Bremer Landmusikanten

In Bremerhaven grunzen Wasserbüffel mit dem berühmten Quartett der deutschen Hansestadt um die Wette. An der Weser gibt es aber noch weit mehr zu entdecken.

Topfebenes Land: Im Naturschutzgebiet Luneplate fühlen sich auch aus Italien und Rumänien stammende Büffel wohl. Foto: Helmut Gross

Topfebenes Land: Im Naturschutzgebiet Luneplate fühlen sich auch aus Italien und Rumänien stammende Büffel wohl. Foto: Helmut Gross

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Vor dem Strandbad markieren eine rote und eine grüne Tonne die Fahrrinne in der Weser. Sie neigen sich gefährlich, auch die Fähre nach Blexen, einem Quartier der Stadt Nordenham am Ufer gegenüber, kämpft gegen die starke Strömung.

«Der Fluss trügt», sagt Olaf Ballhoff, «nicht mal ein Olympia-Schwimmer würde bei auslaufendem Wasser das andere Ufer erreichen.» Ballhoff führt das Weser-Strandbad in Bremerhaven. Die Anlage ist ein Unikum, denn das Baden bleibt hier seit 1967 untersagt. Grund war ursprünglich die mangelhafte Wasserqualität, nun verbietet die enorme Strömung, vor allem bei einsetzender Ebbe, das Eintauchen in den scheinbar trägen Fluss. Obwohl Bremerhaven 40 Kilometer von der offenen Nordsee bei Cuxhaven entfernt ist, unterliegt die Weser einem Tidenhub von 3,9 Metern.

Die Besucher des nostalgischen Strandbads begnügen sich, die Füsse zu kühlen, naschen Pommes im Restaurant Seelust oder unternehmen eine kurze Wattwanderung auf dem 200 Meter langen Strand. Die städtische Bädergesellschaft hat die kleine Dünenlandschaft auf dem Areal mit 5000 Strandastern und -nelken bepflanzt. Gerade zieht ein Frachter mit Hunderten von Autos im Bauch in Richtung Nordsee, hinter der Mole ragen die Kräne des zweitgrössten deutschen Hafens in den milchigen Himmel.

Die Luneplate ist ein 14 Quadratkilometer grosses Naturschutzgebiet.

Der Überseehafen wurde 1827 eröffnet, nachdem der Bürgermeister von Bremen dem König von Hannover das Land an der Wesermündung abgeschwatzt hatte. 1830 legte das erste Auswandererschiff ab. In den folgenden 140 Jahren starteten 25 Millionen Heimatmüde in Bremerhaven ihre Reise. Die Stadt selbst, im Zweiten Weltkrieg zerstört, gibt wenig her. Dank maritimer Note und aufregender Museen hat es Bremerhaven aber auf die touristische Hitliste in Deutschlands Norden geschafft.

Einige Kilometer weseraufwärts grasen hinter dem grossen Deich 35 kolossale Wasserbüffel. Während sich der Himmel kurz verdunkelt, weil Myriaden von Nonnengänsen aufsteigen, trotten die Büffel mit den beeindruckenden Hörnern und den gewaltigen Wampen zum Elektrozaun und beäugen neugierig die Besucher. Die Rinder, die aus Italien und Rumänien stammen, verlieren bald das Interesse und widmen sich grunzend und schwer schnaufend wieder dem saftigen Grün. «Ihre Aufgabe ist es, das Gras der Feuchtwiesen kurz zu halten», erläutert Thomas Wieland, Teamleiter Kompensation des Hafenbetreibers Bremenports. Die Büffel sind die Attraktion der Luneplate, einem 14 Quadratkilometer grossen Naturschutzgebiet, das die Betreibergesellschaft des nahen Hafens als ökologische Ausgleichsfläche unterhält.

18'000 Nonnengänse machen jedes Jahr im Sumpfland Halt

Kiebitze, Rotschenkel, Uferschnepfen, Wachteln, Feldlerchen und Wiesenpieper brüten hier. Von Herbst bis Frühling machen 18'000 Nonnengänse und andere Zugvögel in der Luneplate Station. Ein Sperrwerk im Deich reguliert den Wasserzufluss. Bei Springflut und Sturm schliessen sich die Tore zur Weser, damit sandige Flächen, Marschland und die Feuchtwiesen nicht total überflutet werden. Vor einem Aussichtsturm breitet sich topfebenes Land aus: Gräben, Kanäle, Sumpf, Busch und lichtes Gehölz. Vom anderen Weserufer grüssen gesichtslose Industrieanlagen. Am Wochenende wimmelt es im Naturschutzgebiet von Velofahrern, Wanderern und Skatern, die nicht nur die gehörnten Stars der Luneplate sehen wollen, sondern auch Ringelnattern und Rotfüchse, Strandläufer und Säbelschnäbler.

