Gegensätze im Westen Kanadas

Vancouver ist eine grüne Stadt, sogar im Hotdog gibt es Seegras. Edmonton dagegen lebt vor allem vom Erdöl – doch das «Houston Kanadas» ist im Kommen.

Viel Öl: Edmonton im Landesinnern. Foto: Alamy

Viel Öl: Edmonton im Landesinnern. Foto: Alamy

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Grünlich schimmern die Glasfassaden der Hochhäuser bei der Fahrt über die Granville Street Bridge in Richtung Innenstadt von Vancouver. Auf der einen Seite glänzt der Pazifik, auf der anderen erheben sich mächtig die schneebedeckten Coast Mountains. Der erste Eindruck von Vancouver lässt den Besucher erahnen, warum die Stadt an Kanadas Westküste stets in Toprankings auftaucht. Die Lage zwischen Gebirge und Ozean ist schlicht imponierend.

Bereits beim ersten Stadtspaziergang durch die Hochhausschluchten der Robson Street, einer der Hauptachsen der Stadt, fühlt man sich wohl und entspannt. Zahlreiche Velofahrer kreuzen die Strasse. Mitten im Geschäftsviertel durchquert der Neuankömmling Grünanlagen. Die Begrünung der urbanen Stadt nennt sich Vancouverism.

Bis 2020 will die Stadt zur umweltfreundlichsten weltweit werden. Bewohner pflanzen auf ihren Hochhausterrassen Kräuter und Gemüse, manche gewinnen dort gar Honig von ihren Bienenvölkern. Vancouver war 2010 die erste Stadt Kanadas, die die urbane Hühnerhaltung legalisierte.

Etwas hungrig geworden, widmet sich der Schreiber einem typischen nordamerikanischen Phänomen: dem Fast Food. Foodtrucks, die über die ganze Innenstadt verteilt sind, bieten eine Vielfalt solcher Gerichte an. Japadog des japanischen Einwanderers Noriki Tamura heisst eine der berühmtesten Kreationen in der Foodtruck City, wie Vancouver unterdessen auch genannt wird.

Der schönste Park der Welt

Die japanische Version des Hotdogs ist angereichert mit Seegras. Auf Insta-gram posieren Prominente wie Ice Cube oder Steven Seagal mit dem Gericht in der Hand. Während der Olympischen Spielen 2010 standen die Kunden vor dem Foodtruck stundenlang Schlange.

Nur zehn Gehminuten von der Robson Street entfernt liegt Gas­town. Mit seinen flachen Backsteinbauten und den gepflasterten Strassen verströmt das alte Arbeiterviertel den Charme der Gründerzeit. Längst aber säumen Mikrobrauerein, schicke Boutiquen und hippe Cafés die Strassenzüge. Auch Granville-Island direkt am Fluss weist eine Attraktion auf: In den alten Cargohallen des Hafens haben sich Märkte und Restaurants eingenistet, die auf Bioangebote setzen.

Doch die Stadt hat auch Schattenseiten: Menschen mit geringem Einkommen können sich in der Innenstadt kaum noch Wohnraum leisten. Im East End stehen Süchtige in Strassenecken, in den Hauseingängen rauchen junge Leute Crack.

Diese Szenerie ist bald wieder vergessen. Vom Canada Place gehts mit dem Fahrrad in Richtung Stanley Park, den Tripadvisor-User zum schönsten Park der Welt gekürt haben: eine 400 Hektaren grosse Halbinsel, eher Wildnis als penibel gepflegte Grünanlage. Den zehn Kilometer langen Veloweg mit Sicht auf das weite Meer oder Tanker im Hafen hat man in einer guten halben Stunde gemütlich abgeradelt. Der Beaver Lake in der Mitte des Parks vermittelt einen Eindruck jener Wildnis, die hier vor der europäischen Besiedelung geherrscht haben muss – sie liegt nicht viel länger als 150 Jahre zurück.

Bizarr innovativ

Edmonton, nur eineinhalb Flugstunden von der Westküste entfernt, ist das pure Gegenteil von Vancouver. «Das Houston Kanadas» wird die Stadt wegen des Ölreichtums auch genannt – gefördert wird nur ein paar Kilometer südlich der Stadt. Im Zentrum dominieren wuchtige Geschäftshäuser und breite Strassen. Die Temperatur liegt beinahe zehn Grad Celsius tiefer als an der Westküste.

