Im Land der Buckelapotheker 

Das Schwarzatal in Thüringen ist ein Paradies für Heilpflanzen. Berühmte Naturforscher erkundeten es – und hier wurde der Kindergarten erfunden.

Über 150 Heilpflanzen wachsen in der Gegend. Foto: Meeta K. Wolff (Thüringer Tourismus GmbH)

Über 150 Heilpflanzen wachsen in der Gegend. Foto: Meeta K. Wolff (Thüringer Tourismus GmbH)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Obstfelderschmiede», sagt die Stimme aus dem Zuglautsprecher. Sie hört sich verwundert an, als sei sie erstaunt über die Namen der Stationen der Thüringer Schwarza­talbahn. Sie klingen tatsächlich wie Erfindungen der Marketingabteilung: Bechstedt-Trippstein, Mellenbach-Glasbach oder Meuselbach-Schwarzmühle.

Und so munter die Namen klingen, so verschwenderisch gibt sich die Landschaft: Sie wölbt sich und beult sich und stürzt sich in einem aberwitzigen Auf und Ab, sodass alle paar Augenblicke eine neue Perspektive erscheint: in die Weite, in die Höhe, in die Tiefe. Die Häuser liegen zusammengewürfelt in den engen Tälern und eingeklemmt zwischen bewaldeten Hängen. Sie sind schlichter als die Häuser im nahen Bayern, nicht so schmuck und überdekoriert mit Geranienkästen und Schnitzereien, mit Fensterläden und Keramikkatze am Hauseingang. Die Atmosphäre hier ist nüchterner. Grauschwarz wie Raben stehen die Gebäude da, Dächer und Fassaden sind ganz mit Schieferplatten verkleidet.

Die Naturforscher Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe kamen einst her, um das Tal zu erkunden. Auch der Theologieprofessor Johann Jakob Griesbach aus Jena hatte seinen Studenten Ende des 18. Jahrhunderts erzählt, sie bräuchten nicht bis ins südliche Nachbarland zu wandern, um die dortige Landschaft zu bestaunen. Denn ganz in der Nähe fänden sie im Schwarzatal eine Schweiz im Kleinformat: steile und felsige Hänge, grossartige Fernsichten. Die Studenten folgten Griesbachs Ruf, mit ihnen erreichte der erste Touristenstrom die Gegend.

Auch in der DDR war die Region ein beliebtes Reiseziel: so viel Grün und so gute Luft. «Aus dieser Zeit haben hier selbst winzige Dörfer ein Freibad. Nach Jahrzehnten von Zwangsferien im eigenen Land kam nach der Wende aber keiner mehr», sagt Katharina Eichhorn, die das Fröbelhaus in Oberweissbach leitet und dort Kräuterseminare organisiert. «Alle wollten nur noch nach Mallorca.» Erst jetzt werde die Gegend neu entdeckt, von Holländern und von Deutschen aus den alten Bundesländern.

Am besten pflückt man die Pflanzen am späten Vormittag

Katharina Eichhorn, kurzes, blond gefärbtes Haar, mintgrüne Faserpelzjacke, wandert über den Oberweissbacher Kräuterlehrpfad, an dem mehr als 150 Heilpflanzen wachsen. Der Blick schweift über das Lichtetal und das Schwarzatal. Sie sammelt Kräuter in einem Korb. «Da, Labkraut, das mit den winzigen weissen Blüten», sagt Eichhorn. Am Wegesrand zupft sie ein paar Stängel, reibt sie zwischen den Handflächen und atmet den Duft ein: «Sehr, sehr würzig.» Am besten pflücke man Blüten und Stängel am späten Vormittag, dann seien sie noch frisch, der Tau aber bereits getrocknet. «Wurzeln dagegen sollte man am Abend holen, wenn die Kraft unter der Erde ist.» Sie entdeckt ein Gewächs mit weissen Dolden, die Blätter sehen so feinaderig aus wie beim Dill. «Das ist Bärwurz. Es wächst nur in bestimmten Höhen und an bestimmten Hängen.»

Kräuter aus dieser Gegend waren früher berühmt in ganz Europa, als Naturheilmittel, die Olitäten genannt wurden. Weil hier auch die Glasindustrie ansässig war, gab es Laborgeräte zum Destillieren und Gefässe für den Transport. Zeitweise waren 800 sogenannte Buckelapotheker unterwegs, die die Essenzen, Tinkturen und Salben auf einer hölzernen Trage am Rücken zu Fuss in ganz Europa vertrieben. «Unsere Hausmittel Hingfong, Lebensöl, Meurasan, Wacholder-Extrakt, Hoffmannstropfen und Fichtennadelöl waren sehr begehrt», sagt Eichhorn. Die Buckelapotheker legten 60 bis 70 Kilometer am Tag zurück und gingen bis nach Holland, Polen oder in die Schweiz.

