So können Sie in den Ferien Gutes tun

Voluntourismus erntet Lob – aber auch Kritik. Darauf sollten Sie achten, wenn Sie einen Einsatz leisten möchten.

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Ferien machen und dabei vor Ort helfen: Was gibt es Besseres für das Gewissen? Dass es nicht ganz so simpel ist, zeigen viele Medienberichte der letzten Monate. Da ist von Waisenhäusern die Rede, in der die Waisen gar keine sind. Von Freiwilligen, die wohl nur in der Hoffnung auf Spenden eingeladen wurden, ein Projekt zu besuchen. Von verstörten Kindern, die sich alle paar Wochen auf neue Bezugspersonen einlassen müssen und dem Risiko der sexuellen Ausbeutung ausgesetzt sind.

Auf der anderen Seite stehen die Freiwilligen, die während ihrer Ferien gerne helfen wollen, die Welt ein wenig besser zu machen und dabei vielleicht mehr Schaden anrichten, als wenn sie auf dem Liegestuhl geblieben wären.

Voluntourismus unterscheidet sich zur geregelten Freiwilligenarbeit im Ausland über mehrere Monate: Es handelt sich dabei um Kurzeinsätze, die während weniger Tage oder Wochen geleistet werden.

Christine Plüss, Mitautorin einer Studie zum Thema Voluntourismus, beobachtet seit einigen Jahren die steigende Nachfrage: «Voluntouristen sind Menschen, die genug haben vom 08/15-Tourismus, die eine authentische Erfahrung machen wollen und das diffuse Gefühl haben, etwas Gutes tun zu wollen.» Gerade der letzte Punkt ist nicht unproblematisch. Deshalb nun die wichtigsten Fragen, die man sich als potentieller Voluntourist stellen sollte.

Was ist meine Motivation? Bevor sich Bilder und Erwartungen von einem Voluntourismus-Vorhaben einschleichen, sollten Sie sich die Frage nach der eigenen Motivation stellen. Dieser Punkt ist für Christine Plüss besonders wichtig: «Es ist leider unrealistisch, in wenigen Tagen oder Wochen einen grossen Einfluss vor Ort zu haben», sagt sie. «Von der Vorstellung zu helfen, sollte man sich lösen. Viel eher muss man einen Einsatz als Lernerfahrung für einen selber sehen, nicht als Entwicklungshilfe.»

Welche Erfahrung will ich machen? Als nächstes sollten Sie ein klares Bild davon haben, was sie lernen oder erfahren wollen. Ausserdem: Wie viel Zeit wollen Sie investieren? Wie viel Geld? Und wie flexibel können und wollen Sie sein? Recherchieren Sie!

Wer ist der Anbieter und was bietet er? Wenn Sie Voluntourismus-Angebote gefunden haben, die Ihnen gefallen, dann prüfen Sie folgende Aspekte:

  • In welchem Projekt werde ich eingesetzt?
  • Was wäre meine genaue Aufgabe? Was braucht das Projekt genau von mir?
  • Wer ist meine Kontaktperson? Wie werde ich vor Ort begleitet?
  • Welche Vorbereitung erhalte ich?
  • Wie wird das Geld, das ich bezahle, eingesetzt?

Christine Plüss empfiehlt, diese Fragen unbedingt mit dem Anbieter zu klären. Sollten Sie keine konkreten Antworten erhalten, dann suchen Sie besser nach einem anderen Angebot. Wichtig ist auch, mit dem Projekt am Einsatzort direkt Kontakt aufzunehmen.

Sie gibt ausserdem den Tipp: «Wenn ein Angebot unbegrenzt verfügbar ist und nicht nur für einen bestimmten Zeitraum für Leute mit bestimmten Qualifikationen, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es mehr auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtet ist und nicht auf jene des Projektes.»

Eine weitere Warnflagge sei, wenn ein Anbieter beim Volunteer keine Informationen einholt über seine Qualifizierung und Motivation oder ein polizeiliches Führungszeugnis, wenn ein Einsatz mit Kindern und Jugendlichen geplant ist. Optimal ist, so Christine Plüss, wenn ein Anbieter detaillierte Angaben zum Einsatzprojekt gibt und seine Ausschreibung keine unrealistischen Erwartungen schüre.

Was mache ich mit der Erfahrung, wenn ich zurück bin? Ein Voluntourismus-Einsatz hat sich erst dann wirklich gelohnt, wenn er auch nachhallt. Fragen Sie sich deshalb bereits vorher: Wie wollen Sie Ihre gemachten Erfahrungen in Ihr Alltagsleben integrieren? Bleiben Sie in Kontakt mit dem Projekt? Engagieren Sie sich vielleicht in der Schweiz dafür, sammeln Spenden oder vermitteln nützliche Kontakte?

Gibt es Alternativen zum Voluntourismus? Wer etwas Gutes tun oder Freiwilligenarbeit leisten will, muss dies nicht per se in den Ferien oder im Ausland tun. Christine Plüss will Interessierte auch dazu motivieren, sich vor der eigenen Haustür zu engagieren: «Es gibt viele tolle Beispiele von Projekten in der Schweiz, wo Freiwillige sehr willkommen sind – sei dies in den Bergen, im Asyl- oder im Sozialwesen.»

Wer aber im Ausland eine einzigartige Erfahrung machen wolle, der müsse nicht unbedingt auf Voluntourismus zurückgreifen. Es sei viel wichtiger, vor Ort offen zu sein, sich Zeit zu nehmen, mit den Einheimischen den Austausch zu pflegen, zu schauen, was die Menschen benötigen und was sie beschäftigt. Dies könne mitunter einen viel sinnvolleren Eindruck hinterlassen – für alle Beteiligten.

(Gabriella Hummel/Travelcontent)

Erstellt: 15.07.2019, 14:45 Uhr

Christine Plüss ist Geschäftsführerin von fair unterwegs – Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (akte), der das Schweizer Kompetenzzentrum in diesem Bereich ist und das informative Reiseportal fairunterwegs.org betreibt.

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