Ein Leuchtturm der Revolution

In der polnischen Stadt Danzig stösst der Besucher auf Zeugen einer bewegten Vergangenheit.

Danzig wurde nach der Zerstörung im 2.  Weltkrieg wieder aufgebaut: Dominikanermarkt im August. Foto: PD

Danzig wurde nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg wieder aufgebaut: Dominikanermarkt im August. Foto: PD

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«Ein Leuchtturm ist ein Symbol für mich», sagt Jacek Michalak, der früher als Kapitän zur See gefahren ist. «Ein Symbol für das Beste im Menschen.» Michalak sitzt auf einer Holzbank zu Füssen des alten Backsteinturms, der Nordostwind weht ihm das graue Haar waagerecht vom Kopf. Über ihm flattert klatschend die rote Flagge Danzigs, hier, an der Hafeneinfahrt zur Danziger Bucht. «Andere warnen, sie aus der Gefahr ­retten und ihnen die Richtung zeigen, das macht doch unsere menschliche Grösse aus.» 2001 hat er den verfallenen Leuchtturm mit dem schmiedeisernen Umlauf gekauft, ihn restauriert und später für ­Besucher geöffnet. Eigentlich lebt er in Kanada, 1966 habe er das Arbeiter- und Bauernparadies ­verlassen, erzählt er. Aber zur Sommersaison kommt er jedes Jahr nach Danzig, zu seinem Leuchtturm.

Und hier sitzt er nun, 72-jährig, statt am sanfteren Sankt-Lorenz-Strom seinen Lebensabend zu verbringen, am Rande Polens, um sich den rauen Wind der Ostsee ins Gesicht pusten zu lassen. In Kanada hatte er keinen freien Leuchtturm gefunden. Aber das war vielleicht auch gut so: Denn welcher Ort könnte besser dafür geeignet sein als Danzig? Die Stadt der friedlichen Revolution, die als erste die kommunistische Diktatur überwunden hat und deren Beispiel die anderen sozialistischen Länder folgten? Die Stadt, die ­ihnen den Weg gewiesen hat, ganz wie ein Leuchtturm.

Es waren die Werftarbeiter Danzigs, die um freie Gewerkschaften und mehr Demokratie ­gekämpft hatten, angeführt von Lech Walesa. Ihre Solidarnosc sollte den entscheidenden Anteil an der politischen Wende haben. 27 Jahre später zeigt sich das ­Europaparlament besorgt über die Demokratie in Polen und seine Rechtsstaatlichkeit. Im Mai fand in der Hauptstadt Warschau eine Demonstration gegen den autoritären Kurs der nationalkonservativen PIS statt, es war der grösste Massenprotest seit 1989. Die Danziger allerdings haben die rechtsnationale Regierungspartei nicht gewählt, die sich zur Bewahrerin des wahren Polentums stilisiert. Im Norden des Landes erringt sie nur halb so viele Stimmen wie die Partei Donald Tusks. Wieder kommt für eine autoritäre Partei Gegenwind aus der Danziger Bucht.

Musealisierte Vergangenheit

Die berühmte Werft liegt nicht weit weg von Jaceks Leuchtturm. Man fährt von hier die Tote Weichsel herunter und die Mottlau, vorbei an fleckigen grauen Werftgebäuden und an zwei Dutzend Kränen, die wie deplatzierte rostende ­Metallkraniche in einer weiten Industrielandschaft herumstehen. Arbeiter mit blauen Helmen ­laufen über ein gigantisches knallrotes Schiff, die Mimik Arctica. Kreis­sägen kreischen, Funken sprühen aus dem Bauch eines rostfarbenen Schiffsrumpfs, hinter einer Plane flackern Schweissgeräte auf wie lichtzuckende Morsezeichen. «You can buy everything at Baltona», verkünden schöne, alte Lettern. Sie wurden schon im Sozialismus an eine gelbe Wand gepinselt, für die Matrosen, die nach Danzig einfuhren. Andere Kräne, gelb-grüne, sehen aus wie eiserne Giraffen, die sich mit gespreizten Beinen zum Trinken beugen. Bojen liegen in der Sonne, grüne, gelbe und rote, wie riesige Spielzeuglutscher aus alten Zeiten. «Die Werft der Solidarnosc hat den Sprung in die freie Marktwirtschaft nicht so gut geschafft», sagt der Stadtführer Andreas Kasperski. «Die Schiffsindustrie in China, Thailand, Indien macht es billiger.» Ihre berühmte Vergangenheit ist musealisiert, das neue Europäische Solidarnosc-Zentrum mit Museum und Archiv, das dem Rohbau eines Schiffs nachempfunden ist, liegt wie ­gestrandet und vergessen in der Werft.

