Schönheitspreis am Steilhang

Trophäen, Awards und Preisverleihungen im Alpinismus sorgen immer wieder für Kontroversen. Warum eigentlich?

Annapurna-Südwand, Nepal: Ueli Steck erhielt die Piolets d’Or für seinen Solo-Aufstieg – obwohl dieser nicht belegt ist. Foto: Prisma

Annapurna-Südwand, Nepal: Ueli Steck erhielt die Piolets d’Or für seinen Solo-Aufstieg – obwohl dieser nicht belegt ist. Foto: Prisma

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Wer heutzutage einen Preis gewinnt, tut womöglich ganz gut daran, sich auf Billy Wilder zu besinnen. Der Mann war mehr als nur ein Filmregisseur. Er war eine Ikone Hollywoods. Alleine 21-mal war er für einen Oscar nominiert, sechsmal wurde er damit ausgezeichnet. Von ihm stammt das wunderbare Zitat: «Auszeichnungen und Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jeder Arsch.»

Tatsächlich hat die Hochleistungs­gesellschaft auf ihrer steten Suche nach den Besten einen wahren Erdrutsch an Awards ausgelöst. Der Alpinismus macht da keine Ausnahme, die Besten des Fachs zu finden, zu ehren und in der ­Öffentlichkeit aus der Masse heben zu wollen. Die Suche nach dem Superbergsteiger hat sogar Tradition, und lange Zeit wurden dabei eher die Parallelen zum Sport als zur Kunst gesucht. Für die Erstbesteigung der Eigernordwand ­lobten die Nazis 1936 im Rahmen der Olympischen Spiele in Berlin eine Goldmedaille aus. Hermann Buhl schaffte es dank seiner Nanga-Parbat-Besteigung 1953 zu Österreichs Sportler des Jahres. Reinhold Messner lehnte 1988 den Olympischen Orden in Silber ab.

In der jüngeren Vergangenheit scheinen sich sogenannte Awards prächtig zu vermehren. 2008 wurde der inzwischen wieder eingestellte Eiger Award in Grindelwald ausgelobt; seit 2010 wird im Zweijahresrhythmus der Karl-Unterkircher-Award in Südtirol vergeben und 2013 bereicherte der österreichische Paul-Preuss-Preis das Feld der alpinen Auszeichnungen. Selbst der ­Piolet d’Or, der Goldene Pickel, als die wohl begehrteste ­Trophäe wurde erst 1991 von dem elitären Alpenverein Groupe de Haute Montagne (GHM) und der Fachzeitschrift «Montagnes Magazine» in Frankreich aus der Taufe gehoben. Über die Bergwelt hinaus reichen Auszeichnungen für die besten Entdecker und wildesten Abenteurer wie der European Adventurer of the Year oder die National Geographic’s Adventurers of the Year.

Es sagt einiges über die öffentliche Wahrnehmung des Spitzenalpinismus aus, wenn ausserhalb eines kleinen Zirkels von Extremisten und Eingeweihten kaum jemand von diesen Preisen Notiz nimmt – nicht einmal dann, wenn es heisst: Ich will diesen Preis gar nicht! Den Piolets d’Or, die als Aushängeschild der Branche gewissermassen stellvertretend für das Ansehen sämtlicher alpinen Awards stehen, wurde die Anerkennung von den anerkannt Besten mehr als einmal verweigert.

Gerade bei den Piolets d’Or lieferten die Juryentscheide jede Menge Stoff für Kontroversen: Als 2005 eine russische Mammut-Seilschaft für eine Besteigung im Steinzeitstil ausgezeichnet wurde, nannte der deutsche Extremkletterer Thomas Huber die Nummer in einem Magazinbeitrag «lächerlich». Dass Ueli Steck 2014 für die nicht eindeutig bewiesene Solodurchsteigung der Annapurna-Südwand den Ritterschlag per Goldenen Eis­pickel erhielt, stiess ebenso auf Kritik wie die Massenkür von 17 Bergsteigern im Jahr zuvor.

