Die schönsten Bahnhöfe

Im 19. Jahrhundert entstanden Monumente des Städtebaus, einige zeitgenössische Gebäude fanden den Anschluss. Eine Auswahl.

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Oft sind Bahnhöfe reine Zweckbauten. Aber im 19. Jahrhundert, als die Bahn zum Massenverkehrsmittel wurde, versuchten viele Städte, ihre Bedeutung dadurch zu unterstreichen, dass sie Bahnhöfe als städtebauliche Monumente errichteten wie einst Kathedralen und Schlösser. Auch einige zeitgenössische Gebäude bestechen durch ihre architektonische Qualität. Hier ist eine Auswahl der schönsten Bahnhöfe.

Grand Central StationNew York, USA

Foto: Magnus Manske (Wikimedia)

Das Grand Central Terminal an der Ecke 42nd Street und Park Avenue in Manhattan wurde 1913 als Kopfbahnhof eingeweiht und ist der Bahnhof mit den meisten Gleisen weltweit, nämlich 67, angelegt an 44 Perrons auf zwei Ebenen. An derselben Stelle hatten sich zwei Vorgänger befunden: das Grand Central Depot von 1871 und die Grand Central Station von 1899. Diese wurde schon zwischen 1903 und 1913 etappenweise abgerissen und durch das heutige Gebäude im Stil des Historismus ersetzt.

Das gigantische Eisenbahn-Monument mit der riesigen, reich ausgeschmückten Haupthalle wurde zu einem Wahrzeichen New Yorks. 1968 sollte der inzwischen verwahrloste Bahnhof verschwinden. Doch das Oberste Gericht verhinderte den Abbruch, und der Bahnhof erstrahlte nach umfassender Renovation in ursprünglicher Pracht.

Bahnhof KanazawaJapan

Foto: 663highland (Wikimedia)

Die Stadt Kanazawa gut 400 km westlich der japanischen Hauptstadt Tokio ist bekannt für ihre spezielle Architektur, ihre regionale Küche und für hoch entwickeltes Handwerk zum Beispiel in der Seidenproduktion, der Keramik und Malerei. Und die Stadt mit einer knappen halben Million Einwohner hat sich einen der schönsten modernen Bahnhöfe geleistet, eröffnet 2005. Er besteht aus einem überdimensionierten, hölzernen Vorbau im Stil eines traditionellen japanischen Tempels und einer riesigen Kuppel aus Glas und Stahl.

St PancrasLondon, England

Foto: LepoRello (Wikimedia)

Der Bahnhof St Pancras International im Stadtteil Camden ist einer der Hauptbahnhöfe Londons und gilt als Meisterwerk der viktorianischen Architektur. Die Haupthalle war zur Zeit ihrer Errichtung 1868 die grösste aus einem einzigen Bogen bestehende Halle der Welt. Zum Komplex gehört das St Pancras Renaissance Hotel, das frühere Midland Grand Hotel, eines der beeindruckendsten Beispiele der neugotischen Architektur. Seit 2007 ist St Pancras die Endstation des Channel Tunnel Rail Link, auf dem die Eurostar-Züge nach Paris und Brüssel verkehren.

Chhatrapati Shivaji TerminusMumbai, Indien

Foto: Anoop Ravi (Wikimedia)

Ebenfalls aus der viktorianischen Zeit stammt der Chhatrapati Shivaji Maharaj Terminus in der indischen Mega-Stadt Mumbai. Mit rund tausend Zügen und drei Millionen Passagieren pro Tag gehört er zu den geschäftigsten Bahnhöfen der Welt. Der britische Architekt Frederick William Stevens liess sich, als er 1878 den Auftrag zum Bahnhofbau im damaligen Mumbai bekam, vom Londoner Bahnhof St Pancras inspirieren. Bei seiner Fertigstellung zehn Jahre später war der Bahnhof, im Stil der viktorianischen Neu-Gotik gehalten, das grösste Gebäude in Britisch-Indien.