Fern vom Meer, 50 Kilometer stromaufwärts, heissen Ebbe und Flut Niedrig- und Hochwasser. Die Differenz beträgt in Bremen immer noch 3,5 Meter. Das ist dem Wasserbauspezialisten Ludwig Franzius zu verdanken, der die Weser Ende des 19. Jahrhunderts begradigen liess, vor der Versandung rettete und auch grösseren Schiffen ermöglichte, die Fracht in Bremen zu löschen. Franzius’ Denkmal versteckt sich auf der Stadtwerder, einer lang gezogenen Insel zwischen dem Hauptstrom der Weser und einem Nebenarm. Fussballfreunde horchen auf: 1899 wurde der Sport-Verein Werder Bremen auf der Insel gegründet, das Weserstadion des tapferen Bundesligisten liegt heute am anderen Ufer, die Flutlichtmasten sind von weitem zu sehen.

Die Stadtwerder bietet den 55'000 Einwohnern der arg von Finanznöten geplagten Hansestadt beste Freizeitmöglichkeiten. Das Luft-Licht-Bad, in dem sich bereits 1901 Nackedeis zwischen Schrebergärten tummelten, ist zwar ausser Betrieb, dafür gibt es hier ein Strandbad, in dem auch gebadet werden darf. Und die Mitglieder der Drachenbootabteilung des Sport-Clubs Bremen, des Segelvereins von 1913 und des Segelclubs Niedersachsen-Bremen starten ihre Ausflüge vom Stadtwerder-Basislager aus.

Wie die Exklave Bremerhaven steigt auch Bremen in der Gunst der Touristen: Vorletztes Jahr wurde erstmals die Grenze von zwei Millionen Übernachtungen geknackt. Die Gäste bestaunen etwa den Schnoor, ein verwinkeltes Altstadtquartier, mit handtuchschmalen Häusern und pittoresken Innenhöfen. Obwohl der Schnoor im Herzen der Stadt liegt, ist nur Vogelgezwitscher zu hören, durchbrochen vom Tuten eines kleinen Frachters, der eine Ladung Koks stromaufwärts trägt.

Das Miauen der Katze ­entschädigt für die Spende

Die meisten Besucher drängen sich am Rathaus, das Bremen in die ­Liste der Unesco-Welterbestätten brachte – und um das berühmteste Quartett im deutschen Sprachraum: An der Westfassade thronen die Bremer Stadtmusikanten, eine 210 Zentimeter hohe Bronzeplastik mit Esel, Hund, Katze und Gockel, geschaffen vom Künstler Gerhard Marcks. Wer sich einen Wunsch erfüllen will, umfasst die blank gescheuerten Vorderbeine des Esels, schliesst für einen Moment die Augen, lässt los und zieht von dannen.

Grosse Kulisse: Dank des Rathauses steht Bremen auf der Liste der Unesco-Weltkulturerbestätten. Foto: Getty Images

Vielleicht hilft es auch, eine Münze ins Bremer Loch zu stecken – in einen im Altmarkt eingelassenen Eisendeckel. Aus der Tiefe bedanken sich die Bremer Stadtmusikanten für die Spende, die Hilfsorganisationen zugutekommt, wobei das Miauen der Katze das Herz am stärksten rührt.

Wer immer noch unsicher ist, ob sein Wunsch in Erfüllung geht, versammelt sich zur vollen Stunde hoffnungsfroh vor dem Glockenspiel in der Böttcher-Strasse: 24 Glocken aus Meissner Porzellan lassen dort ein leicht schepperndes Medley erklingen. Die Melodien reichen von «Wenn ich ein Vöglein wär» bis zu «Auf Matrosen, die Anker gelichtet».

Die Reise wurde unterstützt von Erlebnis Bremerhaven und der Bremer Touristik-Zentrale und www.germany.travel

Erstellt: 18.05.2019, 17:15 Uhr

Feinschmecker werden im Fischereihafen fündig


Anreise: Mit ICE via Basel, Hannover nach Bremen, Regionalbahn nach Bremerhaven. www.bahn.de. Tägliche Swiss-Flüge von Zürich nach Bremen, www.swiss.com

Arrangement: Veloreise «Hanse-Rundtour» (Bremen, Bremerhaven, Buxtehude), 8 Tage ab 765 Fr.p.P.; www.baumeler.ch

Unterkunft: Atlantic Hotel Sail City, Bremerhaven, DZ ab 99 Euro, www.atlantic-hotels.de; Swissôtel Bremen, DZ 125 Euro, www.swissotel.com

Essen: Natusch, Bremerhaven, frischer Fisch und dezent maritime Note, www.natusch.de; Markthalle Acht, Bremen, internationale Küche und unkomplizierte Ambiance, www.markthalleacht.de

Allg. Infos: www.bremerhaven-tourism.de; www.bremen-tourismus.de

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