Die Juroren – die 2015 nur noch aus der Bergsteigerszene selbst stammten – bedienen sich dabei keineswegs des Wertungsprinzips aus der Welt des Sports, das auf eindeutigen Zeiten und Weiten oder wenigstens auf der Beurteilung von anwesenden Kampfrichtern basiert. Bergsteigen läuft eher unter «kreative Tätigkeit», in die viel mehr Faktoren einfliessen als nur Gipfelsieg, Wandhöhe, Klettergrad. Manchmal wird – wie beim Paul-Preuss-Preis oder dem im Rahmen der Piolets d’Or verliehenen Walter-Bonatti-Award – das Gesamtkunstwerk für die generelle Haltung ­eines Alpinschaffenden gewürdigt. Bei einzelnen Aktionen stehen statt des ­Einfach-Hoch-Prinzip der Eiger-Everest-Ära Werte wie Authentizität, Ausgesetztheit und Einzigartigkeit einer Besteigung im Vordergrund. Der richtige Stil bringt die Ehre.

Mangelnde Messbarkeit

Genau bei dieser mangelnden Messbarkeit setzen viele Kritiker an. Wie soll eine Hierarchie bezüglich Qualität von Kletterrouten erstellt werden? Wo doch die Leistungen der Protagonisten gerade dadurch veredelt werden, dass sie in ­einem unzugänglichen Terrain unter Ausschluss von Kameras und Zuschauern erbracht werden? Definiert sich das Bergsteigen nicht gerade über die Abwesenheit jeglicher Regeln und damit über fehlende Bewertungen durch Dritte?

Anderseits: Was ist eigentlich so schlimm daran, einen subjektiv Besten aus der Masse zu heben?

Der slowenische Bergsteiger Marko Prezelj lehnte 2007 während der Ehrung die Idee des Awards ab, weil er fand, der Alpinismus verkomme damit zu einem Wettbewerb des Geschichtenerzählens: «Wenn ich anfange, Geschichten zu vergleichen, geht die Objektivität verloren.» Ausserdem sei die romantische Idee des Piolet d’Or seiner Meinung nach zu einer Art «Schönheitswettbewerb» und «Jahrmarkt der Eitelkeiten» verkommen. Bei der Zeremonie habe er sehen und fühlen können, wie der Konkurrenzgedanken die Atmosphäre beherrschte.

Cerro-Torre-Besteiger Rolando Garibotti, der 2006 und 2008 die Nominierungen abgelehnt hat, bemängelte wiederum, dass sich die Verantwortlichen damals gesträubt hätten, «unsere Besteigung» aus «ihrem» Event zu nehmen. Sein Tun und dasjenige seiner Kameraden sei einfach «entführt» worden. Obwohl der Piolet d’Or nach einer – auch durch die grassierende Kritik bedingten – Zwangspause im Jahre 2008 mit neuem Esprit inklusive neuer Satzung durchstartete, habe sich an dem Grundproblem nichts geändert. «Es werden noch immer Äpfel mit Orangen verglichen», meint der Alpinist Garibotti.

Hanspeter Eisendle steht nicht unter dem Verdacht, Äpfel mit Orangen zu vergleichen. Der Südtiroler gilt als einer ­jener Bergmenschen, die Ehre und Öffentlichkeit zwar nicht direkt scheuen, aber sie auch nicht zwingend suchen. Als er im vergangenen Herbst den Paul-Preuss-Preis erhielt, musste er nach einem «Überraschungsschock» (Eisendle) einräumen: «Irgendwie ist doch in jedem eine gute Portion Eitelkeit.» ­Allerdings habe so ein Preis auch weniger mit einer einzelnen Person zu tun, «sondern mit dem Transport einer Idee». Daher sei es letztlich auch irrelevant, wer von den Nominierten am Ende den Preis abräumt. «Er ist nur ein Vertreter des Stils.»