Ursprünglich wurde der Bahnhof nach der Königin Victoria benannt. Seit 1996 trägt er den Namen von Shivaji Maharaj (ca. 1630 bis 1680), einem Hindu-Führer («Chhatrapati») der als Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Indiens verehrt wird. 2004 wurde er von der Unesco ins Verzeichnis des Weltkulturerbes aufgenommen.

Antwerpen-CentraalBelgien

Foto: Rolf Kranz (Wikimedia)

Mehrere Bahnhöfe, der erste schon 1836, befanden sich an der Stelle des heutigen Zentralbahnhofs der belgischen Hafenstadt Antwerpen. Die imposante Anlage mit einer 186 m langen, 66 m breiten und 43 m hohen Halle wurde 1899 bis 1905 nach einem Entwurf des Ingenieurs Clement Van Bogaert gebaut. Das steinerne Empfangsgebäude im Stil des Eklektizismus stammt von Louis de la Censerie. Er liess sich vom Bahnhof Luzern (erbaut 1896; 1971 abgebrannt) und dem Pantheon in Rom inspirieren.

Wegen der gewaltigen, 75 m hohen Kuppel wird das Gebäude «Spoorwegkathedraal» («Eisenbahnkathedrale») genannt. Mitte des 20. Jahrhunderts zerfiel der Bahnhof zusehends und sollte in den 1960ern abgerissen werden. Stattdessen wurde er unter Denkmalschutz gestellt und renoviert.

Éstacion Puerta de AtochaMadrid, Spanien

Foto: Daderot (Wikimedia)

Der Bahnhof Atocha liegt im Zentrum Madrids unweit des Museums Prado. Die alte Bahnhofshalle ist für ihre dominante Dachkonstruktion aus Gusseisen und Glas bekannt, die von 1888 bis 1892 im Jugendstil vom baskischen Architekten Alberto de Palacio y Elissague erbaut wurde. Seit 1992, als daneben ein neuer Bahnhof in Betrieb genommen wurde, befindet sich unter dem riesigen Gewölbe ein üppiger tropischer Garten. Traurige Berühmtheit erlangte der Bahnhof am 11. März 2004, als er zum Schauplatz einer Attentatsserie islamistischer Terroristen wurde, denen 191 Menschen zum Opfer fielen.

Hua Hin StationThailand

Foto: Khaosaming (Wikimedia)

Der Bahnhof im Ferienort Hua Hin 200 km südlich der thailändischen Hauptstadt Bangkok gilt als schönster des ganzen Landes. Das hat er der Königsfamilie zu verdanken, die früher ihre Sommerferien in Hua Hin verbrachte. Damals gab es dorthin noch keine Strasse, und die Bahn wurde als Alternative zum Seeweg genutzt. Ein erstes kleines Bahnhofsgebäude wurde 1911 erbaut. Der heutige Bahnhof, eine reizvolle Mischung orientalischer und europäischer Stilelemente, stammt von 1926.

Estação São BentoPorto, Portugal

Foto: Steven Lek (Wikimedia)

Der Bahnhof São Bento in der Innenstadt von Porto im Norden Portugals ging 1916 in Betrieb. Er liegt auf dem Gelände des 1892 verstaatlichten Klosters Mosteiro de São Bento de Avé-Maria, von dem er den Namen erhalten hat. Den Bahnhof entwarf der Architekt José Marques da Silva. Bemerkenswert ist weniger dessen Äusseres als die Vorhalle. Sie ist ganz mit den für die Iberische Halbinsel charakteristischen Keramikkacheln ausgekleidet, auf denen der Maler Jorge Colaço Szenen aus der portugiesischen Geschichte verewigte.

