Wo München am lebendigsten ist

Abseits der Brauhäuser und anderer Hotspots wirkt Bayerns Hauptstadt mediterran und durchaus modern. Im Osten ist eine beeindruckende Kreativszene entstanden.

Buntes Zentrum: Das Werk3 hinter dem Ostbahnhof. Foto: Reinhard Schmid (Huber Images)

Buntes Zentrum: Das Werk3 hinter dem Ostbahnhof. Foto: Reinhard Schmid (Huber Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer in einem der weltbekannten Brauhäuser vom Personal unsanft abserviert wird, braucht sich nicht zu wundern. Selbst im Umgang mit Stammgästen holen Kellnerinnen und Kellner schnell einmal anstelle des Zuckerbrots die verbale Peitsche heraus. Erzählt man den Münchnern von den Zuständen in den altehrwürdigen Hallen, lachen diese nur. Das sei halt so in ihrer Stadt. Die unfreundliche Behandlung ist keine Überraschung. Man sagt den Bayern den Hang zum Grantln nach.

Wenn aber im Sommer die Sonne durch die Kronen der Kastanienbäume auf die unzähligen Biergärten scheint und alle draussen sitzen, tauen selbst die mürrischsten Münchner auf. Die Bewohner des grössten Wirtschaftsmotors Deutschlands sagen dann gerne, München sei die nördlichste Stadt Italiens. Mit dem mediterranen Flair im Glockenbachviertel oder den kiesigen Ufern und den Pärken entlang der Isar kommt das sogar beinahe hin. Angesichts all der Velofahrer, Sonnenanbeter und Flusssurfer wird schnell klar: Das Leben der Münchner spielt sich kaum in der berühmten Innenstadt ab, sondern ausserhalb.

Am besten lässt sich München auf dem Velo erkunden

Früher trennte die Isar die Reichen von den Armen. Heute aber entwickelt sich die Stadt im einst heruntergekommenen Osten rasant. Direkt hinter dem Ostbahnhof, wo in Fabriken einst Kartoffeln zu Knödeln verarbeitet wurden, wächst das neuste Kreativquartier der Stadt heran. Das Werksviertel mit den farbigen Containern sticht sofort ins Auge. Alles findet in diesen Ungetümen aus Blech Platz: ein Coiffeursalon für Kinder, ein Motorradshop, Ateliers, Kneipen, davor Grillstände. Gleich dahinter ragt das Werk3 in die Höhe. Ein kolossaler oranger Bau mit Raum für Büros, Kunst, Handel und Unterhaltung. Auf dem Flachdach grasen Schafe, Bienen liefern Stadthonig.

Im Werksviertel wird weiterhin fleissig gebaut, denn hier sollen über 1000 bezahlbare Wohnungen für 3000 Menschen entstehen. Wohnraum ist in München ein knappes Gut, die Stadt wächst pro Jahr um 30'000 Einwohner.

Südliches Flair: Der Strand an der Isar. Foto: Sigi Müller

Im Werk7 hat sich bis Ende Oktober ein Theater eingerichtet. «Die fabelhafte Welt der Amélie» ist die zweite Produktion, die siebenmal pro Woche aufgeführt wird – ein auf Deutsch interpretiertes Stück im intimen Rahmen, das von der Theatralik und Stimmgewalt der Darsteller lebt. Einer von ihnen ist Daniel Wagner aus Oberbayern. «Für mich bedeutet das ein Heimspiel und einen besonderen Luxus», sagt er. Denn oft kann sich der Schauspieler den Arbeitsort nicht aussuchen und muss quer durchs Land reisen. So wie Stephan Bürgi. Der Schweizer lebt in Berlin und steht bis im Herbst in München auf der Bühne. Es sei ein spannendes Theater, sagt Bürgi, weil er mit den Zuschauern interagieren könne.

Am besten lässt sich München auf dem Velo erkunden. Ideal für alle, die auf der Museums-, der Praterinsel oder im Englischen Garten unterwegs sind. Abertausende flüchten im Sommer in die riesige grüne Lunge. Um sich zu erholen, oder um im Eisbach zu schwimmen. An der Isar zeigt sich auch eine ungeahnte Seite Münchens: die Strassenkunst. Die deutsche Sprayerszene formierte sich nämlich in Bayerns Landeshauptstadt und schwappte von hier auf das ganze Land über.

Einer der Grössen heisst Loomit. 1985 versprayte er nachts mit sechs anderen Jugendlichen einen kompletten Zug. Damals ein Novum. Heute hat sich Loomit ganz der Kunst verschrieben. An Wänden und in vielen Unterführungen sind seine Werke tagelanger Arbeit zu sehen – oft auch wieder übermalt oder verschmiert.

