Entspannt durch Paris trotz Terrorangst

Wer das mulmige Gefühl überwindet, geniesst in Paris einen ungewohnt erholsamen Städtetrip. Besonders der Jardin du Luxembourg wird für Familien zum Paradies.

Entspannt: Auf einer Fahrt auf der Seine gibts Sitzplätze für alle. Foto: Mara Brandel (Image Broker)

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Zwei bärtige Männer sitzen an einem lauen Tag in den Pariser Jardins du Trocadéro. Sie nicken einander zu, erheben sich plötzlich und gehen bestimmten Schrittes auf den Eingang des Pariser Aquariums zu. Dort hat sich eine Gruppe Touristen versammelt. Die beiden Männer tragen weite Jacken und Pullover, sind damit für die Jahreszeit definitiv zu warm angezogen. Man hält den Atem an.

Die Männer haben beinahe die Menschengruppe erreicht, da läuft ihnen ein kleines Mädchen entgegen und ruft: «Papa, Papa!» Puh, Entspannung. Nein, die Männer in den weiten Jacken sind keine fanatischen Islamisten, bereit zum Anschlag, sondern französische Väter, die mit ihren Familien die Pariser Ciné­aqua besuchen wollen, das älteste Aquarium der Welt. Trotzdem rutschen die Bilder der Terroranschläge in London, Barcelona oder eben in Paris immer mal wieder ins Bewusstsein.

Bretagne statt Paris

Sind Städtereisen mit latenter Angst nicht mehr Stress als Erholung? Für viele lautet die Antwort: Genau so ist es. In Paris sind die Anzahl Hotelübernachtungen 2016 im Vergleich zum Vorjahr von 50 Millionen auf 44 Millionen zurückgegangen. Und im ersten Halbjahr 2017 haben sich die Zahlen nur minimal verbessert. Wer nach Frankreich verreist, den zieht es heute eher an die Côte d’Azur oder in die Bretagne. Viele machen um Paris einen grossen Bogen.

Das spürt man als Besucher in der französischen Hauptstadt derzeit an jeder Ecke. Im Jardin du Luxembourg zum Beispiel, der im Herzen der Stadt liegt. In der grossen Laube spielt eine Jazzband. Sie wird später von einem A-cappella-Chor abgelöst. Das Café unter den schattigen Ahorn- und Kastanienbäumen ist der ideale Ort, um sich an einem sonnigen Tag wie heute zu erholen und Musik zu geniessen. Dafür stehen Dutzende leerer Tische zur Verfügung. Der Kellner ist sofort zur Stelle und bringt die Karte. Wenige Augenblicke später steht das perlende Kronenbourg-Pils auf dem Tisch.

Selbst fürs Ponyreiten muss man nicht anstehen: Kinder im Jardin du Luxembourg. Foto: Michael Gunther (Biosphoto)

Dasselbe entspannte Bild bietet sich vor dem Palais de Luxembourg: Das Gebäude, das der Sonnenkönig Louis XIV für seine Mutter bauen liess, nutzt heute der französische Senat. Davor liegt ein aufwendig konstruiertes, achteckiges Wasserbecken. Schon seit den frühen 20er-Jahren können hier kleine Segelschiffe mit langen Ruten aufs Wasser geschoben werden. Der Wind trägt sie von der einen Seite des Beckens zur anderen, wo das Spiel von neuem beginnt. Bis vor kurzem wurde die Geduld von Kindern (und Eltern) endlos auf die Probe gestellt, bis ein Schiff frei wurde.

Irgendwie trägt auch die Bewachung zur Entspannung

Jetzt ist weit und breit keine Warteschlange in Sicht. Es gibt Boote für alle. Die gelöste Atmosphäre wird selbst von Polizisten in Kampfmontur mit angeschlagener Maschinenpistole nicht gestört, die an jeder Ecke postiert sind. Im Gegenteil, irgendwie trägt auch die Bewachung zur Entspannung bei.

Sogar beim Ponyreiten im Jardin du Luxembourg muss niemand anstehen. Jedes Wochenende dürfen Kinder für zwei Euro rund um den Park reiten. Eltern aufgepasst: Die Ponyhalter machen den halbstündigen Rundgang nicht mit. Sobald man die Euromünzen übergeben hat und die Kinder fest im Sattel sitzen, drücken die Besitzer einem die Zügel in die Hand und rufen: «Allez!» Sie selber setzen sich gemütlich unter einen Baum und zünden sich eine Zigarette an.

Doch nicht für alle Pariser ist das Leben so entspannt. 400'000 Menschen im Grossraum leben vom Tourismus. François Kneuss zum Beispiel. Er organisiert für den Schweizer Reiseveranstalter Frantour-Railtour seit 41 Jahren Touren in der französischen Hauptstadt. Einen Besucherschwund, wie Paris ihn derzeit erfährt, hat er noch nie erlebt.

Kneuss steht an der Bar der Taverne Henri IV und geniesst ein Glas weissen Chinon. Hier stärken sich auch Anwälte und Klienten, bevor sie zu ihren Terminen beim Kassations- oder Appellationsgerichtshof eilen. Das Nervenzentrum des französischen Rechtssystems befindet sich im Palais du Justice ein paar Häuser weiter. Der französische Autor Georges Simenon soll auf der Suche nach Inspiration für seine Maigret-Romane oft still in einer Ecke gesessen und den Gesprächen der Tavernenbesucher gelauscht haben. So berichtet es zumindest der Besitzer des Henri IV.

