Eine vertikale Stadt

Neues Leben kehrt in Amsterdam Noord ein – auch dank eines universell genutzten Hochhauses.

Der ehemalige Shell-Turm mit Drehrestaurant und Schaukel auf dem Dach. Screenshot: A'DAM-Projekttrailer

Der ehemalige Shell-Turm mit Drehrestaurant und Schaukel auf dem Dach. Screenshot: A'DAM-Projekttrailer

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Wie platt und nass die Niederlande sind, erschliesst sich schnell, wenn die eigenen Füsse in knapp 100 Meter Höhe über die Gebäudekante eines holländischen Hochhauses ragen. Der Blick fällt steil nach unten auf das Wasser sammelnde Brachland des Bezirks Amsterdam Noord. Auf stillgelegte, umgenutzte Werften und Industrieanlagen sieht man von einer Schaukel aus, die am äussersten Rand der Aussichtsplattform des einstigen Shell-Turms angebracht ist. Und auf viele Kräne, die von neuen Bauprojekten künden.

Amsterdam Noord ist in. Das war es bislang nie, schon deshalb nicht, weil dem Mineralölkonzern bis 2010 ein Teil des Gebiets gehörte, das somit nicht öffentlich zugänglich war. Doch inzwischen gehört der 1971 als Shell-Hauptquartier errichtete Turm vier Unternehmern aus der Musik- und Eventbranche und wurde zum «A'DAM Toren» – A'DAM steht als Akronym für Amsterdam Dance and Music. Wortführer der vier Projektpartner ist Sander Groet, der auch unbedingt diese Schaukel auf dem Dach des Hochhauses wollte.

Die Schaukel schlägt 33 Mitbewerber

Hier oben reicht der Panoramablick bis zum 20 Kilometer entfernten Edam, wo Groet 1969 geboren wurde. Schon als Kind habe er von seinem Heimatstädtchen aus den Shell-Turm gesehen, sagt er, nun blickt er von der Plattform auf den Kirchturm seiner Geburtsstadt zurück.

Gegen 33 andere Interessensgruppen, die alle den Shell-Turm wollten, als die Stadt ihn 2012 zur Neugestaltung ausschrieb, hat Groet sich mit einem multifunktionalen Konzept durchgesetzt: «Wir haben ein Hotel, Büros, ein Fitnessstudio, einen Nachtclub, Restaurants, von denen sich eines sogar stündlich dreht, die Aussichtsterrasse, ein Loft für Events, einen Club für Kreative – und diese Schaukel.» Das sei einzigartig, aber auch schwierig zu managen, denn es kämen viele Menschen zum Turm – um zu arbeiten, zu übernachten, zu essen, zu feiern oder Musikunterricht zu nehmen. «Es ist eine vertikale Stadt», sagt der 48-Jährige.

So beherbergen die untersten acht Stockwerke das Sir Adam Hotel der holländischen Boutiquehotelkette SIR Hotels, die ihre Niederlassungen auch in Hamburg, Berlin und Ibiza betreibt. Das Burger-Restaurant ist gleichzeitig Frühstücksraum für Hotelgäste, darüber liegen Rezeption, ein Biergarten und schliesslich fünf Stockwerke mit insgesamt 108 Zimmern.

Wechselndes Licht der Fussbodenplatten

Wer Lift C von der Hotelréception zum Zimmer nimmt, steht im wechselnden Licht der Fussbodenplatten, die lila, gelb, pink und grün aufblinken, während eine kreisende Discokugel silberne Flecken an die Decke des ansonsten nachtschwarzen Lifts wirft. Dazu werden Discohits gespielt, auch morgens um sieben.

Trendy: Musikalisch dekoriertes Zimmer. Foto: Sir Adam Hotel

Musikalische Motive ziehen sich auch durch die Zimmer: Eine Kooperation mit Sony wird durch die Vinylsammlung in der Lobby deutlich, Gäste dürfen hier die Musik für den Zimmer-Plattenspieler auswählen. In jedem Hotelzimmer hängen Gitarren als Dekoration an der Betonwand. Auf Wunsch kommt ein spielbares Instrument samt Verstärker und Gitarrenlehrer zum Gast, selbst DJ-Unterricht ist als Hotelservice buchbar.

Dusche mit Aussicht

Hinter den bodenlangen Fenstern reisst der Schiffsverkehr nicht ab, links geht es Richtung Osten zum Rhein, rechts zum Meer und zum ehemaligen Werftgelände NDSM, auf dem inzwischen MTV und Greenpeace Quartier bezogen haben. Möwen schiessen im Sturzflug am Fenster vorbei. Aus der verglasten Dusche sieht man bis zur stufenförmig sich auffächernden Esplanade des Filmmuseums EYE, auf der das Sir Adam jeden Montagmorgen für Belegschaft und Gäste Bootcamps mit den Personal Trainern aus dem Hotel-Fitnessstudio veranstaltet.

Das Filmmuseum ist 2012 ans Ufer des IJ gezogen, des ehemaligen Meeresarms, der Amsterdams Zentrum von Noord trennt. «Man wollte auch deswegen ein Museum hier ansiedeln, um die Gegend attraktiver zu machen», sagt Marnix van Wijk, der das EYE vermarktet. «Vor 15 Jahren war dieses Gebiet nicht einmal auf den Stadtplänen für Touristen verzeichnet. Die Strassenführung endete am Hauptbahnhof.» Inzwischen hat Amsterdam seine Pläne neu gedruckt – und Noord einbezogen.

Pflanzen entgiften den Boden

De Ceuvel, ein ehemaliges Werftgelände, der Boden von Schwermetallen vergiftet, wurde umfunktioniert: Über dem Grasland hat man einen Steg angelegt, gebrauchte Hausboote drumherum drapiert, in ihnen Kreativenbüros mit Komposttoiletten. Pflanzen wie Fingerhut oder die Gemeine Schafgarbe sollen Schadstoffe aus dem Boden ziehen – Phytosanierung heisst diese Methode. «2024 nehmen wir unsere Hausboote und lassen das Areal gereinigt zurück», erklärt Sascha Glasl, dessen Architekturbüro Space & Matter das alternative Stadtplanungsprojekt mitverantwortet.

Derzeit entwirft Sascha Glasl eine nachhaltige, selbstversorgende, schwimmende Hausboot-Nachbarschaft entlang eines 900 Quadratmeter grossen Anlegestegs, dem Johan van Hasseltkanaal Schoonschip. 46 Familien auf 30 Hausbooten sollen dann individuell gesammelte Solarenergie untereinander sowie an die Stadt verkaufen können.

Nicht weit vom Kanal arbeitet auch Drift, ein britisch-holländisches Designerduo mit Ausrichtung auf die futuristische Verbindung von Natur und Technologie. Seit 2009 führen sie ihr Studio mit 16 Mitarbeitern in Amsterdam Noord. «Wir kamen während der Krise hierher», sagt Mitgründer Ralph Nauta, «solche Orte gibt es sonst nicht in dieser Stadt.» Dabei findet er die aktuelle Entwicklung nur folgerichtig: «Im Grunde handelt es sich bei Noord um die Stadtmitte. Es ist eher seltsam, dass es nicht schon früher losging.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2017, 12:44 Uhr

Infos

Amsterdam Noord

Hotel: Sir Adam, DZ ab 189 Euro, www.siradamhotel.com
A'DAM-Turm: www.adamtoren.nl
Touren durch Amsterdam Noord, zu Musik oder Design: www.sincerelyyours.amsterdam
Allgmein: www.iamsterdam.com (TA)

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