Andreas Kasperski stammt aus einer deutschen Familie, und aus seiner Sprache klingt ein schönes und vornehmes Deutsch vergangener Zeiten heraus. Durch die Langgasse, die in den Langen Markt übergeht, die Hauptstrasse der Innenstadt, in der sich giebelständige, schmale Häuschen aneinanderreihen, läuft er bis zu den Häusern mit den Nummern 1 bis 7. «Schauen Sie, sie alle haben unterschiedliche Farben, Giebel und Ornamente», sagt er. Dann springt er die Beischläge hoch, ein paar Treppenstufen, die die Danziger Häuser vor dem Hochwasser der Mottlau schützen sollten, und tritt durch eine Tür ins Innere. Hinter ihm tut sich ein Lichthof mit Geländern auf, im ­sozialistischen 50er-Jahre-Prunk. «Aber jetzt sieht man, was hier los ist: In Wirklichkeit sind alle sieben Häuschen ein einziges grosses ­Gebäude. Die Fassaden sind nur aufgeklebt!»

Und Danzigs deutsche Geschichte?

Die Innenstadt war im 14. Jahrhundert von Lübecker Kaufleuten gebaut und im Krieg von den Russen völlig zerstört worden. Danach bauten die Polen die Stadt wieder auf. Allerdings, um sich von den Deutschen abzugrenzen, nicht im ursprünglichen Stil – der Zeit also, als der Deutsche Orden die Schutzmacht Danzigs war. Stattdessen zierten sie sie im Stil des 17. Jahrhunderts, weil die Stadt damals unter dem Schutz der polnischen Könige stand. Ganz wenige Häuser rekonstruierte man original­getreu. Den Rest, rund 1200 Fassaden, haben die polnischen Handwerker völlig frei erfunden.

Andreas Kasperski kämpft heute selbst gegen eine Fassade. Gegen diejenige, die lange vor die deutsche Geschichte Danzigs geklebt war. Er hält Vorträge über die ­Geschichte und das Schicksal der alten Bewohner Danzigs gegen Kriegsende, erzählt von der Vertreibung. «Damit man jetzt weiss, wie es wirklich war», sagt er. Die Stadt geht heute offener mit ihrer deutschen Geschichte um. Deutsche Inschriften etwa werden ­versiegelt, erhalten und aufgefrischt. «An einem Bahnhof hat man den preussischen Adler rekonstruiert und den polnischen Nachkriegsadler entfernt», sagt ­Kasperski. «Wir haben festgestellt: Das Verlogene, Entwurzelte, das uns im Sozialismus vorgegaukelt wurde, bringt es nicht. Man kann die Geschichte nur fortführen, ohne die Vergangenheit zu leugnen. Und unsere in Danzig ist auch eine deutsche.»

Nur Interesse für Geld und Farb-TV

Nach dem Krieg wurde die deutsche Bevölkerung komplett ausgetauscht, und Polen aus dem Osten und dem Zentrum des Landes wurden angesiedelt. «Denen war Danzig völlig egal – es war ja nicht ihre Stadt», sagt Kasperski. «Und nach der Wende interessierten sich die Leute vor allem für Geld und Farbfernseher. Aber das hat sich jetzt komplett geändert. Jetzt wollen sie es auch schön haben.» Und das ­haben sie. Von Jaceks Leuchtturm kann man es gut sehen. Danzig liegt zwischen der flachen Landschaft des Werders und der hügeligen Kaschubei. Es hat Fluss, offenes Meer und die Bucht, aus der der Wind pustet.

Unten sitzt Jacek Michalak in der Sonne und lässt sich die frische Brise durchs Haar wirbeln, zu Füssen seines Leuchtturms.


Die Reise wurde unterstützt vom Radisson Blu Hotel Danzig und vom polnischen Fremden­verkehrsamt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.08.2017, 10:24 Uhr

Anreise und Hotel

Anreise Direktflüge ab Zürich nach Danzig gibt es keine. Airberlin fliegt über Berlin, Swiss und Lufthansa über Frankfurt oder München.

Unterkunft Hotel Radisson Blu in der historischen Altstadt, DZ ab etwa 120 Franken.

Allgemeine Informationen www.danzig.info

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