Dunedin Railway StationNeuseeland

Foto: Bulach (Wikimedia)

Der Hauptbahnhof der Hafenstadt Dunedin knapp 400 km südlich der neuseeländischen Grossstadt Christchurch wird liebevoll «Lebkuchenhaus» genannt. 1871 wurde Dunedin ans Bahnnetz angeschlossen. Der heutige Bahnhof im Stil der flämischen Neurenaissance entstand auf dem Gelände von drei Vorgängern; Grundsteinlegung war 1904. Dunkler Basalt und heller Kalkstein mit Torgängen aus poliertem Granit charakterisieren den Bahnhof mit seinem 37 m hohen Turm. Gänge und der Hauptsaal sind mit 726‘000 Porzellan-Fliesen ausgelegt.

Mit der schrittweisen Stilllegung der Bahnlinien verlor der Bahnhof an Bedeutung. Die letzte Zugverbindung wurde 2002 eingestellt. Für eine Touristeneisenbahn wird das Gebäude weiterhin genutzt. Zudem sind hier die Sports Hall of Fame, eine Galerie, ein Restaurant und Büroräume untergebracht.

Gare d’OrsayParis, Frankreich

Foto: Emmaphoto (Wikimedia)

Gar keine Eisenbahn fährt mehr im Pariser Gare d’Orsay ein. Er war, entworfen vom bekannten Architekten Victor Laloux, für die Weltausstellung 1900 erbaut worden, wurde aber nur bis 1939 für den Fernverkehr Richtung Südwestfrankreich genutzt. In den 1970er-Jahren sollte der Bahnhof einem Hotelkomplex weichen. Doch der Bahnhof wurde unter Denkmalschutz gestellt, ab 1979 zu einem Museum umgebaut und 1986 als Musée d’Orsay vor allem für Kunst des 19. Jahrhunderts eingeweiht.

Im Musée d’Orsay hängen einige der bekanntesten impressionistischen Werke. Das Museum ist eine Erfolgsgeschichte: Mit fast vier Millionen Besuchern jährlich ist es nach dem Louvre und dem Centre Pompidou Frankreichs meist frequentiertes Museum.

Helsingin päärautatieasemaHelsinki, Finnland

Foto: Diego Delso (Wikimedia)

Der Hauptbahnhof von Helsinki ist der Knotenpunkt des finnischen Eisenbahnverkehrs und ein Wahrzeichen der Stadt. Schon 1860 stand hier ein Bahnhof, der aber rasch zu klein wurde. Aus dem 1904 veranstalteten Architekturwettbewerb ging Eliel Saarinen als Gewinner hervor. Er verband Elemente des Jugendstils und des Neoklassizismus. Der Bahnhof wurde 1919 eingeweiht. Die Fassade besteht aus finnischem Granit. Der Uhrturm und die überdimensionierten Statuen des Bildhauers Emil Wikström geben dem Bahnhof sein unverwechselbares Gepräge.

Hauptbahnhof BerlinDeutschland

Foto: Ansgar Koreng (Wikimedia)

Die Geschichte des Berliner Hauptbahnhofs widerspiegelt die wechselvolle Geschichte der deutschen Hauptstadt. Ursprünglich stand hier der 1868 eröffnete Lehrter Bahnhof, der mit seiner reich geschmückten Fassade etwas von einem Schloss hatte. 1882 wurde daneben zusätzlich der Lehrter Stadtbahnhof eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof schwer beschädigt und 1957/58 abgetragen. Der Stadtbahnhof wurde nach der Wiedervereinigung abgerissen, um dem neuen Hauptbahnhof Platz zu machen.

Der Hauptbahnhof präsentiert sich als modernes Reise- und Dienstleistungszentrum mit einem Bahnhofsgebäude für den Zugsverkehr auf zwei Ebenen sowie drei Verbindungs- und Geschäftsbauten mit Läden und Büros. Das vom Architekten Meinhard von Gerkan entworfene, im Mai 2006 von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnete Ensemble ist radikal modern und gibt sich trotzdem klar als Bahnhof zu erkennen.

(Artur K. Vogel/Travelcontent)

Erstellt: 31.05.2019, 11:46 Uhr

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