustischen Signal beim oben harrenden Kollegen meldet. Ein Vierklanggong ertönt, die Scheinwerfer flammen auf, Charly fährt los. «Die Geschwindigkeit beträgt neun Meter pro Sekunde», erläutert Neururer, «zwölf sind das Maximum.»

Leise schaukeln die bemalten Eier der Osterdekoration in Charlys Reich, ein Quietschentchen begleitet ihn auf der Reise hoch zum Gletscher. «Ob Fasching, Ostern oder Weihnachten, immer schmücke ich meinen Führerstand saisongerecht», sagt Gletscher-Charly.

Manchmal kippen ­Passagiere um

Nach 1,89 Kilometern kreuzen die Kompositionen; die beiden Wagenführer, Charly hier, ­Kollege Rudl auf Talfahrt, betätigen die Hupe. Im Vergleich zu Charly ist Rudl übrigens fast ein Frischling, er fährt den Gletscher-Express erst seit Dezember 1983. Die beiden Waggons einer Komposition gleiten auf 16 Rädern über die Schienen. Im Prinzip ist der ­Express eine Seilbahn, angetrieben von vier Elektromotoren mit total 1632 PS. Jetzt schimmert Licht am Ende des Tunnels, der Zug bremst ab, am treppenartigen Bahnsteig öffnet Charly die Türen, die Wintersportler drängen zum Gletscher.

In Sepp Eiters (60) Café 3.440 ist Kochen eine Wissenschaft. Foto: Chris Walch
In Sepp Eiters (60) Café 3.440 ist Kochen eine Wissenschaft. Foto: Chris Walch

Manchmal, sagt der Herr von Wagen 1, kippten Passagiere um. Der Körper zollt dem Höhenunterschied Tribut, bei Gross­andrang sprintet der Express die Reise von 1730 auf 2840 Meter über Meer in acht Minuten. Neururer: «Ich beruhige die Umstehenden, bette den Patienten auf den Bahnsteig, Beine nach oben, und zwei Minuten später ist der Schwächeanfall vorbei.»

Der Pitztaler Gletscher ist der höchste Österreichs. Ein Pistennetz erstreckt sich über verschiedene Gletscherzungen, zusammen mit dem benachbarten ­Skigebiet Rifflsee gibt es hier 12 Bahnen und Lifte und 40 Pistenkilometer. Die Saison auf dem Eis beginnt Ende September und dauert bis in den Mai hinein.

«Der schönste Arbeitsplatz, den man haben kann»

«Hochbetrieb herrscht im Herbst», sagt Marita Schranz von der Pitztaler Gletscherbahn, «im Oktober und November trainieren hier viele Skikader. Von der Bergstation des Gletscher-Express führt die Gondel der Wildspitzbahn zum Café 3.440 auf dem Hinteren Brunnenkogel. Hausherr im höchstgelegenen Kaffeehaus Österreichs ist das Pitztaler Urgestein Sepp Eiter. «Der schönste Arbeitsplatz, den man sich wünschen kann», sagt der 60-Jährige, «wo sieht man sonst so viele Alpengipfel von der Bernina-Gruppe über die Ötz­taler Alpen bis zu Zugspitze und Silvretta-Massiv?»

Karte vergrössern

Stolz ist Eiter auch auf die Vitrine am Eingang: Marzipankuchen, Gletscherschnee und Erdbeertorte warten hier, dazu Topfen- und Apfelstrudel. Claudia Sabau bäckt die Köstlichkeiten in der höchstgelegenen Konditorei am Fusse der Wildspitzbahn. Pro Saison entstehen dort 4 Tonnen Kaiserschmarrn und 25 Kilometer ­Apfelstrudel.

Das Backen auf 2840 Meter über Meer ist eine Wissenschaft und bei schlechtem Wetter eine Lotterie. Grösstes Problem: der Luftdruck, der Einfluss auf das Volumen nimmt. «Bei Tiefdruck braucht es mehr Gelatine auf der Torte», sagt die rumänische ­Konditorin. «Und die Muffins ­benötigen 40 statt 30 Minuten Backzeit.»

Teigwaren kochen? Nicht in dieser Höhe

Oben in Sepp Eiters Café auf beinahe 3500 Meter über Meer ist ­Backen unmöglich, die Justierung von Kaffeemaschine und Bierzapfhahn eine Herausforderung. Der Hüttenwart kann aus physikalischen Gründen nicht mal Teigwaren ­kochen. «Die Knödel müssen wir dampfen, sonst werden sie steinhart», sagt er.

An einem guten Tag bedient die fünfköpfige Crew um Eiter bis zu 1000 Gäste. «Bei Stress gibt es nur eine Devise in dieser Höhenlage: trinken. Mindestens vier Liter Wasser pro Arbeitstag.»

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Pitztal.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch