Und ewig locken die Römer Nächte

In Rom beginnt der Abend früh mit einem Aperitif – und der Ausgang endet frühmorgens mit einem warmen Cornetto. Aber wo gehen die Römer selbst hin? Fünf angesagte Quartiere.

Hat zur mondänden Aura beigetragen: Anita Ekbergs Bad im Trevi-Brunnen in Federico Fellinis «La Dolce Vita» (1960). Filmstill: Youtube


In-Viertel Monti: «Radical Chic» am Brunnen. Foto: Massimo Siragusa

Hat zur mondänden Aura beigetragen: Anita Ekbergs Bad im Trevi-Brunnen in Federico Fellinis «La Dolce Vita» (1960). Filmstill: Youtube In-Viertel Monti: «Radical Chic» am Brunnen. Foto: Massimo Siragusa

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Mitten im Zentrum – und doch total römisch

Ausgang in der Altstadt? Die meisten Touristen bleiben auf dem Campo de’ Fiori hängen. Dabei wäre Prati nur 20 Gehminuten entfernt! Das Viertel nordöstlich des Vatikans ist eine ­schicke Gegend mit Boutiquen und Büros. Abends wird Prati zu einem quirligen Aperitif-Ort.

18 Uhr, La Zanzara – der aktuelle In-Place des Quartiers. Letzte Gelegenheit, um ohne militärische Nahkampfausbildung einen Tisch zu ergattern. Geschäftsmänner trinken ein Bier, zwei Freundinnen bestellen Vermouth Tonic. Über den Köpfen ­surren die Ventilatoren, auf der Via Crescenzio scheppert der 49er vorbei, eine Nonne spaziert zum Vatikan. Die Gartenlämpchen brennen, obwohl es noch taghell ist.

Eine halbe Stunde später sind alle Aussenplätze besetzt, Gruppen von jungen Römern strömen ins Lokal. Das Publikum ist gemischt: Da sind ein paar ältere Damen, die Haare eben vom Coiffeur in Form gebracht, daneben junge Hipster, ein Vater mit seinem Sohn und auch ein paar Touristen. Kurz: Es ist entspannt.

Wir schlürfen unseren Negroni Sbagliato für satte zehn Euro, während der Kellner – weisses Hemd, schwarze Krawatte – laufend Häppchen vor uns hinstellt. Ein kleiner Arancino, ein Mini-Caprese-Salat, ein Parmesan­puffer. Che buono! Wir kommen wieder.

www.lazanzararoma.com
www.sorpasso.info


Zum Vergrössern klicken.

Ein Americano am Fusse des Scherbenhügels

Aus dem Maison Latina tröpfelt Reggae aufs Trottoir, vor dem Ketumbar gackert eine Gruppe von Freundinnen. Früher, da hallte das Gebrüll von Rindern durch das Viertel: Testaccio beherbergte einst den Schlachthof Roms. Mitte der 70er-Jahre wurde er geschlossen, das Areal lag brach und wurde von Fahrenden besetzt.

Heute ist Testaccio ein beliebtes Ausgehviertel der Stadt. 2002 eröffnete das Macro, das Museum für zeit­genössische Kunst Roms, einen Sitz im einstigen Schlachthof und sorgte für eine Aufwertung rund um den Monte Testaccio. Der Hügel, der dem Viertel seinen Namen gab, besteht vollständig aus – Scherben. Bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. wurde er als Halde ­benutzt. 53 Millionen kaputte Amphoren sollen hier lagern, schätzen Archäologen.

In den Kellergewölben am Fuss des Hügels warten Clubs und Bars. Das Trentatre bietet 20 Mojito-Varianten und ein Apéro-Buffet für neun Euro an, vor dem Blitz stehen Kellner und offerieren Shots. Auf dem Areal des Ex-Schlachthofs findet ein Theater­festival statt: Man trinkt Bier und isst Couscous, von der Decke hängen noch die Haken des Schlachthauses.

