Die Inselwelt vor der Skyline

In Toronto liegen nur ein paar Fährminuten zwischen Grossstadt-Trubel und entspanntem Strandleben.

1,2 Millionen Besucher jährlich: Die Toronto-Inseln. Foto: Alamy Stock

1,2 Millionen Besucher jährlich: Die Toronto-Inseln. Foto: Alamy Stock

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«Unfassbar, wie sich alles veränderte», sagt Veloguide Genny und zeigt auf das gegenüberliegende Ufer. Sie meint die Skyline vonToronto: Hochhäuser, die in den Himmel wachsen, den Canadian National Tower, der alles überragt, dazu die Sportarena Rogers Centre mit dem zurückfahrbaren, kuppelförmigen Dach. Ein spektakulärer Anblick, der in der Tat maximal 50 Jahre alt ist.

Wir befinden uns auf den Toronto-Inseln. Und auch die sind relativ jung. 1858 trennten ein schwerer Sturm und die aufgepeitschten Flutwellen des Don River eine Halbinsel vom Festland. Heute bilden mehr als ein Dutzend Inseln wie Centre oder Wards, die aus der Halbinsel entstanden, ein ideales Naherholungsgebiet im Ontariosee.

Gerade während der Sommermonate entfliehen die Bewohner von Toronto der Hitze der Stadt und geniessen den Strand vor der Haustür. Fähren bringen jährlich 1,2 Millionen Besucher samt Velo im Halbstundentakt übers Wasser. Autos bleiben hier verboten. Kleine Wege, Brücken und Promenaden verbinden die Inseln, die durch Landgewinnung vergrössert wurden. Die vielen hellen Sandstrände wie Center Island Beach oder Gibraltar Point Beach liegen alle nah beieinander.

Historische Karussells und ein Bauernhof mit Streichelzoo

Veloguides wie Genny, gross, schlank, sportlich, zeigen den Touristen, was die Toronto-Inseln zu bieten haben. Da ist zum einen der historische Vergnügungspark Centreville auf Center Island, der Familien mit Kindereisenbahn, 30 Fahrgeschäften, historischen Karussells sowie einem kleinen Bauernhof samt Streichelzoo und Restaurants beglückt. «Aber die meisten kommen, um sich am Strand zu sonnen und zu baden», sagt Genny. Der Grill wird angefeuert und der Picknickkorb geleert. Beliebt sind auch Kanu- oder Stand-up-Paddling-Touren auf dem Wasser zwischen den Inseln.

Die meisten der knapp 300 Häuser entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem auf Ward’s oder Algonquin Island. Zauberhafte kleine Anwesen, oft aus Holz, mit Terrassen zum Wasser hin. «Viele Leute, die hier wohnen, sind Künstler oder Senioren, die schon immer familiär mit den Inseln verbunden waren», weiss Genny.

«Im Winter kommen die Leute zum Schlittschuhlaufen rüber»: Veloguide Genny. Foto: Brigitte Jurczyk

Früher lebten hier 8000 Menschen, heute sind es noch 700. Die Anwesen bleiben heiss begehrt, meist werden sie an die Nachkommen vererbt. Es braucht Geduld, sich auf der Warteliste der Anwärter ganz nach oben zu arbeiten. «Das dauert manchmal 30 Jahre», verrät die Führerin. Erstaunlicherweise kosten die Häuser trotz Lage am Wasser weniger als in Toronto selbst.

Als die Verwaltung von Kanadas grösster Stadt die Sommerhausbesitzer enteignen und die Inseln in eine reine Parklandschaft verwandeln wollte, war die Aufregung gross. Die Insulaner wehrten sich 30 Jahre lang. 1993 gab die Stadtverwaltung nach, und die Hausbesitzer erhielten ein Pachtrecht auf 99 Jahre.

Immer wieder gibt es kleine Stopps auf der Velotour über die Inseln: beim altehrwürdigen Royal Canadian Yacht Club, an dessen Anlegern kleine und grössere Jachten im Wind schaukeln. Beim Frisbee Golf Course auf Ward Island oder bei den Sanddünen von Gibraltar Point Beach, die sich ständig verändern. «Im Winter kommen die Leute zum Schlittschuhlaufen rüber», erzählt Genny. «Dann frieren die Lagunenseen zwischen den Inseln zu, und es pfeift ein eisiger Wind.» Man kann sich im Winter nur mit selbst mitgebrachten, heissen Getränken aufwärmen, denn die Restaurants sind geschlossen.

Noch heute spukt der Geist des Leuchtturmwächters

Gänsehaut bekommt man auch beim letzten Stopp: beim Gibraltar Point Lighthouse. Der Leuchtturm, der mit 25 Meter Höhe eher klein und unscheinbar wirkt, ist eines der ältesten Gebäude Torontos. Er wurde 1808 gebaut und ist der älteste an den Grossen Seen. Zudem Schauplatz einer gruseligen Geschichte, die jedes Kind in Toronto kennt.

Während der Schlacht um York, so der frühere Name Torontos, belagerten amerikanische Schiffe die Stadt. Dabei sollen zwei Soldaten den Leuchtturmwächter, einen gewissen J.P. Rademuller, ermordet haben. Grund war sein hausgebrautes Bier, auf das beide scharf waren. Der Leuchtturmwächter verschwand am 2. Januar 1815 unter nie geklärten Umständen. Man vermutete, dass die Mörder die Leiche zerstückelten und an verschiedenen Stellen rund um den Turm vergruben. Noch heute soll der Geist Rademullers hier spuken. Eine Tafel an der Leuchtturmmauer erinnert an den mysteriösen Fall.


Die Reise wurde unterstützt von Destination Canada.

Erstellt: 03.02.2020, 12:25 Uhr

Die Veloinseln

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