Die Zeit scheint in dieser Metropole die letzten Jahrzehnte stehen geblieben zu sein. Velosstreifen hat es hier keine. «Die Autofahrer sind andere Verkehrsteilnehmer nicht gewohnt, Velofahrer müssen deshalb besonders aufpassen», sagt eine junge Einheimische. Von umweltfreundlichen Bemühungen wie in Vancouver ist in Edmonton wenig zu sehen.

Doch in den letzten Jahren hat sich auch ein anderes Edmonton zu entwickeln begonnen. Die Stadt verzeichnet ein beachtliches Bevölkerungswachstum, sie vereinte im Jahr 2013 40 Prozent aller neu geschaffenen Stellen des Landes auf sich. «Globe and Mail», eine der grössten kanadischen Zeitungen, bezeichnet die Stadt einen «bizarr innovativen Thinktank».

Stadt im Wandel

Und es scheint eine offene Stadt zu sein: «Wenn du einen Tag in Edmonton lebst, gehörst du zu uns», sagt der Taxichauffeur, der aus Afghanistan eingewandert ist. Den Wandel miterleben lässt sich nicht nur Downtown, wo die eindrückliche Kunsthalle und die Bibliothek stehen und ein riesiges neues Hockeystadion für das NHL-Team Edmonton Oilers aus dem Boden gestampft wird, sondern auch an der Whyte Avenue im Viertel Old Strathcona im südlichen Teil der Stadt. Hier reihen sich Modeboutiquen, Cafés und Biomärkte aneinander. Nachts ziehen die Studenten der University of Alberta ihre Runden durch die Dive Bars. Die Gegend gilt als hip.

Ein trendiges Geschäft ist der Duchess Bake Shop nordöstlich der Innenstadt. Von Buzzfeed wird dieses gar in der Rubrik «Bäckereien, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt» eingereiht. Der Edmontonian Garner Beggs eröffnete den Laden im Jahr 2009 nach langem Aufenthalt an den kanadischen Küsten. «Wir haben eine Leidenschaft dafür entwickelt, die Esskultur in Edmonton zu verändern», sagt Beggs.

Der Erfolg gibt ihm recht: Sonntags reiht sich vor dem Laden eine meterlange Schlange, Beggs und seine Frau beschäftigen heute mehr als 60 Angestellte und bedienen zu Stosszeiten bis zu 300 Kunden pro Stunde.

Greggs ist nicht der Einzige in der Stadt, der mit Neuerungen auftrumpft. Im Alberta Hotel in Downtown sind junge Gastronomen eingezogen. Das Team betrieb vor nicht allzu langer Zeit noch einen Foodstand am Markt, bis es vom Chef des neuen Restaurants entdeckt wurde. Abends trifft sich Edmontons Bevölkerung hier bei elegantem Dinner und Cocktails – diese sind wiederum gemischt aus Bränden der lokalen Distillerien.

Gleich gegenüber liegt das Fairmont, ein über hundertjähriger Bau, von dessen Balkon aus man das Tal des North Saskatchewan River überblickt. In der Lounge treffen sich heute noch alteingesessene Einheimische, nicht wenige aus dem Ölgeschäft. Touristen seien seltene Gäste, erzählt der Mann an der Hotelréception.

Das wird sich ändern, darin sind sich die meisten Edmontonians sicher. Sie prophezeien ihrer Stadt eine grosse Zukunft voraus. Einen Blog, der die Veränderungen beschreibt, gibt es schon: «Why Edmonton?».

Die Reise wurde unterstützt von Air France/KLM und Fairmont Hotels. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 23:22 Uhr

Die Diva und das Cellular Phone

Vancouver gilt als Mekka der Sprachschulen. Gefragt ist vor allem Business-Englisch. Ein Selbstversuch in einem Crashkurs.

Von Daniel J. Schüz

«Tell me the truth!» Leanne will die Wahrheit wissen. «Are you really a journalist?» «Yes, I am.»

Die Telefonleitung ist so schlecht, dass unklar bleibt, ob die Mischung aus Empörung und Verwunderung, die in ihrer Stimme mitschwingt, echt ist. Offensichtlich will Leanne Quirk, die legendäre Leinwanddiva, nicht wahrhaben, dass sie es mit einem Reporter zu tun hat, der ihre Handynummer ausfindig gemacht hat. Wobei Handy schon mal nicht geht: «Nobody understands the item handy; it’s a mobile, or better: a cellular phone», korrigiert Leanne. «Anyway, how did you get my number?» «Pst!» Lippen auf die Finger. «This is my professional mystery!» Berufsgeheimnis. «Secret», lächelt sie jetzt. «It’s a secret, not a mystery!»