In der Stazione di Posta sitzt man draussen auf dem Rasen. Wir trinken einen «Americano a Testaccio», während kleine Fledermäuse Runden über unseren Köpfen ziehen. Auf dem grossen Platz, wo einst die Tiere auf ihr Schicksal warteten, findet gerade eine Chilbi statt. Es ist wie alles in Testaccio: ziemlich improvisiert, aber immer für eine Überraschung gut.

www.33testaccio.it
www.stazionediposta.eu
www.ketumbar.it


«Radical Chic» auf dem Dorfplatz

Der Brunnen plätschert fröhlich, die Leute sitzen auf den Stufen und schwatzen – um 19 Uhr ist die Piazza Madonna dei Monti noch ein ­Dorfplatz. Ein Paar spielt Schach, ­Touristen füllen ihre Wasserflaschen auf, alte Frauen diskutieren über Gott und die Welt, Hunde rennen herum, und ein paar Jungs trinken friedlich ein Bier.

Monti, es liegt zwischen dem Kolosseum und dem Präsidentenpalast, hat sich in den letzten Jahren vom Arbeiterquartier zum In-Viertel gemausert. «Radical Chic» nennt man die Bewegung. Will heissen: Neben der traditionellen Gelateria steht jetzt ein Vintage-Shop, um die Ecke gibts brasilianische Sushi, weiter vorn werden Hipster-Bärte gepflegt.

Dabei ist Monti eines der ältesten Viertel der Stadt. In der Antike war es dicht besiedelt, im Mittelalter ent­völkerte es sich und bis ins 19. Jahrhundert war Monti von Reben bedeckt. Heute macht man hier keinen Wein mehr – man trinkt ihn nur noch. Die Auswahl an netten Bars ist riesig, etwa das Civico 4 mit dem schönen Boden, das Urbana 47, der Inbegriff des ­«Radical Chic», oder Ai Tre Scalini, der Dauerbrenner in der Via Panisperna.

Die Ragazzi jedoch bleiben auf der Piazza Madonna dei Monti und kaufen den Wein beim Kiosk. Mit der Gentrifizierung sind die Preise gestiegen: Für ein grosses Nastro Azzurro, ein stinknormales Bier, zahlt man im Lokal schnell 7.50 Euro. Je später der Abend, desto mehr wird der Dorfplatz zum Gelage: Den Weisswein trinkt man direkt aus der Flasche, amerikanische Girls kreischen «Wohooo». Zum Glück ist die nächste gemütliche Bar nicht weit.

www.civico4.it
www.aitrescalini.org
www.urbana47.it


Lange Bar und viele Drinks im Porto Fluviale. Foto: Massimo Siragusa

Wo Intellektuelle zum Bier alte Filme diskutieren

Über den Köpfen Hochstrassen, links und rechts Zuggleise, Unterführungen, in denen es nicht gerade nach Parfüm riecht: Pigneto im Osten Roms ist kein romantisches Viertel. Eine Ausnahme ist die Via del Pigneto: hübsche Lokale («No Wi-Fi! Sprecht miteinander», steht vor einer Bar), ein alter Mann führt sein Pudelchen aus, Kinder spielen auf den grossen Sitzbänken. Tagsüber findet hier ein Markt statt mit Gemüse und Früchten aus dem Umland.

Wir laufen tiefer ins Quartier hinein, vorbei an der Metrostation Pigneto. Unser erster Halt ist das Rosti, ein moderner Biergarten. Unter Olivenbäumen trinkt man eines der vielen Micro-Biere (immer eine gute Wahl: das italienische Baladin), die Kinder kreischen im «Baby Park», und wenn man Hunger bekommt, bestellt man eine Pizza. Ein paar Schritte weiter, in einer ruhigen Ecke des Viertels, liegt die Bar Necci. Weltberühmt – hier kehrte einst der Regisseur Pier Paolo Pasolini ein und führte im Necci das Casting für seinen ersten Film «Accattone» durch, der hauptsächlich in Pigneto spielt. In der Bar hängen Schwarzweissfotos aus jener Zeit, an der Kasse kauft man das Buch «Pasolini Pigneto».

Draussen sitzt man im lauschigen Garten zwischen Agaven und Bambus, aus dem Lautsprecher plätschert Elektro­pop, im Konfitürenglas auf dem Tisch stehen frische Blumen. Es ist intim und gemütlich. Man trinkt einen Wein, isst leckere Focaccia und schafft das Unmögliche: Entspannen in Rom.

www.rostialpigneto.it
www.necci1924.com


Im Porto Fluviale ist Italien so, wie man es sich wünscht. Foto: Massimo Siragusa

Aufbruchstimmung neben der besetzten Kaserne

«Habt ihr reserviert?», fragt der Kellner. Wir schütteln den Kopf und kassieren einen tadelnden Blick. Samstagabend, 22 Uhr – das Porto Fluviale ist rammelvoll. Es ist der Fixpunkt des Nacht­lebens im Szeneviertel Ostiense. Also warten wir. Auf der anderen Strassenseite könnte man eine Matratze kaufen, weiter vorn werden Vespas repariert. Das Gebäude gegenüber ist mit Street-Art bemalt – eine besetzte Kaserne.