Kneuss sagt: «Die meisten Buchungen kommen sehr kurzfristig herein. Man spürt, dass die Leute Angst vor einem Terrorangriff haben und sofort reagieren wollen, sollte etwas passieren.» Das Last-Minute-Verhalten mache es für die Branche sehr schwierig zu planen. Was sich gar nicht erholt hätte, räumt Kneuss ein, seien die grossen Touren. Zum Glück würden die Asiaten wieder buchen, allen voran die Chinesen. «Und auch bei den Individualtouristen ist die Lage etwas besser geworden», erklärt der Pariser Agenturchef weiter. «Sie interessieren sich weniger für die klassischen Sehenswürdigkeiten wie den Louvre oder Notre Dame, sondern eher für Themenführungen.» Individualtouristen begeben sich etwa auf Picassos Spuren oder erkunden Paris mit dem Velo.

«Man spürt die Angst vor einem Terrorangriff. Die meisten Leute buchen kurzfristig, sie wollen reagieren können.»

François Kneuss, Reiseveranstalter

Das Ausbleiben der Massen wird auch bei einer Fahrt auf der Seine deutlich. Das Boot legt vom Quai gleich unterhalb der Taverne Henri IV ab. Die Reiseleiterin beginnt, die Sehenswürdigkeiten aufzuzählen: «Zu Ihrer Linken liegt die ehemalige Bahnstation d’Orsay, die heute zu einem Museum für französische Kunst umfunktioniert wurde; zu Ihrer Rechten das Grand Palais der Pariser Expo von 1900; und dort vorne sehen Sie schon die Spitze des Eiffelturms.» Die Lautsprecher sind so laut eingestellt, dass es vermutlich auch den Besuchern auf den nächstgelegenen Plätzen in den Ohren dröhnt. Doch das Problem lässt sich einfach lösen. Im hinteren Teil des Schiffs gibt es noch genügend Sitzgelegenheiten. Auf dem Boot, das 100 Personen Platz bietet, reist nur ein Dutzend Touristen.

Vollbesetzte Rattanstühle

In den Bistros und Cafés platzt Paris allerdings immer noch aus allen Nähten. Egal in welchem Arrondissement, egal zu welcher Tageszeit, egal ob das Wetter hält, auf den typischen kleinen Rattansitzen sitzt man dicht an dicht.

Am Nebentisch im Café Buci an der Rue Mazarine berichtet ein Mittfünfziger von seinem neuesten Bühnenskript; er stehe damit als Autor kurz vor dem Durchbruch. Der Mann ist in Begleitung seiner Mutter, die im Rollstuhl sitzt. Hinter ihr läutet eine Gruppe gut gekleideter Pariser und Pariserinnen den Abend mit einer Flasche Champagner ein. Mittendrin eine Touristenfamilie mit drei Kindern. Es beginnt zu regnen, und alle rücken auf dem engen Trottoir noch enger zusammen. Paris, wie es leibt und lebt.

Auf einmal kreischen vor dem Lokal die Reifen. Ein Auto ist nur mit Glück beim Ausweichen eines Lieferwagens nicht in die Bistrobesucher hineingefahren. Der Beinahe-Unfall stört die Atmosphäre im Café Buci nur einen Herzschlag lang. Dann summen die Gespräche wieder. So kurz die Schrecksekunde auch war, einen Moment lang war greifbar, wie nah unter der Oberfläche die diffuse Angst vor Attentaten in Paris doch ist. Letztes Jahr starben bei Terrorangriffen europaweit 130 Menschen, auf Europas Strassen waren es 25'000. Das Risiko, in einem Verkehrsunfall das Leben zu verlieren, liegt also fast 200-mal höher, als bei einer Terrorattacke. Klar möchte man während der Ferien nicht darüber nachdenken. Aber vielleicht helfen die Zahlen doch, wenn man das nächste Mal vor der Entscheidung steht, ob Paris eine Reise wert ist.

Die Reise wurde unterstützt von Frantour-Railtour. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 18:34 Uhr

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Städtereise nach Paris

Die wichtigsten Infos

Anreise: Der TGV fährt täglich dreimal ab Zürich Hauptbahnhof nach Paris Gare de Lyon. Die Fahrt dauert exakt vier Stunden. An Wochenenden lohnt sich eine Platzreservierung.

Reiseveranstalter: Das grösste Paris-Angebot bei Frantour-Railtour, Tel. 031 378 01 01, www.frantour.ch

Arrangement: 3 Nächte inkl. Frühstück, Hotel Comfort Davout Nation***, Bahnfahrt ab Basel inbegriffen: Erw. ab 541 Fr. p. P.; Kinder ab 152 Fr. p. P. (Preis mit Halbtaxabo resp. Junior-Karte)

Übernachten – Drei familienfreundliche Hotelempfehlungen in der Nähe des Jardin du Luxembourg:

1. Le Sénat: Grosse Familienzimmer ab 250 Fr. pro Nacht, www.hotelsenat.com
2. Le Clos Medicis: Kleines, familienfreundliches Studio ab 200 Fr. Die Zimmer im vierten Stock sind nur über eine Treppe zu erreichen, www.closmedicis.com
3. Les Dames du Panthéon: Grosszügige, familienfreundliche Zimmer. Ab 300 Fr. pro Nacht, www.hotellesdamesdupantheon.com

Allgemeine Infos: www.parisinfo.com; www.atout-france.fr

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