München sei der beste Ort Deutschlands, behaupten viele Einheimische. Das Selbstvertrauen ist nicht gerade klein: Fussball, Bier, Kunst und Kultur, nichts, was die Stadt nicht zu bieten hat. Zudem zahlen hier einige der umsatzstärksten und wichtigsten Unternehmen der Republik Steuern. Die Start-up-Dichte ist nirgendwo ­grösser. Firmen wie BMW oder ­Allianz stecken viel Geld in frische Ideen. München versucht gar nicht, sich neu zu erfinden, damit hat es längst begonnen. Nein, die Stadt will sich neu verkaufen: Modern, alternativ, weltoffen und farbig soll München sein.

Das war nicht immer so: Einst entstand in den Braukellern das braune Gedankengut, das sich wie ein Tumor über ganz Deutschland verbreitete. Zum Kriegsende zerstörten alliierte Bomben etwa 70 Prozent der Bayern-Metropole. Paradoxerweise blieben die meisten Nazigebäude unversehrt. Die überlebenden Einwohner karrten den Schutt der Ruinen hinaus auf eine Wiese. Heute steht dort der hügelige Olympiapark, die immer noch futuristisch anmutende Sportstätte der Spiele von 1972.

Trotz der Transformation in eine Weltstadt haben die Münchnerinnen und Münchner ihre Bodenständigkeit behalten: Sie trinken gerne und viel Bier. Immer mehr Insider meiden zwar die Brauhäuser in der touristischen Innenstadt, dafür hat sich aber ausserhalb des Kerns eine stark wachsende Kleinbrauerszene entwickelt. Allen voran das Giesinger Bräu, das als unabhängige Münchner Brauerei aus dem Stadtteil Giesing heraus den Markt aufmischt.

Und plötzlich sind die Münchner nicht mehr mürrisch

Doch die Jungen brauen nicht nur Bier: Eine Tour mit Restaurant-und-Bar-Guide Amadeus Danesitz zeigt, wie kreativ neue Lokale sind. Der gebürtige Münchner ist 58 Jahre alt und sieht aus wie die korpulentere deutsche Version des Schauspielers Robert De Niro. «Das Nachtleben wandelt sich», sagt er bei einem Glas einheimischem Pinot noir. «Und es gibt so viele neue, tolle Orte.» Danesitz schreibt nicht nur Reiseführer, er lebt seinen Beruf. Kaum eine Bar, deren Personal ihn nicht kennt. In Räumen, wo einst über 150 Jahre lang Trachten verkauft wurden, steht jetzt die Bar Griabig, die deutsche Weine jeder Preisklasse anbietet.

Ein paar Strassen weiter verwandeln in The Illusionist junge Schnapsbrenner tiefblauen Gin in einen rosafarbenen Gin Tonic. Einen ungezwungenen Schwatz mit ihnen gibt es an der Theke obendrauf. Und plötzlich sind die Münchner keinesfalls mehr mürrisch oder verschlossen, sondern ganz locker mediterran.

Die Reise wurde unterstützt von München Tourismus



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 23.08.2019, 15:22 Uhr

Kunst, Bier und ein Englischer Garten

Anreise: mit dem Bus (Flixbus, Deutsche Bahn) oder dem Zug nach München. www.sbb.ch

Unterkünfte: Motel One, stylische Hotels an zehn Standorten in München. www.motel-one.com; Ruby Lilly Hotel, moderne Unterkunft nahe beim Hauptbahnhof. www.ruby-hotels.com (alle mittlere Preisklasse).

Aktivitäten: Velotour zum Olympiapark oder zum Englischen Garten. Fahrradverleih Radius (15 Euro pro Tag), www.radiustours.com

Kultur: BMW-Welt, Deutsches Museum, Pinakothek der Moderne, www.museen-in-muenchen.de; Amélie, Werk7; www.werksviertel-mitte.de

Essen und Trinken: Biergärten: Hofbräukeller, www.hofbraeukeller.de; Paulaner am Nockherberg, www.paulaner-nockherberg.com; Augustiner-Keller, www.augustinerkeller.de; Löwenbräukeller, www.loewenbraeukeller.de

In Biergärten darf Brotzeit, also eigenes Essen, mitgebracht werden. Giesinger Bräu, mit Ausschank, heisser Küche. www.giesinger-braeu.de; Meisterstück, regionale Menüs, eigene Brauerei. www.dasmeisterstueck.de. Aroma Kaffeebar, Bio-Kaffee, kleine Gerichte.
Beste Reisezeit: ganzjährig, aber es empfiehlt sich, München während des Oktoberfestes (21.9.–6.10.2019) zu meiden.

Allg. Infos:
www.einfach-muenchen.de

Artikel zum Thema

Ein Dorf, ein Theater

Im nächsten Jahr stehen bei den Passionsspielen in Oberammergau 2400 Dorfbewohner auf der Bühne. Die bayerische Gemeinde rüstet sich für ein Millionenspektakel. Mehr...

Ein Bergkristall mit 50 Betten

Die neue Schwarzensteinhütte mit dem Kupfermantel zeigt: Südtirol setzt im Hochgebirge Zeichen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...