Die Ponys von Chincoteague machen sogar den Sheriff schwach

Die Pony Penning Week an der Ostküste Amerikas lässt die Herzen der Pferdeliebhaber höherschlagen.

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Lange vor Sonnenaufgang schiebt sich die Autokarawane durch den Nationalpark Richtung Strand. Ein blinkender Leuchtturm weist den Weg. Um 5 Uhr ist der riesige Parkplatz besetzt – unser Mietauto verschwindet zwischen mächtigen Pick-up-Trucks.

Tausende sind in aller Früh aufgestanden, um die wilden Ponys zu sehen, wenn sie von den Saltwater Cowboys dem Meer entlang über die Dünen zu den Gattern geführt werden. Familien, ausgerüstet mit Klappstühlen und Kühl­boxen, schlurfen zur Beach. Unaufgeregt sichern sie sich ihren Spot und installieren sich im Sand. In den nächsten zwei Stunden werden sie sich nicht mehr rühren – schon knistern Chipstüten, zischen die Getränkebüchsen.

Mädchenträume werden wahr: Es ist Pony Penning Week auf Chincoteague Island. Jedes Jahr im Juli dreht sich auf der kleinen Insel vor der Küste des US-Bundesstaates Virginia alles um die Chincoteague-Ponys. In diesen Tagen werden die frei lebenden Tiere auf der unbewohnten Düneninsel Assateague zusammengetrieben, tierärztlich untersucht und geimpft. Höhepunkt ist der Pony Swim, wenn die Herde über den Kanal schwimmt, der Assateague von Chincoteague trennt. Tags darauf werden einige der Fohlen versteigert, um die Herde auszudünnen und die 400 Jahre alte Rasse zu erhalten.

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«Pony Swim 2019» haben Kinder in den Sand gezeichnet, der Himmel zeigt eine Palette schönster Pastelltöne. In der Ferne ziehen Delfine vorbei. Zu unseren Füssen taucht ein winziges Krebslein auf und treibt erwachsene Frauen in die Flucht. «Oh my God!» Viele der Besucherinnen und Besucher sind aus den Appalachen angereist, den dichten Wäldern und einsamen Landschaften im Westen Virginias. Meerestiere sind ihnen fremd – jedenfalls unfrittierte.

Linda und Beth tragen gelbe Leuchtwesten und Stirnlampen, sie müssen darauf achten, dass die Zuschauer hinter der Seilabschrankung bleiben. Die freiwilligen Helferinnen gönnen sich einen Kaffee aus der Thermosflasche und unterhalten sich über die besten «crab cakes in town». Die älteren Ladys sind sich einig: Der bevorstehende Pony Beach Walk sei der absolut schönste Event der Woche: Pferdemütter und ihre Fohlen («we love the babys»), Seite an Seite dem Strand entlang – «it’s so touching», sagt Linda. Bald jedoch würden sie getrennt – «it breaks my heart».

Jedes Kind in den USA kennt das Chincoteague-Pony. Marguerite Henrys preisgekröntes Kinderbuch «Misty of Chincoteague» aus dem Jahr 1947 erzählt die Geschichte vom Fohlen Misty. Sowohl das Buch als auch der Kinofilm aus dem Jahr 1961 haben Chinco­teague Island, ihre geschützte Natur und Tierwelt berühmt gemacht. Das Chincoteague-Pony ist genügsam und zäh, es ernährt sich von salzigem Dünen- oder Sumpfgras, trinkt deshalb doppelt so viel wie ein normales Pferd. Die Rasse gilt als intelligent und sanft, besonders kindertauglich – wenn die Tiere erst einmal zahm sind.

Die Cowboys löschen sonst Feuer

Ein heisser Tag wurde angekündigt, noch sind die Temperaturen angenehm. Fotografen und Kamerateams gehen in Stellung, eine Drohne kreist. «Oh my God, here they come!», ruft eine ältere Frau. 6.15 Uhr, die Sonne steht am Himmel. Im Schritttempo dicht bei­einander nähert sich die Herde – voraus fährt ein wild blinkendes Quad der Polizei. «Hey, hey, hey», Männer hoch zu Ross treiben die Tiere an. Das sind sie also, die Helden, die «world famous Saltwater Cowboys».