Ostiense war eine der ersten «Vorstädte» Roms ausserhalb der Aurelianischen Mauer. An der sechsspurigen Via Ostiense liessen sich Industrie, Grossmärkte und das Kraftwerk Montemartini nieder. Der Gasometer ist heute noch das Wahrzeichen des Viertels, in dem in den letzten Jahren ein Lokal nach dem anderen eröffnet hat – vom Aperitif-Ort Doppiozeroo bis zur Gelateria La Romana, wo die Leute bis auf die Strasse Schlange stehen.

Kein Wunder, hat sich auch die Feinkostkette Eataly gleich beim Bahnhof Ostiense einquartiert: Ob Prosecco mit Austern oder Apéro-Plättchen – hier gibts alles, was das italienische Schlemmerherz begehrt. Die Römer sind vielleicht die verfressensten Hauptstädter überhaupt, Essen ist ein zentraler Bestandteil des Nachtlebens. Unser Tisch im Porto Fluviale ist bereit. Man kann hier im Innenhof unterm Sternenhimmel sitzen, in der Pizzeria (mit vier Pizzaioli), der Trattoria oder vielleicht doch an der 20 Meter langen Bar? Das Lokal ist riesig und am Wochenende bis drei Uhr geöffnet. Es ist laut, fröhlich, unkompliziert. Genau so, wie man sich Italien wünscht.

www.gelateriaromana.com
www.doppiozeroo.com
www.doppiozeroo.com
www.eataly.net


Und sonst? Vom Cornetto bis zum Knutschen

Wer im Herzen der Student von früher geblieben ist, der fährt ins Universitätsviertel San Lorenzo: In der Bar dei Brutti (Via dei Volsci 71–73) kostet der Cocktail 3.50 Euro. In der Bar der Hässlichen – so heisst der Ort auf Deutsch – wird kräftig gefeiert, als ob es kein Morgen gibt.

Im Hochsommer dagegen, wenn Rom in der Hitze flimmert, verlagert sich das Nachtleben ans nahe Meer. In den Beachclubs von Ostia und ­Fregene, 40 Autominuten von Rom entfernt, tanzt man mit den Füssen im Sand. Ach ja, und die vielleicht besten Cor­netti der Stadt gibts in der L’Antica ­Cornetteria in der Nähe des Kolosseums. Das eher winzige Geschäft serviert die ganze Nacht über frisch gebackene Gipfeli, gefüllt mit Creme, Konfitüre oder Schoko­lade.

www.anticacornetteria.it

Dann ist man gestärkt fürs – Bett? Neeein, für den Sonnenaufgang! Am besten vom Gianicolo aus. Auf den Hügel südlich des Vatikans kommen die jungen Römer zum Knutschen (und mehr). Oder um eine lange Partynacht mit den ersten Sonnenstrahlen zu besiegeln.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.10.2017, 14:57 Uhr

Tipps und Infos

Anreise: Swiss, Alitalia und Vueling fliegen nonstop von Zürich nach Rom, ab ca. 150 Fr. Ab Basel Direktflug mit Easyjet. www.swiss.com, www.alitalia.com,
www.vueling.com; www.easyjet.com
Mit dem Zug erreicht man Roma Termini ab Zürich in knapp sieben Stunden.

Unterkunft: Residenza Cellini: klassisch italienisches Hotel mit herrlich viel Kitsch, beim Bahnhof Termini. DZ ab 120 Euro, www.residenzacellini.it
Princeps Boutique Hotel: imposanter Palast mit Blick auf die Basilika Santa Maria Maggiore. Ideal, um das Szeneviertel Monti zu erkunden. DZ ab 130 Euro. www.princepshotel.com

ÖV: Rom Um sich im Bus-Dschungel der Ewigen Stadt zurechtzufinden, benutzt man am besten die Gratis-App «Citymapper» (für iPhone und Android). www.citymapper.com

Allgemeine Infos: www.turismoroma.it, www.enit.ch

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