Ähnlich sieht es Christian Trommsdorff. Er ist als Präsident der GHM seit der Revitalisierung der Piolets d’Or vor sechs Jahren Mitorganisator des Preises. Als eine seiner ersten Amtshandlungen änderte er die Bezeichnung von «Le Piolet d’Or» (Einzahl) auf «Les Piolets d’Or» (Mehrzahl) ab. Auch stehen inzwischen weniger die Bergsteiger als die Besteigungen im Vordergrund. Trommsdorff ist sich des weiterhin bestehenden Dilemmas aber durchaus bewusst, dass nur jene ausgezeichnet werden können, die ihr Tun auch publik machen. «Eigentlich wäre es ja die ideale Form des Alpinismus, wenn die Akteure gar nichts sagen.» Um den Wettbewerbscharakter abzuschwächen, soll es in Zukunft auf ­jeden Fall mehr als nur einen Sieger ­geben. 2015 wurden aus einer Big List mit 58 Besteigungen drei Aktionen ­gekürt, an denen sieben Bergsteiger teilnahmen.

Eine Rose für alle

Die beiden Preisverweigerer Prezelj und Garibotti hatten schon vor Jahren eine klare Vorstellung, wie so ein Abend unter dem Banner des Alpinismus-Awards aussehen könnte: «Zusammenfinden und gelernte Lektionen austauschen», nennt es Garibotti. Marko Prezelj verfolgte seinen Wunsch nach einem «einfachen Treffen ohne Gewinner und Verlierer», indem er 2015 doch an der Verleihung teilnahm.

Denn etwas zu verändern, den «Event in ein Festival zu verwandeln», sei nicht durch negative Energie oder destruktive Kritik zu erreichen, sondern nur durch eine Teilnahme daran möglich. Als Zeichen der gemeinsamen Leidenschaft überreichte er allen Gewinnern eine Rose. Irgendwie auch ein schöner Preis.

Dieser Artikel erschien in vollständiger Länge im Magazin «All Mountain», Deutschland. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2015, 18:37 Uhr

Die wichtigsten Preise

Piolet d’Or
Der Goldene Eispickel ist so etwas wie der Oscar unter den Auszeichnungen im Alpinismus. Er ist mit Sicherheit die begehrteste Trophäe – und die umstrittenste. Seit 1991 wird der Piolet d’Or zusammen von der Groupe de Haute Montagne und der französischen Zeitschrift «Montagnes Magazine» verliehen. Seit 2009 wird auch ein Ehrenpreis für das Lebenswerk verliehen, den unter anderem schon Reinhold Messner erhielt.

Golden Piton Awards

Der Goldene Haken ist der Golden Globe des Klettersports. Er wird jährlich vom US-amerikanischen Magazin «Climbing» in diversen Kategorien vom Bouldern bis zum Bigwall-Klettern vergeben.

Paul-Preuss-Preis
«Das Können ist des Dürfens Mass», lautete der Leitgedanke des 1913 tödlich verunglückten Freikletter-Vordenkers Paul Preuss. Die Auszeichnung wurde 2013 im Zuge des Gedenkjahres von der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft im Ausseerland (Ö) ins Leben gerufen. Philosophie des Preises ist es, nicht eine spezielle Aktion, sondern vielmehr eine Haltung und Herangehensweise auszuzeichnen.

Eiger Award
Er hätte dem Piolet d’Or den Ruf als Alpinismus-Oscar am ehesten streitig machen können – wäre er nicht drei Jahre nach seiner Gründung 2008 schon wieder beerdigt worden.

Karl Unterkircher Award
Der Preis ist ein Andenken an den 2008 am Nanga Parbat verstorbenen Südtiroler Bergsteiger Karl Unterkircher. Er wird im Zweijahres­turnus an Alpinisten verliehen, die sich durch vorbildliches Bergsteigen im Sinne des Alpinstils ausgezeichnet haben.

King Albert Mountain Award
Geehrt werden Personen oder Institutionen aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die sich durch aussergewöhnliche und nachhaltige Leistungen im Zusammenhang mit den Bergen verdient gemacht haben. 2014 wurde der Schweizerische Nationalpark geehrt.

Schneeleopard-Orden
Dieser eher exotische Preis ist ein Relikt des Kalten Krieges, wenn auch ein sehr charmantes. Für die noch aus der Sowjetzeit stammende und bereits 1961 erstmals vergebene Auszeichnung müssen alle fünf auf dem ehemaligen UdSSR-Gebiet gelegenen Siebentausendergipfel bestiegen werden. (dp)

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