Dicke Mauern, dünne Fäden

Die Festung und das Marionettentheater sind Salzburger Wahrzeichen – und auf unterschiedliche Weise sturmerprobt.

Kleine Puppen, grosser Aufwand: Barbara Heuberger und ein Team von zwölf Leuten betreuen das traditionelle Salzburger Marionettentheater. Foto: PD

Kleine Puppen, grosser Aufwand: Barbara Heuberger und ein Team von zwölf Leuten betreuen das traditionelle Salzburger Marionettentheater. Foto: PD

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Vorsichtig fährt der Herr des Hauses mit dem Zeigfinger über Ringmauer und Basteien, übe¡ steile Dächer und trutzige Türme. Vor dreissigJahren hatte sein Schwiegervater die Festung Hohensalzburg nachgebaur, jetzr nimmt das Ka¡tonmodell in Bernhard Heils Büro einen Ehrenplatz ein. Der 52-Jährige arbeitet als Verwalter des Salzburger Wahrzeichens und wohnt mit Gemahlin Julia und dem zwöljahrigen Sohn Florian in einer Wohnung auf der Festung. «Sie ist mit über einer Millionen Besuchern pro Jahr Österreichs zweitwichtigste Sehenswürdigkeit», sagt Heil stolz.

Der gelernte Haustechnik-Ingenieur mit Geschichtsstudium sorgt zusammen mit zehn Festangestellten ftir den reibungslosen Betrieb auf dem Felsen über der barocken Altstadt. Trotz bis zu 7000 Besuchern am Tag ereignen sich kaum Dramen – abgesehen von ein paar Kreislaufschwächen übermüdeter Asiaten. Und einmal riss ein Sturm morgens um elf Uhr die Dächer von den Gebäuden, doch wie durch ein Wunder gab es keine Verletzten. «Auch die Meteorologen waren überrascht von der Wucht des Orkans, sagt Bernhard Heil. «Als die Festungsbahn den Betrieb wieder aufnahm, evakuierten wir die Besucher in Gruppen.

Für solche Fälle unterzieht sich Heils Crew regelmässig Notfallübungen. Bei Feuer oder einem schweren Unfall müssten wir uns bis zu zwanzig Minuten selber helfen, sagt der Festungsverwalter. «Feuerwehr und Rettungsdienst können nur mit Spezialfahrzeugen anrücken.» Man frihle sich auf der Festung wie «mitten in der Stadt», so Heil. «Abends aber wird es ruhig. Man muss dieses einsame Leben aushalten können.» Er hält es aus, seit 14 Jahren.

Den feinen Herren war das Domizil zu unbequem

Die Trutzburg war das Hauptschloss der Salzburger Fürstbischöfe. Abgesehen von einer Belagerung wütender Bauern und Bergleute im 16. Jahrhundert brauchte die strategisch perfekt positionierte Festung keine Bewährungsproben zu erdulden. Den feinen Herren, die geistliche und weltliche Macht vereinten, war das von Wind umtoste Domizil zu unbequem. Sie genossen lieber die Vorzüge der Residenz in der Stadt.

Ein weiteres Besuchermagnet ist das kriegshistorisch interessante Rainer-Museum, dem K&K-Regiment gewidmet, das von 1820 bis 191 7 auf der Festung stationiert war. Und als wohltuender Kontrast zu Waffen und Wehrtürmen kommt die «Welt der Marionetten» daher. Die Chefin des Salzburger Marionettentheaters sizt unten in der Stadt in einem Restaurant und sagt: «Wir sind dankbar für die Möglichkeit, uns auf der Festung zu präsentieren.»

Barbara Heuberger, promovierte Biologin, erbte das Marionettentheater überraschend vom letzten Spross der Gründerfamilie. Nun ist sie Geschäftsführerin und Eignerin in Personalunion und verschreibt sich der Rettung dieser mehr als hundertjährigen Salzburger Institution. «Das Marionettentheater ist ein Nischengeschäft», sagt Heuberger. «Wir könnten etwas mehr Publikum gut gebrauchen.» Die Puppen sind zwar nu¡ 48 Zentimeter klein, aber der Aufwand ist gross. «Wenn wir auf Tournee gehen, zum Beispiel nach Israel oder China, müssen wir mehr als drei Tonnen Material verschiffen», erzählt die 65-Jährige.

«Um zu überleben, müssen wir die Masse ins Theater holen.»Barbara Heuberger, Chefin des Marionettentheaters

Ihr Team besteht aus zwölf Leuten, die fast alle eine Doppelrolle spielen – sie lassen nicht nur flink den hölzernen Papageno oder das Rumpelstilzchen an den Fäden tanzen, sie nähen auch Kostüme, fertigen Bühnenbilder oder schnitzen Puppen. «Es fliesstviel Herzblut», lobt die Chefin. Das Repertoire bleibt eine Gratwanderung. «Wir würden gerne sehr anspruchsvolle Stilcke spielen. Aber um zu überleben, müssen wir die Masse ins Theater holen», räumt Barbara Heuberger ein. Am besten laufen «Zauberflöte» und «Sound of Music». Das Repertoire besteht aus zehn Stücken, inklusive Märchen. «Das Puppenspiel spricht Erwachsene ebenso an wie Kinder», glaubt Heuberger. «lch habe schon viele Leute tiefberührt und mit Tränen in den Augen aus den Vorstellungen laufen sehen.»

In den nächsten Jahren will die Eignerin eine breit abgestützte Nachfolgelösung für das Marionettentheater finden. «Es gehört zu Salzburg», sagt Barbara Heuberger, «wie die Mozartkugeln und die Festspiele.»


Festung Hohensalzburg: www.salzburg-burgen.at; Marionettentheater, Schwarzstr. 24: www.marionetten.at; www.salzburg.info (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.03.2017, 11:07 Uhr

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