Nun ist die Bahn am Zug

Städtereisen auf der Schiene sind plötzlich wieder in, Nachtzüge feiern ein Comeback. Doch die Bahnbetreiber können die Nachfrage nicht decken.

Schlaf- und Liegewagen sind gefragt wie lange nicht mehr: Wer ausgeruht am Ziel ankommen will, muss früh buchen. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Schlaf- und Liegewagen sind gefragt wie lange nicht mehr: Wer ausgeruht am Ziel ankommen will, muss früh buchen. Foto: Keystone

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Als Walter Kunz einen Werbespot von KLM sah, staunte der Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbandes (SRV): Die niederländische Airline ruft die Kundschaft zu «verantwortungsvollem Fliegen» auf und empfiehlt, alternative Reisemöglichkeiten zu prüfen. Mag sein, dass die Fluggesellschaft ihren 100. Geburtstag gerade mit besonders originellem Getöse zelebriert. Kunz konstatiert aber einen Paradigmenwechsel: «Die Konsumenten und viele Player in der Branche beschäftigen sich mit den Folgen des Klimawandels.»

Konsequenz: Die gute alte Eisenbahn erlebt einen Boom. «Wir registrierten schon im vergangenen Herbst deutlich mehr Passagiere auf den Fernstrecken», sagt Armin Weber, Leiter Internationaler Personenverkehr bei den SBB. «Doch die sprunghaft gestiegene Nachfrage im ersten Halbjahr 2019 hat auch uns überrascht.»

Der Andrang auf die Schiene befeuert das Geschäft der Bahnreisen-Veranstalter. «Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen wir eine Steigerung im tiefen zweistelligen Prozentbereich», sagt Werner Schindler, Chef von Railtour/Frantour. «Auffällig ist das veränderte Reiseverhalten von Familien.»

Schindler vermutet, Kinder und Jugendliche würden bei der Ferienplanung am Küchentisch den Rest der Familie zum Verzicht aufs Fliegen drängen. Bei Railtour haben nicht nur Buchungen von klassischen Städtereisen mit einem einzigen Ziel angezogen, besonders gefragt sind in diesem Jahr Rundreisen mit Stopps an verschiedenen City-Destinationen.

Verbindungen in Nachbarländer werden besser, aber nicht sofort

Wer wie der Schreibende in den Sommerferien den alltäglichen Wahnsinn der Deutschen Bahn erlebte, etwa Verspätungen bis zu einer Stunde, Zugspersonal mit Kasernenhof-Manieren, Kommunikationsflops und Totalausfall der Klimaanlage, hegt Zweifel an der Leistungsfähigkeit der ausländischen SBB-Partner. «Die Deutsche Bahn ist besser als ihr Ruf», sagt jedoch Werner Schindler, und Armin Weber blickt in die nahe Zukunft: «Ab Dezember verkehrt zwischen Zürich und Hamburg der moderne ICE 4 mit einem Viertel mehr Kapazität und weniger Störungen. Und ab Ende 2020 verkürzt sich die Fahrzeit zwischen Zürich und München um eine Stunde – dank der Elektrifizierung der Strecke durch die bayerische Provinz und dem Wegfall langwieriger Manöver am Kopfbahnhof Lindau.»

Während ab Dezember 2019 der Einsatz doppelstöckiger TGV die Passagierkapazität von der Schweiz nach Frankreich um 30 Prozent erhöht, wird sich für Italien das Angebot erst mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels im Dezember 2020 verbessern. In Planung sind dann ab 2022 direkte Züge nach Genua und Bologna – sogar eine Verlängerung bis ­Rimini wird geprüft. Geduld ist gefragt.

«Vor allem bei den Nachtzügen fehlt es an Kapazität», sagt Armin Weber. Auf den besonders gefragten Verbindungen nach Hamburg und Berlin waren zuletzt die Schlaf- und Liegewagen meistens ausgebucht. Kurzentschlossene hatten höchstens noch Chancen auf einen Sitzplatz.

«Niemand konnte ein so starkes Comeback der Nachtzüge in so kurzer Zeit voraussehen», räumt Weber ein. «Nun analysieren wir die Situation mit der Nightjet-Betreiberin ÖBB und suchen Lösungen.» Zusatzwagen könnten kurzfristig Abhilfe schaffen, langfristig der Einsatz neuer Züge.

CO2-Kompensation soll Thema im Verkaufsgespräch werden

Die Reisebüros sollen dazu beitragen, dass die Bahn ihre Zugkraft bewahrt. In einem Positionspapier verpflichtet sich der Reise-Verband, die Klimaziele der Schweiz zu unterstützen. SRV-Geschäftsführer Walter Kunz und sein Präsident Max E. Katz haben die stark divergierende Branche auf einen gemeinsamen Nenner eingeschworen. Der Verband befürwortet, allerdings unter Auflagen, eine CO2-Abgabe für Flüge.

Demnächst verteilt die SRV-Zentrale an die Mitarbeitenden in den Reisebüros ein Manual mit Empfehlungen zu umwelt- und ressourcenschonendem Reiseverhalten. Das Personal an der Verkaufsfront soll die Beratungsqualität steigern und der Kundschaft etwa CO2-Kompensation und auch mal andere Transportmittel als Flugzeug und Schiff ans Herz legen.

Erstellt: 25.08.2019, 23:07 Uhr

Die beliebtesten Städte-Kombis per Bahn

Frankreich


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Quelle: www.railtour.ch

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