Die meisten Cowboys tragen ein Cap statt Hut, Turnschuhe statt Boots – und haben ein paar Kilos zu viel um die Hüften.

Tatsächlich sind es nur Teilzeit-Cowboys, und ihr Heldenstatus bezieht sich auf ihre Freiwilligenarbeit: Es sind die Firefighter der örtlichen Feuerwehr. Die Chincoteague Volunteer Fire Company kümmert sich um die Herde. Die Pony Penning Week spült ihr eine Million Dollar in die Kasse und erspart so der einheimischen Bevölkerung die Feuerwehrsteuer. Nicht, dass die Firefighter besonders viel Arbeit hätten: 50 Firecalls pro Jahr, überwiegend Fehlalarme, sechs Brände. Aber ein einziger dieser glänzend-roten Firetrucks kostet eine halbe Million Bucks, dank den etwa 150 Ponys ist man bestens ausgerüstet.

Action! Ein Junghengst büxt aus! Drei, vier, fünf, sechs Cowboys preschen hinterher, bringen ihn zurück. «Good job!», applaudiert das Publikum. Die Feuerwehrmänner lassen sich feiern, winken ins Publikum. Eine Hand cool auf den Oberschenkel gestützt, die meisten Saltwater Cowboys tragen ein Cap statt Hut, Turnschuhe statt Boots – und haben ein paar Kilos zu viel um die Hüften. Der älteste Cowboy, Jack, ist 87 Jahre alt, seit 40 Jahren dabei – «never missed one».

An ihr führt kein Weg vorbei

Zuvorderst reitet Denise, 50, das einzige Saltwater Cowgirl. Das Pferd hat sie ausgeliehen, sie sei keine geübte Reiterin. Dass sie den Tross anführe, habe allein ihr Pferd so entschieden. Aber ohne Denise Bowden, deren Familie seit fünf Generationen auf Chincoteague lebt, wäre die Pony Penning Week nicht, was sie heute ist. Vor zehn Jahren kamen kaum Zuschauer, für die 94. Austragung reisten 50'000 Pferdefans aus ganz Amerika an.

Denise ist eine toughe, etwas burschikose Frau, die Feuerwehr ist ihr Ein und Alles. Seit 30 Jahren ist sie aktiv dabei, als erste Frau überhaupt. «Oh yes», sie habe sich beweisen müssen. Heute ist Denise jedermanns Darling – hier ein «Hug», dort ein «High Five». Ob Firefighter, Polizist oder Sheriff, jeder respektiert Denise. «I love these guys», sagt sie selber. Sie liebt die Feuerwehr, und sie liebt die Chincoteague Ponys – deshalb hat sich Denise einen Pferdekopf auf die Wade tätowieren lassen, ein Pferdekopf mit Feuerwehrhelm.

Um sieben Uhr ist der Pony Beach Walk vorbei, sofort packt die Menge Klappstühle, Kühlbox und Decken zusammen, eilt in die klimatisierten Pick-up-Trucks. ­Etwas verloren steht ein älterer Mann mit riesiger US-Flagge auf einer Düne. Jeff sagt, er sei stolzer Bürger, Patriot durch und durch. Ein Mann mit roter Trump-Mütze («Keep America Great») bedankt sich bei Jeff – «wir schätzen sehr, was Sie hier tun» – und umarmt den Fahnenträger.

Ferienziel für Naturlieb­haber

Chincoteague Island (elf Kilometer lang, zweieinhalb Kilometer breit), eine Brücke verbindet sie mit dem Festland, gilt als eine der schönsten Inseln entlang Virginias Küste. Ursprünglich ein Fischerort, bekannt für die Austernbänke, heute ein Ferienziel für Naturlieb­haber. Das dazu gehörende Assateague-Reservat, der Lebensraum der Ponys, bietet Velowege, Hikingtrails, kilometerlange Sandstrände. Der Eintritt kostet mit dem Auto 20 Dollar, mit dem Velo nichts – die Eingänger mit Rücktritt können überall gemietet werden.

