Die Stadt der Schreiber

Sonntagsausflug nach Olten, wo der Schriftstellerweg zum Wandern, Lesen und Hören einlädt – und zum Essen und Trinken.

Holzwege: Die Oltner Dichtertour beginnt bei der Alten Brücke. Foto: Stefan Bohrer

Holzwege: Die Oltner Dichtertour beginnt bei der Alten Brücke. Foto: Stefan Bohrer

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Für Franz Hohler besteht, wenns um die Heimat geht, kein Zweifel: «Olten», sagt das literarische Urgestein, «ist die schönste Stadt der Schweiz.» Auch wenn er längst nach Zürich ausgewandert ist, kehrt Franz Hohler alle zwei Wochen an die Aare zurück, um seinen betagten Vater zu besuchen.

Im Flügelrad, jener Beiz hinterm Bahnhof, die das ausgediente SBB-Logo wieder aufleben lässt, verwöhnt Pedro Lenz seine Gäste mit währschafter Gutbürgerlichkeit. Heute allerdings lässt der derzeit angesagteste Schweizer Literat seine Gäste im Stich – es ist Sechseläuten-Montag, und der Lenz ist am Zürcher Frühlingsfest Ehrengast. Dafür ist Alex Capus da. Nur wenige Hundert Meter vom Flügelrad entfernt steht der Erfolgsautor wie an jedem Montag hinter der Galicia-Theke; als Sevilla-Bar ist das Lokal zentraler Schauplatz im Bestseller «Das Leben ist schön».

Capus zapft Drei-Tannen-Bier. Die drei Tannen, die das Stadtwappen zieren, schmücken auch den Zapfhahn; und der Hopfensaft, den Luc, der Sohn des Schriftstellers, im Keller unten braut, ­sprudelt in der Bar oben ins Glas. Wer zum Drei-Tannen-Gebräu auch noch einen Capus liest, hat gute Chancen auf ein Autogramm vom Autor. Und wenn der gut drauf ist, lässt er sich zu einer Partie Pool-Billard überreden.

«Höchste Literatendichte» schweizweit

Hohler, Lenz, Capus: Das literarische Trio von Olten ist sozusagen die belletristische Speerspitze. Des Weiteren hat die Stadt Legenden wie den schreibenden Verleger Otto F. Walter, den Krimi-Pfarrer Ulrich Knellwolf «und mindestens noch ein Dutzend weitere Koryphäen und Slam-Poeten» hervorgebracht, weiss Stefan Ulrich, der Leiter des Tourismusbüros. «Wenn man die Stadtbevölkerung, gut 18 000 Menschen, auf die Zahl unserer Schriftsteller umlegt», rechnet Verleger Thomas Knapp vor, «wird klar, dass Olten schweizweit die höchste Literatendichte hat.»

Das, witzelt Alex Capus, müsse wohl am Trinkwasser liegen: «Die haben da bestimmt irgendwas reingetan!»

Vor Jahresfrist lancierten ­Stefan Ulrich, der PR-Stratege, und Thomas Knapp, der Buch-Macher, das Konzept Olten LiteraTour-Stadt mit einer Reihe von Veranstaltungen, die laufend aktualisiert und ergänzt werden. Das spannendste dieser Projekte ist zweifellos der Schriftstellerweg, der über eine Hohler-, eine Lenz- und eine Capus-Route durch die Stadt führt. Dabei erweisen sich die Autoren als literarische City-Guides.

«Ein Marketing-Furz»?

Es empfiehlt sich, Zeit mitzunehmen. Und ein Smartphone; denn die längste der drei Routen – es ist Hohlers Strecke – nimmt eine knappe Stunde, die kürzeste – jene von Capus – noch immer eine gute halbe Stunde in Anspruch. Jedes der drei Wegstücke ist bestückt mit acht Hörstationen. Hier bekommt der Stadtwanderer eine kleine Geschichte zum Ort vorgelesen vom jeweiligen Autor und abrufbar über einen QR-Code, den man sich aufs Handy lädt. Wer kein Smartphone bei sich hat, kann sich beim Tourismusbüro einen iPod ausleihen, und wer auch damit nichts anzufangen weiss, muss halt wie früher … lesen! Im Taschenbuch «Die Prinzessin, der General und die Sängerin» sind die 24 Episoden des Schriftstellerwegs schwarz auf weiss nachlesbar.

Zunächst hatte sich die Begeisterung bei Capus in Grenzen gehalten, als ihn die Anfrage erreichte, sein Olten anhand von acht Storys vorzustellen. «Wieder so ein Marketing-Furz», motzte er. Und als man ihm auch noch seine Tour im Stadtplan vorgeben wollte, rebellierte er offen: «So geht das nicht; mit Künstlern kann man das nicht machen!» Schliesslich hat jeder Schriftsteller seine eigene Tour definiert – und siehe da: Als wärs abgesprochen gewesen, ergänzen die drei Routen einander optimal.

Eine Widmung von Capus

Nach einem Jahr zieht Capus Bilanz. «Ich muss zugeben», brummt er und zapft zwei dunkle Drei-Tannen-Bier, «der Schriftstellerweg hat sich bewährt – ein durchschlagender Erfolg auf der ganzen Linie.»

Die beiden jungen Frauen, die an der Theke miteinander anstossen, sind aus Wien und Hamburg angereist – und auf «Gleis 7» ausgestiegen, der ersten Station der Capus-Route. Lächelnd legen sie ihre beiden Capus-Bände auf den Tresen und hätten gerne eine Widmung «für Sabine und Hannelore».

Nach dem Apéro in der Galicia-Bar gönnen sie sich ein Nachtessen bei Pedro Lenz. Das Flügelrad ist die letzte Station auf dem Schriftsteller-Trip.

Erstellt: 27.04.2017, 15:11 Uhr

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