In die Hügel führt die Bergbahn von Oberweissbach. Foto: Rainer Albrecht (DB)

«Wir haben als Kinder auch immer Kräuter gesammelt und sie in Apotheken abgegeben», erzählt Eichhorn. «Blutwurz, Wacholder, Arnika, Waldengelwurz, Salbei-Gamander wachsen nicht überall, die Luft hier ist besonders rein.» Wir gehen durch einen Wald und steigen hinab nach Oberweissbach, einem Städtchen, das eingekesselt zwischen Wiesenhängen liegt. Dass Laboranten und Buckelapotheker zu Wohlstand kamen, sieht man an den Häusern. Manche sind kleine Villen, sie heissen Klein-Paris oder Polsche Möller, nach der Route, auf der die Buckelapotheker wanderten. «Weil die Olitätenhändler so wohlhabend waren, liessen sie hier Thüringens grösste Dorfkirche bauen, mit der grössten Kanzel Europas.»

Direkt gegenüber liegt das Fröbelhaus, ein fast 400 Jahre altes ehemaliges Pfarrhaus mit Fachwerk und Schieferdach. Es ist das Geburtshaus Friedrich Fröbels, des Begründers des Kindergartens. Fröbel war zur Blütezeit des Oli­tätenhandels in Oberweissbach aufgewachsen. Gerd Eberhardt, ein älterer Herr mit elegantem Schnauzbart und wollener Weste, erzählt Besuchern von Fröbel und dessen Denken, das sich auch durch Analogien zwischen dem Gedeihen von Pflanzen und Kindern gebildet hat. «Ein Kind ist wie ein Samenkorn: Alle Anlagen sind vorhanden, man muss es nur pflegen», sagt Eber­hardt nachdenklich. Er ist immer noch berührt von Fröbels Gedanken, die in einer Zeit schwarzer Pädagogik für mehr Liebe und Verständnis für Kinder einstanden. «Es soll aufwachsen wie eine Pflanze im Garten: behütet, gepflegt, aber selbstbestimmt.» Daher kommt der Begriff Kindergarten.

Im Fröbelhaus wuchs der Pädagoge Friedrich Fröbel auf. Foto: Action Press

Vom kleinen Dorf aus ging eine Idee um die Welt

«In unserem kleinen Bergdorf ist die weltumspannende Idee des Kindergartens entstanden.» Fröbel hat die Bedeutung der frühkindlichen Bildung entdeckt, seine Ideen gingen um die Welt, bis Japan, Israel, Russland oder Südkorea. Auch die Schweiz hat ihn beeinflusst. Anfang des 19. Jahrhunderts ging Fröbel nach Yverdon zu Pestalozzi. Später kehrte er noch einmal zurück und gründete im Schloss Wartensee in Neuenkirch LU eine Erziehungsanstalt und leitete ein Waisenhaus in Burgdorf BE. «Er war ein grosser Naturfreund, liess die Kindergärtler erleben, wie die Pflanzen wachsen und sich entwickeln», sagt Eberhardt.

Katharina Eichhorn kommt herein und reicht einen quietschgrünen Smoothie, den sie aus den Kräutern hergestellt hat, die sie auf dem Weg fand – er enthält Giersch, Sauerampfer, Pfennigkraut und Vogelmiere. Ein Schnapsglas davon reicht. So gesund schmeckt er.


Die Reise wurde unterstützt von der Thüringer Tourismus GmbH (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 14:24 Uhr

Viel Grün und gute Luft

Anreise: Mit dem Zug über Erfurt nach Rottenbach, dort die Schwarzatalbahn besteigen.
Essen und Übernachten: Flair Hotel Waldfrieden, Meuselbach-Schwarzmühle, DZ inkl. Frühstücksbuffet ab 75 Euro, Tel: 0049 36705 61000, www.thueringenhotels.de
Ausflüge:

Allg. Infos: www.rennsteig-schwarzatal.de, www.thueringen-entdecken.de

Artikel zum Thema

Ganz auf dem Dämmchen

SonntagsZeitung Der Genfer Guy Montavon leitet das Theater Erfurt. Er schwärmt von der thüringischen Landeshauptstadt. Mehr...

Sardellensalat am Frauenplan

SonntagsZeitung Ohne Goethe ging in Weimar wenig. Die Spuren des Dichterfürsten und weiterer Berühmtheiten wie Schiller, Nietzsche oder Liszt bleiben hier unübersehbar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Wettermacher Warum unser Schnee trotz Wärme bleibt

Geldblog Wie der Depotcheck als Lockvogel dient

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Schöner Lärm: Ein Flugzeug fliegt in der Nähe von Pfaffhausen vor dem Supermond durch. (20. Februar 2019)
(Bild: Leserbild: Peter Schwager aus Fällanden) Mehr...