Mückenspray sowie Getränke und Verpflegung gehören in den Rucksack. Denn im Naturschutzgebiet gibts, aussergewöhnlich für die USA, weder Snacks noch Drinks zu kaufen. Sumpfig ist das Land, feucht-heiss die Temperaturen. «Don’t worry», beruhigt man uns, «no gators, no snakes.» Nichts Giftiges, nichts Angriffiges – ausser Moskitos. Wirklich gefährlich scheinen hier nur die Ponys zu sein. Im Visitors Center warnen Fotos von Biss- und Trittwunden (blaue Flecken in Hufform) vor den herzigen, aber wilden Tieren.

Downtown Chincoteague besteht aus hübschen Häuschen mit Veranden, manche Vorgärten sind mit Austernschalen statt Kies ausgelegt. Die Fassade des Kinos ziert ein sich aufbäumendes Pferdchen, «Misty» läuft in der Nachmittagsvorstellung. Viele Surfshops und Seafood-Restaurants; man isst früh hier, um 21 Uhr schliessen die Lokale. Zum Glück bleiben die Amis nicht lange sitzen, so wartet man kaum länger als eine halbe Stunde auf einen freien Tisch. «Finger-licking good» schmeckt das Seafood im Don’s. Frischer können Austern nicht sein. Günstiger ebenfalls nicht. Jedes Jahr im Mai feiert Chincoteague das Seafood-, im Oktober das Austern-Festival.

«Oh, the babys, look at the babys!», schreien die Frauen entzückt.

The big day! Pony Swim! Einen Tag lang konnte sich die Herde erholen, acht Tierärzte habe die Pferde untersucht, nur die fitten werden den Kanal überqueren. Wieder sind Tausende Amerikaner in aller Früh unterwegs, besammeln sich am sumpfigen Ufer von Chincoteague, wo die Herde an Land kommen wird. Alte Kleider, ein Duschvorhang als Sitzunterlage wurden empfohlen: «You will get muddy.»

Die Ponys schwimmen bei «slack tide», wenn die Strömung am schwächsten ist. Die Sicherheit der Tiere stehe über allem, sagt Denise, die heute als Speakerin im Einsatz ist. Noch nie in den bald 100 Jahren habe man ein Tier verloren – Stürze vom Pferd sind häufig, nicht jeder dieser Cowboys ist sattelfest. Countrymusik tönt aus den Lautsprechern, aber auch «Take my horse to the hotel room» von Rapper Lil Nas X, der aktuelle Lieblingssong von Denise. «Applaus für die Saltwater Cowboys!», ruft sie. Fürs Fire Department, fürs Police Department – selbst für die «guys from Switzerland».

Roter Rauch steigt auf – das Startsignal. In der Ferne begibt sich die Herde ins Wasser, schwimmt scheinbar mühelos, die Fohlen dicht bei den Müttern. «Oh, the babys, look at the babys!», schreien die Frauen entzückt. Denise wischt sich eine Träne unter der Spiegelbrille weg – der Pony Swim habe den gleichen Effekt wie die amerikanische Nationalhymne, wurden wir vorgewarnt.

Video: Tierische Kanalüberquerung

Die Ponies landen schwimmend auf Chincoteague Island. Video: Chris Winteler

Es ist auch für uns ein bewegendes Bild. Die Herde erreicht das Land – und macht sich sofort über das ungewohnt grüne Gras her. Die Tiere wirken unaufgeregt, gar nicht scheu. Und schlau sind sie: Inzwischen wissen sie, dass es über dem Kanal saftiges Futter gibt, manche Ponys würden schon vor dem offiziellen Termin rüberschwimmen, sagt der Sheriff – «we’ll bring them back». Ein Fohlen irrt herum, wiehert erbärmlich: «He is looking for his mama», sagt der Sheriff mit gerührter Stimme. Denise’ Fazit des Pony Swim 2019: «Pretty perfect», und in einer Rekordzeit von 3:45 Minuten.