«English only»

Um zur Wahrheit zurückzukehren: Leanne Quirk ist nicht wirklich ein Hollywoodstar, vielmehr bietet sie als Englischlehrerin an der St. Giles International, einer der zahllosen Sprachschulen in Vancouver, unter anderem Crashkurse in Business-Englisch für Fortgeschrittene an. Mein Business ist der Journalismus, meine Englischkenntnisse sind eher mittelmässig.

Zwei Prinzipien prägen die Didaktik der Schule: «English only.» Will heissen: Es wird erstens ausschliesslich Englisch gesprochen. Eine andere Sprache, die auf der Suche nach dem richtigen Begriff zurate gezogen werden könnte, gibt es nicht. Daraus folgt zweitens, dass auch mühsames Vokabelnbüffeln und Grammatikpauken wegfallen. Im lockeren Geplauder machen wir uns mit der Fremdsprache exakt auf dieselbe verspielte Weise vertraut, wie wir es als Kind einst mit der Muttersprache getan haben.

Leanne schlägt ein Rollenspiel vor: Sie macht auf zickige Diva, die sich ziert, ich auf aufsässigen Reporter, der sie ausquetschen will. Sie verschwindet mit ihrem Cellular Phone im Nebenraum, während mein Handy das Gespräch für die Manöverkritik aufzeichnet.

Wo dieses Interview denn erscheinen soll, will Leanne in der Rolle als Schauspielerin wissen: «Where are you going to publish your story?» Ich will ihrem Ego schmeicheln: «It’s the leading newspaper in Switzerland.» «Oh!», ziert sie sich; dort habe sie viele Fans.

Zweite Stadt hinter Zürich

Am Abend besteige ich den «Sea-Bus», eine Fähre, die im Sechsminutentakt die Bucht überquert und Vancouver Downtown mit Vancouver North verbindet. Dort hat Rita Bridger in ihrer Villa eine köstliche Lasagne in die Röhre geschoben. Rita ist eine kleine resolute Frau mit grossem Herz, gebürtige Inderin mit einer Vorliebe für italienische Küche. Für die Tage meines Business-English-Crashkurses ist sie meine Schlummermutter: «Homestay», die Beherbergung bei privaten Familien, ist ein fester Bestandteil des Kursangebots – eine kostengünstige Gelegenheit, die Gastfreundschaft der Kanadier zu geniessen und das Gelernte in der Konversation zu vertiefen. Vancouver steht hinter Zürich an zweiter Stelle in der Rangliste der lebenswertesten Städte, und auch im Ranking der beliebtesten Destinationen für Englisch-Sprachkurse steht die Stadt an zweiter Stelle, hinter London. Und mit Abstand an erster Stelle steht die englische Sprache.

«We will see», scherzt Schauspielerin Leanne Quirk zum Schluss des Interviews, «how the reporter will twist the truth!» «Isn’t it funny», lache ich. «In our language we use the same expression: die Wahrheit verdrehen!»

Da ist sie sofort wieder die strenge Lehrerin: «Only English please!»

Eine Woche Business-Englisch-Kurs in Vancouver, 1123 Fr., inkl. 20 Lektionen, sechs Homestay-Übernachtungen. www.linguista.ch; die Reise wurde unterstützt von Linguista.

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Viel Grün: Vancouver an der kanadischen Westküste. Foto: Alamy

Tipps und Infos

Anreise: Von Zürich oder Genf aus mit Air France über Paris nach Vancouver. Von Vancouver mit Westjet Airlines nach ­Edmonton. Von Edmonton aus mit KLM über Amsterdam zurück nach Zürich oder Genf.

Übernachten: 2010 auf die Olympischen Winterspiele hin gebaut, ist das Pacific Rim in Vancouver direkt am Canada Place das neueste und auch das luxuriöseste der drei Fairmont-Hotels in Vancouver. DZ ab 499 Dollar pro Nacht, www.fairmont.com/pacific-rim-vancouver. Das Fairmont McDonald in Edmonton ist fast so alt wie die Stadt selber und liegt downtown. DZ ab 299 Dollar, www.fairmont.com/macdonald-edmonton/
Allgemein: www.tourismvancouver.com, www.exploreedmonton.com, www.destinationcanada.com

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