Der etwas andere Weg nach Venedig

Mit dem Boot von Locarno in die Stadt der Dogen: Vorbei an Schilfgürteln und Städten weitab des Massentourismus.

Gemächlich durch Norditalien: Tagsüber fährt die Gruppe mit dem Boot auf dem Po.

Gemächlich durch Norditalien: Tagsüber fährt die Gruppe mit dem Boot auf dem Po.

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Auch in dieser Stadt, in der alle auf dem Velo unterwegs zu sein scheinen, fällt der ältere Herr auf: Er führt vierbeinige Passagiere mit – zwei Hündchen gucken aus einem Korb vor der Lenkstange seines Zweirads. «In Ferrara fahren alle mit dem Velo», sagt Elisabetta Gulino auf Schweizerdeutsch. Sie ist hier aufgewachsen, ihre Schweizer Eltern waren nach Ferrara ausgewandert. Jetzt führt Gulino eine Gruppe Touristen durch die norditalienische Stadt – natürlich per Drahtesel.

Die Besucher sind weder mit der Bahn noch im Auto angereist, sondern auf dem Wasserweg, und sie haben eine ungewöhnliche Route hinter sich. Von Locarno aus fuhren sie mit unterschiedlichen Booten über den Lago Maggiore, weiter auf dem Ticino bis zum ehemaligen Fischerdorf Sesto Calende und auf dem 2015 renovierten Kanal Naviglio Grande zum historischen Hafen Darsena in Mailand.

Für die nächste Etappe stiegen die Teilnehmenden aufs Velo um. In Pavia erwartete sie Kapitän Pine auf dem zwölf Meter langen Katamaran Anguilla, der einer Reisegruppe von maximal 15 Leuten bequem Platz bietet. Das Boot mit den beiden Rümpfen meistert die gesamte Po-Reise bis zur Lagune von Venedig. Touristen erleben die Po-Ebene so aus neuer Perspektive und in gemächlichem Tempo.

Die Fahrt an Bord des Katamarans erlaubt, die Eindrücke, die während der Aufenthalte an Land gewonnen werden, nachhaltig zu verarbeiten. In zehn Tagen werden 650 Kilometer zurückgelegt, die Reisegruppe übernachtet an Land und erlebt Städte, die sonst links liegen gelassen würden.

Am Abend übernachtet man etwa in Chioggia oder in Ferrara (Bild). Foto: iStock

Zum Beispiel die quirlige Velostadt Ferrara, deren Zentrum zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Sie vereint die besten Eigenschaften italienischer Städte: Lebensfreude, schöne Märkte, kulinarische Genüsse. Viele der im 14. Jahrhundert erbauten Häuser und Paläste sind gut erhalten und beherbergen heute öffentliche Institutionen: Spitäler, Polizeiposten, Gerichte, Unifakultäten und Museen.

In Ferrara verkehren mehr als doppelt so viele Fahrräder, wie die Stadt Einwohner zählt. Touristen können in den meisten Hotels, an Bahnhöfen und an öffentlichen Plätzen Zweiräder mieten. In der fast autofreien Innenstadt sind sogar die Polizisten auf dem Velo unterwegs.

Eine Landschaft, die wenig abwechslungsreich ist

Die Räder bestimmen das Stadtbild, stehen vor den Häusern und in den Parks, dienen als Sitzgelegenheit oder Transportmittel für den Wocheneinkauf. Ferraras flache Topografie eignet sich perfekt fürs Velofahren. Die neun Kilometer lange Rundtour auf dem mittelalterlichen Stadtwall bietet Aussicht aufs Umland, Parks und imposante Gebäude. Ein Prunkbau ist der Palazzo dei Diamanti mit seiner Fassade bestehend aus 1000 Prismen aus rosa und weissem Marmor.

Ferrara überrascht auch mit kulinarischen Besonderheiten, etwa dem Pampepato. Der Kuchen enthält weder Ei noch Butter, dafür Mandeln, Kakaopulver, Zucker und Gewürze. Die Stadt liegt nur noch 80 Kilometer von der Pomündung entfernt, mit dem Katamaran eine Tagesetappe.