Es folgt die Parade ins Ortszentrum: Der Sheriff mit Blaulicht voraus, direkt dahinter Denise am Steuer des feuerroten Pick-ups mit dem Medientross auf der Ladefläche. Schliesslich die Cowboys und Ponys. Frauen, Männer, Kinder säumen die Strasse, jubeln dem Tross zu. Denise fährt im Schritttempo, Ellbogen aus dem Fenster, sie geniesst das Heimspiel, ihren Homerun. «We love Saltwater Cowboys» steht auf einem Leintuch geschrieben.

Die Parade endet auf dem Carnival-Gelände, wo die ganze Woche Chilbibetrieb herrscht. Die erschöpften Ponys werden mit Heu gefüttert. Die Cowboys laden ihre stolzen Frauen und Kinder mit aufs Pferd. Die Ponyfans und Pferdezüchter von nah und fern begutachten die Tiere. Mary und Mark aus Pennsylvania haben zwar schon 14 Pferde zu Hause, doch sie würden wohl auch dieses Jahr nicht widerstehen können.

«We call them horses»

Bob aus Ohio, bald 90, trägt Jeans und Cowboyhut, reist seit 30 Jahren jeden Sommer nach Chincoteague, weil er sich die Pferde einfach gern ansehe, «we call them horses», stellt er klar. Jede Gruppe habe ihren Hengst, Bob zeigt auf einen Braunen mit heller Mähne, er gleiche seinem Vater aufs Haar. Surfer Dude war sein Name, weil er das Wasser so liebte.

Denise braucht jetzt etwas zwischen die Zähne. Es riecht nach Frittiertem – frittierte Austern, Fried Chicken, frittierte Crab Cakes, dazu «Pony Fries». Die Vergnügungsbahnen sind einfach, ein kleines Riesenrad, drei Affen, die sich um die eigene Achse drehen, und natürlich eine Reitschule. Die Kinder scheinen nicht verwöhnt, Caramel-Popcorn oder Zuckerwatte sind ein besonderer Genuss. Die Erwachsenen spielen Bingo oder klammern sich so lang wie möglich am künstlichen Bullen fest.

Auch dieses Jahr darf die freiwillige Feuerwehr von Chinco­teague einen Rekord vermelden! 57 Ponys für total 271'000 Dollar werden an der Auktion versteigert. Das günstigste Fohlen ging für 1400 Dollar weg, das teuerste für 17'500 Dollar. Die restliche Herde wird am nächsten Tag zurück auf ihre karge Düneninsel schwimmen. Die meisten der Ponymütter ohne ihr Fohlen an der Seite. Zurück zu den salzigen Weiden im Sumpfgebiet – aber wenigstens in die Freiheit.

Diese Reise wurde unterstützt von Capital Region USA.



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Erstellt: 30.08.2019, 16:46 Uhr

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Chincoteague Island, Virginia: Ponys und Seafood

Anreise: Direktflug von Zürich nach Washington DC, zum Beispiel mit Swiss, www.swiss.com, oder United, www.united.com. Die Fahrzeit mit dem Mietauto bis Chincoteague ­Island beträgt knapp 4 Stunden.

Unterkunft: Refuge Inn, Chinco­teague, Doppelzimmer inkl. Frühstück ab 89 Dollar, während der Pony Penning Week ab 195 Dollar, www.refugeinn.com

Restaurant: Don’s Seafood Restaurant, Chincoteague, www.donsseafood.com

Pony Penning Week: Die 95.Austragung findet vom 27. bis 30. Juli 2020 statt. www.chincoteaguechamber.com

Infos: www.capitalregionusa.de, www.virginia.org

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