Reiseveranstalter Claudio Rossetti träumte schon als Knabe davon, mit einem Floss von Locarno nach Venedig zu fahren. «Aber erst 2007, als ich die Strecke im Fischerboot zurücklegte, entstand das Projekt zur Reise mit dem Katamaran», so der 56-jährige Tessiner, dessen Begeisterung für die norditalienischen Wasserwege und Strömungen ungebrochen bleibt.

Die Passagiere lassen sich auf Rossettis 20. Katamaranreise vom gleichmässigen Ton des Motors und vom sanften Schaukeln des Schiffes einlullen. Schleusen unterbrechen die Reise. Die Landschaft der Po-Ebene ist wenig abwechslungsreich. Manchmal grüssen Dächer aus der Ferne, am Ufer warten Fischer auf den grossen Fang. Alte Mühlen stehen im Wasser. Längst haben sie aufgehört, Getreide zu mahlen. Nach sechs Stunden erreicht der Katamaran Anguilla die Pomündung. Hier ist die Uferlandschaft kaum bewohnt, Vögel steigen aus dem mächtigen Schilfgürtel, der sich über Kilometer hinweg zieht.

Letzte Zwischenstation vor der Einfahrt in die Lagune von Venedig ist Chioggia. Der Katamaran legt vor dem Hotel Grande Italia an. Farbige Fischerboote reihen sich entlang der Promenade. Es ist Abend, der Himmel rosarot gefärbt. Das Städtchen Chioggia liefert dank Kanälen und Palästen einen Vorgeschmack auf Venedig. Nur, dass hier das Leben gemächlicher scheint. Fischer flicken die Netze am kleineren Bruder des Canal Grande, der von malerischen gewölbten Brücken überspannt wird. Touristenschwärme wie in der grossen Nachbarstadt fehlen. Die 50'000 Einwohner Chioggias bleiben weitgehend unter sich.

Venedigs kleiner Bruder muss sich nicht verstecken

Prächtige Bauten wie die stolze Kathedrale mit dem 60 Meter hohen Turm zeugen vom einstigen Reichtum: Chioggia war früher die Salz-Hauptstadt Europas. Aus diesem Grund konnte sie sich ein technisches Wunderwerk leisten: eine der ältesten europäischen Turmuhren aus dem Jahr 1386. Doch dann geriet die Stadt zwischen die Fronten der Grossmächte Venedig und Genua. Der Niedergang war unausweichlich.

Die Reise mit dem Katamaran endet kurz vor Venedig. Zeit, um auf die offiziellen Wassertaxis umzusteigen. Schön ist die Aussicht vom Wasser aus auf die berühmte Rialtobrücke, neben Markusplatz, Dogenpalast oder dem Teatro La Fenice die grösste Sehenswürdigkeit Venedigs. Wer die Lagunenstadt zu Fuss erkundet, realisiert bald, dass die Geschäftswelt vor allem aus Souvenirläden besteht.

Venedig – man wünscht sich in die zuvor besichtigten Städte zurück. Foto: Getty Images

Bekanntlich leben nur noch wenige Einheimische im Stadtzentrum. «Uns bringt die Touristenmasse viele Probleme», sagt eine Ladeninhaberin, die handgemachte venezianische Masken verkauft. Einheimische könnten sich die Wohnungen nicht mehr leisten. Sie seien gezwungen, aufs Festland zu ziehen, sagt die Shopinhaberin.

Die Krux: Gleichzeitig ist Venedig auf den Tourismus angewiesen. «Doch vieles läuft falsch hier. Nur wenige profitieren vom Tourismus», sagt die Geschäftsinhaberin. Profiteure des Massentourismus seien etwa die Gondolieri, also die Kapitäne der typischen Schiffchen, die mit einem Jahreseinkommen von 250'000 Franken rechnen könnten.

Menschenmassen schieben sich über den Markusplatz. Sie werden von der einmaligen Kulisse und der Romantik des Unesco-Weltkulturerbes angezogen. Einige wünschen sich in die zuvor besichtigten Städte zurück, die keinen Overtourism kennen. Nach Ferrara zum Velofahrer mit den beiden Hündchen oder zu den Fischerbooten von Chioggia.

Die Reise wurde unterstützt von Viaggi Rossetti.



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Erstellt: 13.07.2019, 16:10 Uhr

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